Gelingendes Miteinander von Alt und Jung

Vor zehn Jahren brachte Horst Krumbach die Idee der Generationsbrücke von den USA nach Deutschland Heute wirkt das Sozialunternehmen mit katholischen Wurzeln erfolgreich von Bayern bis Schleswig-Holstein. Von Rocco Thiede

Miteinander spielen, basteln, lachen...: verschiedene Generationen im Austausch. Foto: RT
Miteinander spielen, basteln, lachen...: verschiedene Generationen im Austausch. Foto: RT

Als ich das erste Mal von der Generationsbrücke hörte, habe ich mich schon gefragt, was denn daran neu ist“, brachte es der Präsident des Deutschen Caritasverbandes Prälat Peter Neher einmal auf den Punkt. „Was ich aber bei der Generationsbrücke als Besonderheit sehe, ist die Systematik, mit der hier gearbeitet wird“, stellte Neher unmittelbar darauf klar. Vor zehn Jahren brachte Horst Krumbach die Idee des gelingenden Miteinanders von Alt und Jung von den USA nach Deutschland. Und vor fünf Jahren (2012) wurde die „Generationsbrücke Deutschland“ (GBD) als Sozialunternehmen in Aachen gegründet.

Vielfach ausgezeichnet wirkt die GBD heute sehr erfolgreich von Bayern bis Schleswig-Holstein und beweist, wie das Miteinander zwischen Alt und Jung mit Nachhaltigkeit, Respekt und Verantwortung gelingen kann. Sicher gab es das auch schon früher, dass sich Senioren und Kinder in Altenheimen trafen – etwa zum Laternenbasteln zu St. Martin, bei Gebäck und Liedern in der Adventszeit oder im Frühjahr zum Bemalen von Ostereiern. Doch das waren in der Regel Einmalaktionen, auch wenn sie jedes Jahr wiederholt wurden. Im Zentrum der Generationsbrücke hingegen steht „das gemeinsame Tun“, die Interaktionen zwischen älteren und jüngeren Menschen sowie die von verlässlicher Regelmäßigkeit geprägten Eins-zu-Eins-Begegnungen, wie Prof. Ursula Lehr, ehemalige Bundesfamilienministerin lobend das Besondere an der Generationsbrücke herausstellt. Theorie und Praxis werden hier ideal miteinander verbunden und selbst schwere Themen wie Krankheit, Tod, Abschied und Trauer werden für die Kinder nicht ausgespart.

In Denver stieß der ehemalige Banker Horst Krumbach auf das Projekt von „Bessie's Hope: Bringing Generations Together“. Mit Hilfe eines kleinen Teams variierte er die amerikanische Idee, entwickelte sie weiter und passte das Konzept auf deutsche Rahmenbedingungen – zuerst im katholischen Raum – an. Heute gehört die „Generationsbrücke Deutschland“ zu einem der erfolgreichsten Sozialunternehmen hierzulande – auch weil die Arbeit der „Generationsbrücke“ mittlerweile Teil von Bildungsplänen in ausgewählten Kitas und Schulen geworden ist. Alte, teils demente Menschen treffen sich ein ganzes Jahr lang mindestens einmal im Monat mit Vorschulkindern oder Grundschülern aus der 3. oder 4. Klasse – und zwar regelmäßig und verbindlich. Sie spielen, basteln und singen miteinander, lachen gemeinsam und lernen voneinander. In acht Bundesländern arbeitet die „Generationsbrücke Deutschland“ mittlerweile in über 50 Alten- und Pflegeheimen mit fast 100 Kooperationspartnern. Ein weiterer Ausbau ist geplant.

Aber auch im benachbarten Ausland findet die Idee mittlerweile ihre Anhänger. In Polen startete voriges Jahr ein erster Kooperationspartner in Wroc³aw (Breslau). Wenig später folgte ein Pilotprojekt in Schweden. Und in Spanien fand die Präsentation der Aktivitäten der GBD vor 400 Fachleuten, darunter auch Regierungsvertretern, großes Gehör. Selbst in Ägypten oder im fernen China ist das Interesse für die Generationsbrücke groß. Hintergrund ist der demografische Wandel. Weltweit werden die Menschen von Jahr zu Jahr älter und in den führenden Industrienationen wächst die Zahl der älteren, zu pflegenden Menschen. Statt in Großfamilien mit mehreren Generationen zu leben, erfahren jüngere Menschen hingegen in ihren Peergroups wenig vom Leben der älteren Generation zwischen 70 und 100 Jahren.

Auch deshalb ist es wichtig, Antworten auf die Fragen zu finden, wie sich das Modell der GBD im großen Stil implementieren lässt und welche politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür nötig sind. In der Vergangenheit gab es zahlreiche Förderer, wie den „Generali-Zukunftsfond“ oder die Sparkasse Aachen. Und es halfen und helfen den Machern der Generationsbrücke vor allem Stiftungen, wie Robert Bosch, Körber und ganz besonders die BMW Stiftung Herbert Quandt. Letztere versteht sich auch international als Treiber sozialer Innovationen und ist intensiver Unterstützer sogenannter „Social Entrepreneurs“, wie sie Horst Krumbach mit seiner Generationsbrücke verkörpert.

Ein besonderes Merkmal der Generationsbrücke sei es, dass hier nicht über ältere Menschen geredet wird, sondern mit ihnen, betont der international renommierte Gerontologe Professor Andreas Kruse von der Universität Heidelberg, der ein wichtiger Berater der Bundesregierung sowie Vorsitzender der Altenkommission ist. Kruse unterstützt sie personell im Beirat der Generationsbrücke. Das ist hilfreich, aber greifen muss die Idee an der Basis: in den Heimen, den Kitas und Schulen. Für sie ist es sicher von Vorteil, die Entstehung und Geschichte der Generationsbrücke sowie ihre Arbeitsweise zu kennen, inklusive der Menschen dahinter, wie die drei hauptberuflichen Projektkoordinatoren und ein halbes Dutzend ehrenamtlicher Unterstützer.

Die „Generationsbrücke Deutschland“ als beispielhaftes Projekt für ein besseres Miteinander möchte auch in Zukunft Familien mit pflegebedürftigen Angehörigen, alte wie junge Menschen systematisch zusammenbringen. Menschen, die in Altenheimen, Schulen, Kitas, Verwaltungen, Behörden und Stiftungen arbeiten, müssen vom Modell der Generationsbrücke überzeugt werden. Dafür ist es notwendig, dass Politik, Zivilgesellschaft und die freien Träger an einem Strang ziehen und die „Generationsbrücke Deutschland“ flächendeckend etablieren. Die Wohlfahrtsverbände, wie der Partner Caritas, könnten ihre Prinzipien zum Standard in ihren Einrichtungen machen. Dann kann die GBD ihre gesellschaftspolitische Wirkung voll entfalten. Es ist wichtig, dass in einer alternden Gesellschaft Brücken zwischen den Generationen gebaut werden, um mehr Sensibilität für die Bedürfnisse alter und pflegebedürftiger Menschen zu schaffen. Das Potenzial ist riesig. Aktuell gibt es rund 13 000 Alten- und Pflegeheime in der Bundesrepublik und deutschlandweit fast drei Millionen pflegebedürftige Menschen.