Asunción

Ganz nach ihrer Façon

Relikte aus der Alten Welt: Deutschstämmige Mennoniten im Gran Chaco Südamerikas.

Deutschstämmige Mennoniten im Gran Chaco Südamerikas
Leben nach der alten Art: Dem Fotografen Miguel Bagasa gelang dieses Foto in Nueva Durango (Paraguay). Foto: Flickr/Museum der Universität Navarra

Besucher aus Deutschland, die in Paraguay ab der Hauptstadt Asunción auf der Ruta Nacional 9 in Richtung Innenland unterwegs ist, wundern sich. Da scheinen sie gerade an „Ebenfeld“ und „Friedensheim“ vorbei gekommen zu sein – und nun sollen gemäß den Hinweistafeln „Neuhof“ und „Waldheim“ folgen. Auch „Neu-Möln“ und „Brunnental“ lägen unweit der schnurgeraden Asphaltstraße, die sich durch die eintönige Savanne des Gran Chaco zieht. Eine deutsche Exklave?

Nicht ganz – aber hier ist Mennoniten-Land. Die kleinen Kolonien scheinen Relikte aus der Alten Welt, welche irgendwie in Lateinamerika gelandet sind: Inselchen mit hellhäutigen, blauäugigen Menschen. Aufgeräumte Häuschen stehen da auf akkurat abgezirkelten Parzellen, wirken irgendwie seltsam fremd im sonst vorherrschenden wilden Chaos des tropischen Landstriches. Die Leute tragen schlichte Kleidung: Die Männer ein unifarbenes Hemds, Jeans-Latzhose und Hut. Die Frauen sind ebenfalls uniform gewandet, in altmodische, lange Kleider – und sie haben einen Strohhut mit einem dunklen Band auf. Sie sprechen eine Art Deutsch – Plautdietsch genauer gesagt – eine Variante des Ostniederdeutschen aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

Distanz zu der gottlosen Moderne

Die ganz traditionalistischen Mennoniten glauben, dass jeder Kontakt mit der Moderne von Gott und vom Glauben wegführe. Doch diese ganz Strenggläubigen werden allmählich weniger, die undogmatisch und liberaler Denkenden in den Gemeinschaften nehmen zu.

Aber ein Besuch im kleinen Schulhaus in der Kolonie Nueva Durango verrät: Hier im Örtchen an der Grenze zu Brasilien wird im Ein-Klassen-Zimmer noch die „alte Schule“ gepflegt. Die größeren Schüler sitzen hinten, die kleineren vorne, die besseren zum mittleren Gang hin, welcher Jungen und Mädchen voneinander trennt. Unterrichtet werden die Fächer Religion, Rechnen, Rechtschreiben, Schönschreiben und Singen.

Zu Schulbeginn wird das Morgenlied aus dem alten Gesangbuch gesungen und daraufhin stehend und mit geneigtem Haupt ein Vaterunser gesprochen. Auf den Befehl des Lehrers „Bücher nehmen!“ greifen die jüngsten „Fibler“ zu ihrem ABC-Fibeln, die „Katechismer“ zu ihrem Büchlein, die „Testamentler“ lesen halblaut aus dem Fundamentbuch. Die Gruppe der „Bibler“ liest währenddessen still für sich aus der Heiligen Schrift.

Darauf folgt eine Schreibstunde, in welcher die Fibler und Katechismer wie zur Gründerzeit mit dem Griffel auf ihre Schiefertafeln kritzeln, während die Testamentler und Bibler mit Federhalter und Tinte in ihr Heft niederschreiben, was der Lehrer an der Tafel vorgibt. Zum Schluss der Schulstunde wird das Dankeslied „Aller Augen warten auf dich“ angestimmt. Ihre streng auf der Bibel basierende Schulbildung endet in Nueva Durango für Jungen mit 13, für Mädchen mit zwölf Jahren. Danach beginnt das Arbeitsleben.

Nueva Durango ist noch fest in der Hand der Konservativen. Während moderne Kolonien ihre Regeln lockern, lehnen die Altgläubigen hier technische Errungenschaften wie Automobile ab. Traktoren akzeptieren sie, aber nur solche mit Stahlrädern. Denn der Besitz eines Gefährts mit Gummireifen würde zu Abstechern in die Außenwelt verleiten: eine Todsünde.

Mennoniten: Kirche ohne Hierarchie

In der Regel wollen sie von Fremden nicht fotografiert werden. Dem Spanier Miguel Bargasa gelangen aber – nach längerer Anwesenheit im Dorf – Fotos wie aus einer anderen Zeit. Mädchen und Frauen tragen identisch geflochtene Zöpfe und bei ihnen ist kaum ein Kleid finden, dessen Länge oder Ärmel mehr als nur ein paar Millimeter von der vorgeschriebenen Fasson abweichen. Für die Einwohner von Nueva Durangos sind das keine willkürlichen Vorschriften: Sie sind der einzige Weg zu Erlösung, und die Kolonisten halten sich daran in der Überzeugung, ihr Seelenheil hänge davon ab.

Kirchliche Hierarchien gibt es bei den Mennoniten nicht: Sie selbst wählen sich ihren Pfarrer. Und sie fordern immer noch, dass nur jene getauft werden, die sich bewusst für den Glauben entscheiden – als mündige Mitglieder der Gemeinschaft.

Die Bezeichnung Mennoniten geht zurück auf den friesischen Reformator Menno Simons. Dieser, 1496 in Witmarsum im holländischen Friesland geboren, war ursprünglich katholischer Priester. Im Laufe der Jahre und während seines Studiums der Heiligen Schrift gelangte er zur Überzeugung, dass die Säuglingstaufe unbiblisch sei.

Mit seinen Ideen geriet er in Konflikt mit der katholischen Kirche wie auch mit den Lutheranern. Erwachsenentaufe, Pazifismus und die These, dass man durch bescheidene Lebensführung in den Himmel komme, bargen Konfliktstoff und kamen bei beiden Konfessionen nicht gut an. Da sich diese von Simons neuer Lehre bedroht fühlten, begannen sie, seine Anhänger in ganz Mittel- und Westeuropa zu verfolgen. Die Mennoniten weigerten sich, in Kriegen zu kämpfen, da sie sich zur Gewaltlosigkeit entschieden hatten. Neben der Bibel ist ihnen das Fundamentbuch Menno Simons, die 1540 erschienene Schrift „Das Fundament der christlichen Lehre“, Orientierung.

Viele Mennoniten flohen nach Russland, wo man ihnen Siedlungen zuwies, in denen sie unbehelligt vom Rest der Gesellschaft leben konnten. Verfolgte Mennoniten zählten im 17. Jahrhundert auch zu den ersten Deutschen, die sich nach Nordamerika einschifften. Anfang der 1870er Jahre setzten auch in Russland Verfolgungen ein, sodass die Gruppe ihre nächste Zuflucht in Kanada suchte. Dessen Regierung hieß sie als dringend benötigte Siedlerpioniere willkommen.

Vorerst konnten sie da ungestört ihren Glauben pflegen. Als Kanada aber ab den 1920er Jahren darauf bestand, dass der Unterricht im Lande nun in englischer Sprache zu erfolgen habe, zogen traditionalistische Mennoniten es vor, weiter im Süden, in Mexiko, Belize, Bolivien oder Argentinien ihr Heil zu finden.

Nach Paraguay kamen die Mennoniten in drei großen Einwanderungswellen: Eine erste, eine kanadische Gruppe aus Manitoba, gründete im Jahre 1926 eine Menno-Kolonie. Die Bedingungen waren schwierig: Ein Ausbruch von Typhus tötete viele Siedler und ein Teil von ihnen kehrte daraufhin nach Kanada zurück. Unter schwersten Bedingungen besiedelten und bearbeiteten die Übrigen den trockenen Chaco, suchten nach Wasser und verwandelten ihn allmählich in ein landwirtschaftlich nutzbares Gebiet. Die Beziehungen zur indigenen Bevölkerung waren – aufgrund der Friedfertigkeit der Mennoniten – immer gut.

Eine weitere große Gruppe Russlandaussiedler kam 1930 aus der Ukraine und gründete die Kolonie Fernheim. Sie legten auch den Grundstein zu Filadelfia, welches sich in der Folge zu einem Organisations-, Handels- und Finanzzentrum der Täufer entwickelte. Eine deutschsprachige Zeitung wurde da publiziert, das Menno Blatt. Filadelfia ist heute die größte und typischste mennonitische Gemeinde in Paraguay und ein wachsendes Zentrum – auch des lokalen Tourismus.

Im Chaco-Krieg von 1932 bis 1935, einer unsinnigen kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Bolivien und Paraguay um das Gebiet des Chaco, welche schlussendlich mehr als 150 000 Tote fordert, waren die Wohngebiete der Mennoniten nicht direkt in die Kriegshandlungen involviert, obwohl sie in unmittelbarer Nähe der Schlachten lagen. Die tüchtigen Bauern der Kolonien wurden aber überlebenswichtig für die Truppenverpflegung – und die Gemeinschaften gewannen bei den Paraguayern an Ansehen.

Sie sind sehr erfolgreich als Unternehmer

1947 gründete eine Gruppe russischer Einwanderer, die vor dem Stalinregime fliehen musste, noch die Kolonie Neuland. Insgesamt leben in den Kolonien etwa 25 000 deutschsprachige Mennoniten. Die Plackerei im Gran Chaco begann sich ab den 70er Jahren zu lohnen. Dank der rigiden Arbeitsethik der Mennoniten wurde das Savannenland zu weiten, fruchtbaren Feldern. Heute sind die mennonitischen Kooperativen erfolgreiche Unternehmen. Sie pflegen — im Einklang mit ihrem Glauben — eine kapitalistisch orientierte Kultur. Ihre effiziente Landwirtschaft schuf einen landwirtschaftlichen Boom.

Über 60 Prozent der Milchprodukte in Paraguay stammen heute von ihnen – und auch in der Fleischproduktion sind sie führend. Allein im riesigen modernen Schlachthof „Frigo Chorti“ nahe der Kolonie Menno werden täglich über tausend Tiere geschlachtet und verarbeitet. Die Milch- und Fleischprodukte aus den Menno-Kolonien sind in den Supermärkten Paraguays ein Qualitätsbegriff.