Fünf Sterne für die Seenotretter

Ende Mai wird die „Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“ 150 Jahre alt. Der Verein blickt auf eine bewegte Geschichte und in eine innovative Zukunft. Von Dagmar Krappe

Im Einsatz: Nautiker Torsten Möllenberg an Bord des Seenotkreuzers „Hermann Rudolf Meyer“. Foto: Axel Baumann
Im Einsatz: Nautiker Torsten Möllenberg an Bord des Seenotkreuzers „Hermann Rudolf Meyer“. Foto: Axel Baumann

Frostig ist es an diesem Frühlingsmorgen. Als ob er sich wärmen wollte, hat sich der Himmel über Norddeutschland in einen dicken, schmuddelweißen Nebelmantel gehüllt. Der einzige Farbtupfer ist die weithin leuchtende rote Signalfarbe des Seenotkreuzers „Hermann Rudolf Meyer“. Am Alten Vorhafen zwischen Geeste und Weser warten Mannschaft und Schiff auf ihren Einsatz.

„In unserer Region tummeln sich viele Freizeitskipper. Deshalb geht es überwiegend von Ostern bis Oktober rund. 2 000 Quadratkilometer beträgt unser Revier“, meint Klaus-Dieter Muth, während er in der kleinen Kombüse frischen Tee aufbrüht. Er ist einer von 25 aktiven Freiwilligen der Bremerhavener Station der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). 30 bis 40 Einsätze sind es pro Jahr für die „Hermann Rudolf Meyer“. Insgesamt sind die 60 Schiffe, die sich auf 54 Stationen zwischen Borkum in der Nordsee bis Ueckermünde an der Ostsee verteilen, im vergangenen Jahr knapp 2 200 Mal ausgelaufen. 768 Menschen wurden gerettet.

Am 29. Mai ist es genau 150 Jahre her, dass die DGzRS in Kiel gegründet wurde. Auslöser sind Mitte des 19. Jahrhunderts tragische Schiffsunglücke mit zahlreichen Toten vor allem in der Nordsee vor den ostfriesischen Inseln. Doch zunächst ist es nicht leicht für die Verfechter und Wegbereiter, die Bevölkerung an der Küste zu motivieren, ihr Leben freiwillig zur Rettung fremder Menschen einzusetzen. Nach und nach bilden sich kleine Rettungseinheiten an Nord- und Ostsee. Sie schließen sich 1865 zur „Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“ mit Sitz in Bremen zusammen. Offene Ruderboote aus kannelliertem Eisenblech, Raketenapparate, um Taue zu den Schiffbrüchigen zu schießen und diese mittels Hosenbojen an Bord zu hieven, sind die ersten Ausstattungsmaterialien. Die Retter selbst tragen Ölzeug und Korkschwimmwesten. Ab 1911 erleichtern dieselbetriebene Motorboote die riskante Arbeit. 1957 wird der erste moderne Seenotkreuzer vom damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss auf dessen Namen getauft. Heute hat die Institution eine der innovativsten Flotten der Welt.

Von Anfang an setzte man auf Freiwilligkeit und Unabhängigkeit. Die DGzRS ist ein rechtsfähiger Verein kraft staatlicher Verleihung, der aber keinerlei Unterstützung aus Steuergeldern erhält, sondern sich nur aus freiwilligen Zuwendungen wie Mitgliedsbeiträgen, Spenden, Nachlässen oder Bußgeldern finanziert. Bereits 1875 werden die ersten Sammelschiffchen, das Symbol der Seenotretter, aufgestellt. 180 festangestellte Mitarbeiter und 800 Freiwillige sind derzeit für die Seenotrettung tätig.

Ihren Namen erhielten die 20 Seenotkreuzer und 40 Rettungsboote häufig nach großen Mäzenen, Orten, aus denen besonders viele Spenden kommen, oder Männern, die während einer Rettungsaktion ihr Leben verloren. „Der Name ,Hermann Rudolf Meyer‘ geht auf den 1979 verstorbenen Verleger des Bremer Weser-Kuriers zurück“, erzählt Vormann Ulrich Fader: „Das sieben Meter lange Tochterboot in der Heckwanne wurde nach seinem Enkel Christian benannt.“ Insgesamt kamen seit Gründung der DGzRS 45 Retter ums Leben. Die letzten schweren Unglücke ereigneten sich 1967 vor Helgoland und 1995 vor Borkum. Wobei nicht die Schiffe das Problem waren. Sie sind seit Jahrzehnten im Netzspantensystem komplett aus Aluminium gebaut und als Selbstaufrichter konstruiert. „Das bedeutet, sie richten sich selbst nach einem Durchkentern in schwerster See wieder auf“, so Fader. Unfälle und menschliches Versagen waren die Ursache. Für die unterschiedlichen Einsatzgebiete gibt es derzeit vier verschiedene Kategorien von kleineren Seenotrettungsboten und sechs Seenotkreuzer-Klassen von 20 bis 46 Meter Länge, die alle mit einem Tochterboot ausgestattet sind. Das erste Schiff der neuen 28-Meter Klasse entsteht derzeit auf der Werft Fr. Fassmer in Berne-Motzen an der Unter-Weser. „Die Taufe ist während der „Jubiläumswoche der Seenotretter“ am 30. Mai in Bremerhaven vorgesehen“, sagt Projektleiter Holger Freese: „Danach löst es auf Amrum die jetzige ,Vormann Leiss‘ ab, die nach 30 Jahren ihren Dienst quittiert.“

Auf der Werft Tamsen Maritim in Rostock wird zeitgleich an einem Rettungsboot gebaut. Da die DGzRS 2015 nicht nur ihren 150. Geburtstag begeht, sondern auch ihren 25-jährigen Einsatz in Mecklenburg-Vorpommern seit der Wiedervereinigung, ist geplant, das Schiff am 29. Mai auf dem Bremer Marktplatz in Anwesenheit des Schirmherrn der DGzRS, Bundespräsident Joachim Gauck, zu taufen.

„Seenotrettung ist eine der letzten Männerdomänen“, bemerkt Ulrich Fader: „Es liegt in erster Linie daran, dass es immer noch wenig Frauen mit Kapitänspatent gibt.“ Zur Stammbesatzung der „Hermann Rudolf Meyer“ zählen neun Festangestellte und 25 aktive freiwillige Mitarbeiter. Vier Personen arbeiten im Schichtdienst. „Das bedeutet, wir sind 14 Tage rund um die Uhr vor Ort und haben danach zwei Wochen frei“, sagt der 52-Jährige: „Neben mindestens zwei Nautikern muss auch ein Maschinist an Bord und einer von uns als „Ersthelfer See“ ausgebildet sein. Wenn erforderlich, fährt ein Arzt mit.“ Um die medizinische Versorgung zu intensivieren, ist mittelfristig eine Zusammenarbeit mit der Universitätsklinik Charité und dem Unfallkrankenhaus Berlin beabsichtigt. Dazu sollen die Seenotkreuzer mit einem auch für Nichtmediziner einfach zu bedienenden telemedizinischen System ausgerüstet werden. In den Berliner Kliniken können Notärzte am Bildschirm analysieren, Diagnosen stellen, den Ersthelfern Anweisungen geben und diese überwachen.

Seit 12 Jahren ist Ulrich Fader Vormann des Seenotkreuzers. Der gebürtige Schwabe liebte schon immer das Meer und ließ sich bei der Reederei Hamburg Süd als Matrose ausbilden. Die DGzRS rettete ihn vor der Arbeitslosigkeit. Das ist über 30 Jahre her. „Seetauglichkeit, Teamfähigkeit und dass man menschlich zueinander passt, sind die Grundvoraussetzungen, wenn man auf so engem Raum zusammenarbeitet“, erklärt er: „Deshalb hat jeder, der neu zu uns kommt, ein Jahr Probezeit.“ Neben Ulrich Fader verrichten noch Torsten Möllenberg (54) und Stev Klöckner (48) als Festangestellte ihren Dienst. Der vierte der echten Kerle, Klaus-Dieter Muth (62), „heuerte“ nach seiner Pensionierung bei der Marine als Ehrenamtlicher an. Im Unterdeck hat jeder ein bisschen Privatsphäre, die eigene Kabine. Dort befindet sich auch Stev Klöckners Reich, der Maschinenraum mit den beiden Dieselmotoren.

Über der Kombüse prangen fünf Sterne. „Die ,Hermann Rudolf Meyer‘ ist berühmt für sehr gute Küche“, meint Torsten Möllenberg. Gegessen wird am halbrunden Tisch in der Messe, der auch dazu dient, Verletzte zu versorgen. Das Oberdeck ist das Revier der beiden Nautiker Fader und Möllenberg. Die Brücke ist mit modernsten Navigations-, Kommunikations- und Peilanlagen ausgestattet. Koordiniert werden alle Einsätze über die Seenotleitung Bremen, das MRCC (Maritime Rescue Coordination Centre). Rund um die Uhr arbeiten hier Funker und Nautiker im Drei-Schicht-Dienst. Sie unterstützen auch deutsche Schiffe oder Seeleute im Ausland. Von Bremen aus werden im Notfall ärztliche Beratung, Such- und Rettungsmaßnahmen bis in die entlegendsten Winkel der Weltmeere organisiert.

Während die Crew in Bremerhaven an der Nordsee einen ruhigen Tag verlebt, geht am späten Nachmittag bei der Seenotleitung Bremen ein Hilferuf aus der Ostsee ein. Im dicksten Nebel hat sich ein Mann im kleinen Schlauchboot südlich von Fehmarn zum Angeln aufgemacht und die Orientierung verloren. Als die Kollegen des Seenotkreuzers „Bremen“ von der Station Großenbrode den tollkühnen Fischer nach mehrstündiger Suche am frühen Abend wieder sicher an Land bringen, köchelt in der Gourmet-Kombüse der „Hermann Rudolf Meyer“ in Bremerhaven bereits eine kräftige Kartoffel-Lauch-Suppe.