Freunde im Krieg

Vor 75 Jahren erlebte Ida Slavina die „Leningrader Blockade“. Heute wohnt die russische Jüdin in Deutschland und schaut dankbar auf ihr Leben zurück. Von Constantin und Ulrike von Hoensbroech

An Orden mangelt es nicht: Ida Slavina erzählt von der Blockade. hoe Foto: Foto:
An Orden mangelt es nicht: Ida Slavina erzählt von der Blockade. hoe Foto: Foto:

Bei der Frage nach der siebten Symphonie von Dmitri Schostakowitsch strahlt Ida Slavina und legt ihre Hände an beide Ohren: „Damals hatte ich kleine Kopfhörer auf, um die Musik zu hören.“ Damals, das war der 9. August 1942. Das Rundfunkorchester des seit Anfang September 1941 von den Truppen der deutschen Wehrmacht eingeschlossenen Leningrad führte das Werk auf. Die Aufführung wurde von sämtlichen sowjetischen Rundfunkstationen übertragen. „Ich widme meine Siebente Sinfonie unserem Kampf gegen den Faschismus, unserem unabwendbaren Sieg über den Feind, und Leningrad, meiner Heimatstadt…“, hatte der aus der umkämpften Stadt ausgeflogene Komponist über sein später wohl bekanntestes Werk gesagt. „Die Aufführung war ein großes Ereignis“, erinnert sich die Seniorin. Die damals junge Frau war während der gesamten Blockade vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 in Leningrad, das seit 1991 wieder seinen ursprünglichen Namen Sankt Petersburg trägt.

„An vieles kann ich mich nicht mehr erinnern“, entschuldigt sich die heute 98 Jahre alte Zeitzeugin zu Beginn des Gesprächs. Doch in dessen Verlauf wird die rüstige Seniorin immer lebhafter. Bilder aus dem langen Leben der am 3. November 1921 in Moskau geborenen Frau nehmen klare Konturen an. Wohlüberlegt und sichtlich konzentriert wägt sie ihre Worte. Was sie aus der Zeit während der Blockade bis zu ihrem Ende am 27. Januar 1944 besonders deutlich erinnert: der Hunger. „Dieser ständige Hunger – das lässt sich überhaupt nicht beschreiben.“ Für Essensmarken habe es Brot und Fleisch gegeben, doch die Rationen seien immer kleiner geworden. Tatsächlich hat es im Blockadezeitraum fünf Lebensmittelreduzierungen gegeben. Wer Geld hatte, konnte noch etwas mehr an Lebensmitteln bekommen“, erinnert sich Ida Slavina.

Mit ihrer Mutter und ihrem Bruder – die Familie war nach dem frühen Tod des Vaters von Moskau nach Leningrad gezogen – hat sie in einer Kommunalwohnung gelebt. „Mit vielen Personen zusammen, und alle teilten sich eine kleine Küche. Es war wie eine große Familie.“ Nachdenklich fügt sie hinzu: „Und Tote gehörten auch dazu.“ Es kam öfter vor, dass Ida, die seit ihrer Schulzeit nur ,Dusja‘ gerufen wird, nach Hause kam und Tote im Haus lagen. „Dann musste ich mithelfen, die Leichen an speziell dafür vorgesehene Orte zu bringen.“

Der Hunger war so groß, dass man Katzen aß

Wie viele Menschen der Zivilbevölkerung während der Blockade ihr Leben verloren, lässt ich nicht genau feststellen. Schätzungen gehen von rund 1,1 Millionen Personen aus, die an Hunger, Krankheiten und durch Beschuss von der Frontlinie vor den Toren der Stadt getötet wurden. Die Belagerung Leningrads durch Truppen der Heeresgruppe Nord mit dem Ziel, die Bevölkerung systematisch verhungern zu lassen, gilt als eines der größten Kriegsverbrechen der Wehrmacht im Krieg gegen die Sowjetunion. Ein Katzendenkmal erinnert heute daran, dass die Menschen in der eingekesselten Stadt vor Hunger unter anderem ihre Katzen geschlachtet und gegessen haben.

An manchen Häuserecken befinden sich auch noch die grauen Lautsprecher, über die die Bevölkerung mit Informationen versorgt wurden. „Daran kann ich mich sehr gut erinnern und auch an die verschiedenen Alarmtöne, die beispielsweise ein Bombardement oder einen Fliegerangriff ankündigten“, berichtet Slavina.

Gleichwohl wurde so gut es eben ging versucht, das Alltagsleben in der belagerten Stadt aufrechtzuerhalten. An vielen Hochschulen ging sogar der Unterricht weiter, auch für die junge Studentin Ida Slavina. Vielleicht ist es dieser Alltag, der die erstaunliche Aussage der späteren Lehrerin für russische Sprache und Literatur erklären mag: „Angst habe ich in dieser Zeit nie gehabt, denn ich habe immer darauf gehofft und daran geglaubt, dass das gut ausgeht.“ Mit vielen Menschen aus dieser Zeit sei sie noch Jahrzehnte lang in einer Form von Freundschaft verbunden gewesen, die es so eigentlich gar nicht gibt und die sich für Außenstehende nur schwer nachvollziehen lässt. „Im Krieg ist es wichtig, Freunde zu haben, denn der Krieg führt Menschen auch zusammen.“ Neben ihrem Studium habe sie sich als Leiterin um eine Gruppe von jungen Pionieren gekümmert. Am Ende der Blockade habe sie dann diese „fröhliche, aufgeregte und glückliche Stimmung“ erlebt.

Nach dem Krieg arbeitete sie an der „Schule 239“. Während eines Urlaubs auf der Krim lernte sie ihren inzwischen verstorbenen Mann kennen. Der gemeinsame Sohn lebt in Frankreich. Vor rund 20 Jahren kam Ida Slavina nach Deutschland und lebt seitdem in Köln. Ihre jüdische Identität sei für sie weder vor noch nach dem Krieg ein Thema gewesen. Dass sie nun im Land des einstigen Belagerers ihrer Heimat lebt, nimmt sie sichtbar gelassen hin. „Ich bin sehr gut aufgenommen worden, habe viele Freunde gefunden und fühle mich sehr wohl hier.“ Zudem pflegt sie nach wie vor intensive Kontakte nach Sankt Petersburg, insbesondere zu ehemaligen Schülern. Zu ihrem 95. Geburtstag war eine ganze Klasse von Sankt Petersburg nach Ehrenfeld gekommen, um ihre vielfach geehrte ehemalige Lehrerin hochleben zu lassen.

Schon während der Belagerung sowie bei verschiedenen Feierlichkeiten und Jahrestagen nach Kriegsende ist Ida Slavina mit Orden ausgezeichnet worden, die sie auch heute noch bei unterschiedlichen Anlässen, wie etwa beim Gespräch für diese Zeitung, anlegt. Wenn die aus Russland stammenden Bewohner des Elternheims der Synagogen-Gemeinde den 75. Jahrestag des Endes der Leningrader Blockade begehen, hat sie sich fest vorgenommen, dabei zu sein. „Dann lege ich wieder meine Orden an.“