Explodierende Güterwagen richten Inferno an

Nach dem Unglück in Viareggio mit zahlreichen Toten hat die Suche nach den Schuldigen begonnen – Italienische Rituale

Rom (DT) Ein Achsenbruch an einem der mit Gas gefüllten Waggons eines Güterzugs im Bahnhof der italienischen Stadt Viareggio war Grund für die verheerende Brandkatastrophe, die in der Nacht zum Dienstag wieder Tod und Verderben über Italien gebracht hat. Vorläufige Bilanz: Sechzehn Tote, darunter zwei Kinder, deren Haut zu neunzig Prozent verbrannte, sowie 27 Verletzte, die meisten von ihnen in einem kritischen Zustand. Eine Person wurde gestern Nachmittag noch vermisst, rund tausend Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen. Zwei Häuser in der Nähe der Gleise hat die Explosion in Schutt und Asche gelegt, unter den Trümmern wird nach möglichen weiteren Opfern gegraben.

Der in der Toskana an der Riviera gelegene Badeort Viareggio trauert. Und in den Medien des Landes ist eine heftige Debatte über die Gründe des flammenden Infernos entbrannt. Gewerkschaftler und Eisenbahner berichten, dass es häufiger zu solchen Achsenbrüchen komme, auch bei Gefahrguttransporten. Der letzte Vorfall dieser Art liege erst wenige Tage zurück. Nur diesmal sei aus dem beschädigten Tankwaggon auch Gas ausgetreten und habe sich mit Luft vermischt. Funken hätten dann am Montag um 23.30 Uhr das Gemisch zur Explosion gebracht.

Die Staatsanwaltschaft von Lucca hat ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung und Brandstiftung angeordnet, Transportminister Altero Matteoli eine staatliche Untersuchung der Unglücksursachen. Auch wenn die einzelnen Waggons des verunglückten Güterzugs der amerikanischen Firma Gatx gehörten, erklärte ein Untersuchungsrichter, sei die „Trenitalia“, die staatliche Eisenbahn des Landes, für die technische Überwachung der Waggons zuständig. Die „Trenitalia“ wiederum gibt an, dass Techniker der Raffinerie Sarpom in Novara, wo der Zug gestartet sei, keine Mängel an den Waggons gemeldet hätten. Ein undurchsichtiges Geflecht von unterschiedlichen Kompetenzen sowie eine Abfolge von Unterlassungen und Schlampereien werden sichtbar, die jetzt noch tagelang die italienischen Medien beschäftigen. Große Zeitungen widmeten gestern bis zu sechzehn Seiten dem tragischen Ereignis – doch den Überlebenden und den Angehörigen der Opfer in Viareggio bleibt nur ohnmächtige Wut. Als Ministerpräsident Silvio Berlusconi am Unglücksort eintraf, empfingen ihn gellende Pfiffe.

Es ist wie ein Ritual: Fast täglich melden die Nachrichten in Italien schwere Unfälle, oft am Arbeitsplatz. Von den „morti bianchi“ ist dann die Rede, von den „weißen Toten“, die aufgrund von mangelnden Schutzbestimmungen oder Fahrlässigkeiten sterben. Gewerkschaften und Arbeitskollegen oder die Verwandten der Opfer brüllen ihre Entrüstung in die Mikrophone, die Vertreter des Staats kündigen Untersuchungskommissionen an, die Kirche tröstet und richtet große Beerdigungsfeierlichkeiten aus. Auch diesmal hat Benedikt XVI. seine Trauer über das Zugunglück bekundet. Der Papst werde für die Toten und für die Verletzten beten, heißt es in einem von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone unterzeichneten Telegramm an Ortsbischof Italo Castellani. Auch dieser fordert eine Untersuchung – man müsse den Angehörigen der Opfer erklären, wie es zu dem tragischen Großbrand kam.

Während Spezialisten der Feuerwehr in Viareggio damit beschäftigt sind, das Gas aus den anderen umgestürzten, aber nicht explodierten Waggons des Unglückszugs abzusaugen, sprechen Gewerkschaftler von einer „angekündigten Katastrophe“. Es sei zu altes Material, mit dem die italienische Eisenbahn Gefahrgut befördere, meint Gewerkschaftssekretär Guglielmo Epifani. Und viele denken an den Erdbeben-Ort L'Aqulia, wo Pfusch am Bau der Grund dafür war, dass auch neuere Wohngebäude eingestürzt sind. Pfusch, Schlamperei, Fahrlässigkeit: Untugenden, die in Italien den Nachrichtenalltag prägen. Sind besonders viele Tote zu beklagen, laufen die Politiker des Landes auf. Aber es ändert sich nichts.