Esthers Reisen: Weltgeist mit weißem Schal

Von Esther v. Krosigk

Was Madame de Staël für das Paris des 18. Jahrhunderts war, war Nicolaus Sombart für Berlin in den 1990er Jahren. Ein Salonier, in dessen Charlottenburger Altbau-Wohnung sich Literaten, Feuilletonisten, Politiker, schöne Frauen und Lebenskünstler trafen. Tout Berlin eben und deshalb war die deutsche Hauptstadt immer eine Reise wert. Nicolaus' Vater war der bedeutende Soziologe Werner Sombart gewesen, der noch mit Friedrich Engels korrespondiert hatte. „Der junge Sombart“ hatte der literarischen Gruppe 47 angehört und war später in den Dienst des Europarates getreten, wo er sich unter den Bürokraten wie ein Paradiesvogel gefühlt hatte. Auch im hohen Alter war er mit seinem silbrigen, vollen Haar und dem weißen Seidenschal um den Hals noch immer eine beachtenswerte Erscheinung. Auf der Straße drehten sich die Menschen nach ihm um, selbst im schrägen Berlin. Eines Tages bat er mich, ihn zu einer Bambi-Verleihung zu begleiten. Das Ganze drohte zu einer Groteske zu werden, aber tatsächlich stellte sich das traurige Ende erst viel später ein. An jenem festlichen Abend in Berlin saß ich zwischen Nicolaus Sombart und dem Filmemacher Atze Brauner, meine beiden Tischherren waren zusammen fast 200 Jahre alt. Da es Nicolaus schlecht ging, begleitete ich ihn bald nach Hause, wo ich in seinem mit pikanten Zeichnungen tapezierten Gästezimmer nächtigte. Dass Eros für ihn der höchste Gott war, daraus hatte Nicolaus Sombart nie einen Hehl gemacht. Darüber hatte er Bücher geschrieben, das hatte er gelebt.

Warum ich das hier so frei erzähle? Weil diese Haltung auf sehr viele Menschen heute zutrifft. Am nächsten Morgen stand er bis mittags nicht auf. Ich befürchtete das Schlimmste. Aber als ich von einem Spaziergang zurückkam, saß er frühstückend in seiner Küche. Es war das letzte Mal, dass ich ihn lebend sah. Jahre später besuchte mich ein gemeinsamer Freund und wir unterhielten uns eingehend über den „Weltgeist mit dem weißen Schal“, wie der Salonier genannt wurde. Tagelang ging er mir nicht mehr aus dem Kopf und eines Nachts erwachte ich plötzlich von einem lautem Scharren und Kratzen an meiner Zimmertür. Als ich sie öffnete, war niemand da. Am Morgen darauf machte das FAZ-Feuilleton mit einem Nekrolog auf, denn Nicolaus Sombart war am Vortag gestorben. Wir ließen eine Messe für ihn beten und hofften, dass seine letzte Reise die richtige Richtung nahm.