Erzengel-Gin – made in England

Zwei Briten, eine Idee: Die Zeit ist reif für einen neuen Gin. Doch: Wie soll er schmecken? Wie soll man ihn nennen? Einer der beiden neuen Gin-Produzenten, Peter Allingham, erklärt, welche Rolle der Glaube bei der Beantwortung dieser Fragen spielt. Von Jan Bentz

Der Unternehmer Peter Allingham (lk.) und der Statistiker Jude de Souza, die seit kurzem auch als Gin-Produzenten reüssieren, mit ihrem Archangel Gin. Allingham gehört als Katholik einer Laien-Ordensgemeinschaft an. Foto: JB
Der Unternehmer Peter Allingham (lk.) und der Statistiker Jude de Souza, die seit kurzem auch als Gin-Produzenten reüssi... Foto: JB
Was um Himmels willen hat Sie dazu bewogen, Gin herzustellen?

Nun, es war eigentlich gar nicht meine Idee. Ein sehr guter Freund von mir, Jude de Souza, entschied, dass die Zeit reif war für einen neuen Gin, aber ihm fehlte einfach ein Ort dafür. Unsere Familie besitzt eine Farm in Norfolk mit vielen beschaulichen Gebäuden, die nicht mehr genutzt wurden, und so dachte ich mir: „Das könnte doch etwas Lustiges werden – packen wir es an!“ Es war vielleicht ein wenig impulsiv, so eine Firma zu gründen, aber manchmal muss man die Gelegenheit einfach beim Schopf ergreifen.

„Archangel Gin“ („Erzengel Gin“) – der Name sagt schon alles. Können Sie die Namenswahl erklären? Das Etikett zeigt einen Seraphim-Engel in einem besonderen Kunststil. Wo kommt dieses Bild her?

Da kam eine Vielzahl von Gründen zusammen. Die Straße, die an der hinteren Mauer unser Destillerie vorbeiführt, bildete Hunderte von Jahren den Abschnitt eines Pilgerweges nach Walsingham, und ich überlegte mir, dass auf dieser Straße auch Tausende von Schutzengeln neben den ihnen Anvertrauten hergegangen sind. Ich habe zu Schutzengeln eine ganz besondere Beziehung. Wir machen ihnen immer so viel Arbeit, aber sie lassen uns nie im Stich. Viele von den entzückenden mittelalterlichen Kirchen der Region haben Abbildungen von Engeln in ihrem Dachgestühl. Eine dieser Abbildungen inspirierte uns besonders: die stilisierten Engel der Kapelle des „Watts“-Friedhofs in Compton in Surrey. Also haben wir sie eben auf unseren Flaschen und Verpackungen benutzt. Mir ging dieses Bild, seitdem ich es das erste Mal vor ungefähr dreißig Jahren gesehen hatte, nicht mehr aus dem Sinn. Das alles waren die Gründe, warum das Engelssymbol wie von selbst zu uns kam. Unser Siegel, wie sie es auf jeder unserer Flaschen sehen, trägt das Motto: „Angeli ab oriente“. Die Destillerie liegt im Herzen der Diözese von Ost- Anglia und wenn ich an unser Produkt denke, so ist es für mich auch immer Engel des Ostens!

Was macht Ihren Gin so besonders?

Wir wollten etwas herstellen, was kein typischer London Dry Gin sein sollte. Es gab einen starken niederländischen Einschlag in unserer Region Norfolk im 16. bis 19. Jahrhundert. Daher gibt es so viele niederländische Häuser an den hiesigen Häfen. Wir wollten etwas schaffen, das an den klassischen holländischen Wacholderschnaps erinnert, eine Hommage an ihn. Jede Abfüllung hat als Zutat auch einen Teil örtlichen Wacholders von einem der vielen Büsche, die wir vor 15 Jahren gepflanzt haben. Wir haben jetzt noch ungefähr 250 dazu gepflanzt, die hoffentlich zur richtigen Zeit Frucht bringen werden. Im Moment kümmern wir uns um das anstrengende Unkrautjäten.

Könnten Sie den Geschmack erklären? Was kann der Genießer erwarten? Kann er ihn pur trinken? Und wie macht er sich in Cocktails?

Erzengel Gin hat eine voluminöse Vollmundigkeit. Er besitzt starke Noten von Orangenschale, die ihn auszeichnen. Auch andere Gewürze sind herauszuschmecken, und ich liebe besonders den Sanddorn, auch Engelwurz und Paradieskörner. Ich bin natürlich voreingenommen, aber meiner Meinung nach ist er köstlich! Mit Tonic-Water sollte man ungefähr 1/4 Gin zu 3/4 Tonic mischen, mit einer Orangenschale und viel Eis. Der Gin schafft auch einen ungeheuer guten Martini mit 1/3 Erzengel Gin und 2/3 Bramley und Gage Dry Vermouth. Ich habe es immer geliebt, einen Cocktail mit 100 Prozent englischen Zutaten herzustellen, mit Ausnahme der Orangenschale natürlich. Ich finde, man kann den Gin auch direkt aus dem Gefrierfach trinken, in einem Portweinglas oder nach dem Abendessen als Digestif – immer mit einem kleinen Stück Orangenschale. Die Flasche sieht aus dem Gefrierfach sogar ganz besonders gut aus.

Wo verkaufen Sie den Gin heute? Hatten Sie Gelegenheit, den Gin offiziell vorzustellen?

O je! Welche Pläne wir doch für einen offiziellen Markteintritt hatten! Aber wir wurden von Bestellungen vollkommen überwältigt und hatten einfach noch keine Zeit, etwas Offizielles zu planen. Wir hatten allerdings viele Kostprobenstände auf Landmärkten und Nahrungsausstellungen. Aber das Wichtigste für uns ist, dass alle Zutaten stimmen, sie richtig wachsen, kontrolliert werden und wir müssen natürlich sicherstellen, dass wir genug haben! Letztes Wochenende haben wir gerade unsere Produktion verdoppelt.

Katholiken und guter Alkohol – geht das zusammen?

Aber natürlich! Das erste Wunder unseres Herrn war der Wein auf einer Hochzeitsfeier und Katholiken lieben es schließlich, in Gemeinschaft zu sein, gemeinsam zu essen und so viel Zeit mit der Familie und mit Freunden zu verbringen wie möglich. Natürlich gibt es auch die erhabenen alten Traditionen der Bierbrauereien und Schnapsbrennereien in Klöstern, und wir wollten uns einfach in diese lange Tradition einreihen. Ich bin ein Ordensmann mit einfachen Gelübden und bete die Laudes, die Vesper und den Rosenkranz oft in der Destillerie. Die Destillerie wurde übrigens im Januar gesegnet, was ein ganz besonderes Ereignis war – trotz der bitteren Kälte, da wir noch keine Heizung installiert hatten. Ich hoffe, dass wir ein Kreuz finden, das groß genug ist, um es an die Wand im Abfüllraum zu hängen, aber bisher habe ich noch keines gefunden.

Und wo kann man den Gin kaufen?

Nun, wenn man in Norfolk lebt, dann gibt es ihn natürlich bei den örtlichen Händlern. Aber auch über unsere Webseite www.archangel-distilleries.co.uk. Bisher liefern wir noch nicht außerhalb Englands, aber für internationale Bestellungen kann man unsere Partner bei Bakers und Larners www.bakersandlarners.co.uk anschreiben. Sie liefern überall hin! Sie liefern Flaschen in zwei Größen. Es gibt eine 50cl Flasche in einem Karton und eine 70cl Flasche, dann ohne Karton. Es scheint, dass ich hier Werbung mache, aber ganz im Ernst: Man sollte Fever Tree „Vollfett“ Tonic-Water nehmen, wenn man es bekommen kann. Das passt ganz hervorragend zum Archangel Gin.

Was ist Ihr Lieblingsgetränk?

Ich liebe guten Bordeaux-Wein. Wenn es um Gin geht, dann würde ich das gleiche sagen wie Lily Bollinger über Champagner. Um auswendig zu zitieren: „Ich trinke, wenn ich glücklich und traurig bin. Manchmal trinke ich, wenn ich alleine bin. Wenn ich in Gesellschaft bin, dann gehört es dazu. Ich liebäugele damit, wenn ich keinen Hunger habe und trinke, wenn ich hungrig bin. Sonst fasse ich kein Alkohol an – außer ich habe Durst.“

Wie sieht die Zukunft aus? Was steuern Sie an?

Natürlich wünschen wir uns einen bahnbrechenden Erfolg! Wir haben so viele schöne Häuser auf der Farm, die restauriert werden könnten, wenn wir die Destillerie ausbreiten würden. Ich bin auch sehr daran interessiert, Menschen vor Ort anzustellen. Außerdem möchte ich, dass die Menschen sehen, dass es möglich ist, selbst in den stressigsten Arbeitssituationen einen Rosenkranz zu beten oder das Tagesgebet Teil des Ablaufs werden zu lassen. Auf meinem iPad höre ich immer leichte Glockenschläge, die alle drei Stunden zum Angelus rufen und diese kurzen Verbindungen mit Gott – egal, wie gestresst wir sind – helfen uns daran zu denken, warum wir das Ganze überhaupt machen.