Erst Lepra, dann Model

Ende der Stigmatisierung – warum eine gläubige Brasilianerin wieder neue Hoffnung schöpft. Von Sabine Ludwig

Wieder optimistisch: Regine Claudia Araujo dos Santos.SL
Wieder optimistisch: Regine Claudia Araujo dos Santos.SL Foto: Foto:

Regine Claudia Araujo dos Santos wartet im Flur des Krankenhauses Aquiles Lisboa in Sao Luís auf den Aufruf. Sie ist aufgeregt, denn es ist wohl das letzte Mal, dass Krankenschwester Shirley Priscila Chagas die hellbraunen Flecken ihrer Lepraerkrankung überprüft. Und dann endlich: „Ja, ich bin geheilt!“ Die Mittzwanzigerin ist glücklich und erleichtert. Jetzt kann sie ihre Pläne verwirklichen, in Rio de Janeiro Mode zu studieren und ihre Modelkarriere voranzubringen. Es waren harte Monate, die hinter ihr liegen.

Der Nordosten von Brasilien ist arm, sehr arm. Die junge Frau liebt ihre Heimat, auch wenn sie hier ihr Vorhaben aus genau diesen Gründen nicht umsetzen kann. Sie glaubt daran, es zu schaffen und später einmal ihre Familie mit dem Verkauf selbst entworfener Kleider und Muster unterstützen zu können. Später, nach dem Studium. Später, als Designerin mit Vorbildfunktion. Denn sie will mehr als nur die kleinen Modeljobs, die sie bis jetzt in ihrer Stadt hatte. Mehr als sich nur auf dem Laufsteg eines Einkaufszentrums oder bei der Eröffnung einer lokalen Boutique in billigen Kleidern zu zeigen. Damit hat sich die attraktive junge Frau schon einen Namen gemacht, auch wenn man sie nur in ihrer Heimatregion kennt. Sie hat die Bilder im Sozialen Netzwerk Instagram gesehen, von anderen jungen Frauen weltweit, die es mit einer Idee geschafft haben. Das hat auch sie motiviert, denn sie möchte genauso erfolgreich werden wie ihre Idole. Doch das geht nur mit dem Abschluss eines Studiums in der Tasche. Sie weiß, dass entbehrungsreiche Jahre vor ihr liegen, doch auch, dass sie kämpfen wird. Kämpfen für sich und ihre Eltern, die einmal ihre Hilfe benötigen werden. Genau dann, wenn sie alt und gebrechlich sind, denn eine staatliche Versorgung gibt es hier nicht. Und sie erinnert sich an die zurückliegenden Monate, die entbehrungsreich und schwierig waren und in denen sie fast den Glauben an Gott verlor. Das war für die gläubige Katholikin fast das Schlimmste. Doch mit dieser Untersuchung sind endlich alle Fragen aus dem Weg geräumt, die Schmerzen, die Verzweiflung.

Noch vor kurzem reagierte sie mit unerwarteten allergischen Reaktionen auf die Arzneien. „Sie musste eine andere Medikamentenkombination nehmen“, sagt Raimunda Mendoza, die Koordinatorin des staatlichen Lepraprogrammes. Die DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe e. V. unterstützt die Ausbildung des Gesundheitspersonals in dem neuen Krankenhaus mit der jahrzehntelangen Erfahrung, die das Hilfswerk in der Behandlung der Lepra in Brasilien hat. Auch Mendoza wurde im Bereich der Prävention geschult. In der Regel führt das deutsche Hilfswerk jährlich zwölf Aufklärungskampagnen in Sao Luís und Umgebung durch. „Das ist dringend notwendig“, ergänzt Mendoza, „denn sechs Prozent aller neuen Leprafälle zeigen bereits erste Deformationen an Händen oder Füßen.“

In der Tat, jedes Jahr gibt es 3 300 neue Leprapatienten allein im Bundesstaat Maranhao und in seiner Hauptstadt Sao Luís. Mittlerweile finden Aufklärungen über Lepra in allen Gemeinden statt. „Diese gehören zur Grundversorgung der Bevölkerung“, ergänzt Mendoza und fragt Regine Claudia Araujo dos Santos, wie es ihr nun mit dem guten Resultat geht. „Ich kann endlich an meine Zukunft denken“, antwortet sie leise. Denn ihre Mutter hätte schon Lepra gehabt, wahrscheinlich hat sich die künftige Studentin deshalb in der Familie angesteckt.

Aber da ist noch der private Fernsehsender, der heute in der nahen ehemaligen Leprakolonie Bonfim einen Film dreht. Araujo do Santos, das Model, will vor der Kamera über ihre Krankheit sprechen. Nach „Bonfim“, was auf Deutsch „Gutes Ende“ bedeutet, wurden früher per Gesetz die Leprakranken deportiert, wie in so viele andere Leprakolonien weltweit auch. Damals bedeutete Lepra, einen Makel zu haben. Man hatte schlichtweg Angst vor Erkrankten, wie schon zu biblischen Zeiten. Auch heute noch ist die Stigmatisierung dieser Menschen ein Problem und kommt in allen Bevölkerungsschichten vor. Do Santos weiß, wie es ist, Freunde und Bekannte zu verlieren. Die einzigen, die während ihrer Krankheit zu ihr hielten, waren ihre Familienangehörigen.

Sie blickt über die bunten Häuser, in denen einst die Leprakranken gelebt haben. In unmittelbarer Nähe des Drehortes gibt es ein kleines Museum, das liebevoll eingerichtet ist mit den Relikten aus längst vergangenen Zeiten. Denn vergessen möchte man nicht, die kleine Institution steht hier wie ein Mahnmal an dem Ort, der auch heute noch als „Gutes Ende“ bezeichnet wird.