Prag

Ein Zeichen der Gegenreformation

Überraschende Nachricht aus Prag: Wird die Mariensäule am Altstädter Ring wieder erstehen?

Mariensäule in Prag
Der tschechische Bildhauer Petr Váòa arbeitete seit langem an einer Wiederherstellung der Säule, nun hat sich der Prager Magistrat dafür ausgesprochen. Foto: dpa

Nur wenige Touristen auf dem Prager Altstädter Ring wissen noch, dass dort seit 1650 bis 1918 eine barocke Mariensäule stand; drei Jahre sogar neben dem Hus-Denkmal, das im Ersten Weltkrieg 1915 zum 500. Todestag des böhmischen Reformators errichtet wurde.

Polizei schritt gegen Wiedererrichtung ein

Nur sechs Tage nach der Ausrufung der Tschechoslowakischen Republik am 28. Oktober 1918 wurde am 3. November die Mariensäule gestürzt, als „Wiedergutmachung für die Schlacht am Weißen Berg“ am 8. November 1620. Nur wenige Bruchstücke der Säule sind erhalten; etliche Teile liegen in der nahen Moldau.

Erst 1990, also nach der Samtenen Revolution, wurde eine „Gesellschaft für die Wiedererrichtung der Mariensäule“ gegründet. Am 75. Jahrestag des Sturzes der Säule ließ diese Gesellschaft am 3. November 1993 auf dem Pflaster des Altstädter Rings eine Platte anbringen: „Hier stand die Mariensäule und sie wird wieder erstehen.“ Der Prager Magistrat ließ die Worte „… und sie wird wieder erstehen“, tilgen.

Der tschechische Bildhauer Petr Váòa arbeitet aber seitdem an einer Wiederherstellung oder einer Kopie der Säule, doch der Prager Stadtrat sprach sich 2017 gegen die Wiedererrichtung aus. Als Váòa im Mai 2019 mit der Wiedererrichtung beginnen wollte, schritt die Polizei dagegen ein. Nun kam aus Prag die überraschende Meldung, dass der Magistrat seine Erlaubnis für die Wiedererrichtung gegeben habe.

Symbol der Gegenreformation und der Habsburgerherrschaft

Beide Denkmäler, die Marienstatue und das Hus-Denkmal, spalten bis heute die Bevölkerung Böhmens und ganz Tschechiens. Kaiser Ferdinand III. hatte 1648 die Errichtung von Mariensäulen in Wien und Prag als Dank für die Errettung Prags vor den Schweden gelobt. Damals standen die Schweden bereits auf der Kleinseite von Prag, aber kaiserliche Soldaten, Bürger, Kleriker und Studenten hatten tapfer auf der Karlsbrücke gekämpft, so dass die Schweden die Altstadt nicht erobern konnten.

Bereits 1650 wurde die von dem Bildhauer Johann Georg Bendl geschaffene Säule auf dem Altstädter Ring aufgestellt. Sie ist für viele Tschechen bis heute das Symbol der Gegenreformation und der Habsburgerherrschaft nach dem Sieg am Weißen Berg, weil dort 1621 die Rädelsführer des Aufstandes von 1618 hingerichtet wurden.. Seit dem Roman von Alois Jirásek „Temno“ (Dunkelheit) ist der Mythos immer noch lebendig, dass sich Dunkelheit und Finsternis nach der Schlacht am Weißen Berg über die böhmischen Länder bis 1918 ausgebreitet habe. Die Mariensäule galt aber nicht nur als Zeichen der Gegenreformation und der Herrschaft Habsburgs, sondern auch des Endes der böhmischen Staatlichkeit.

Wie durch drei Jahrzehnte seit 1990 die Wiedererrichtung der Mariensäule umstritten ist, gab es vor dem Ersten Weltkrieg über Jahrzehnte Auseinandersetzungen um die Errichtung des Hus-Denkmals. Bereits 1890 entstand ein Verein für den Bau eines Denkmals für Magister Jan Hus, das der Stadtrat für den Kleinen Ring in der Altstadt genehmigte; andere Vorschläge wurden für den Wenzelsplatz gemacht, auch für den Platz vor der Bethlehemskirche, wo Jan Hus gepredigt hatte. 1896 wurde der Altstädter Ring als Standort vorgeschlagen, nachdem für den Wenzelsplatz bereits das Wenzeldenkmal geplant war.

Neuer Staat war antikatholisch eingestellt

Die katholische Kirche protestierte heftig gegen den Plan, Hus mit einem Denkmal zu würdigen. Bereits im Jahr 1889 führte die Frage, ob unter 72 tschechischen Persönlichkeiten auch für Hus eine Gedenktafel am Prager Nationalmuseum vorgesehen sei, zum Eklat im böhmischen Landtag. Fürst Karl IV. von Schwarzenberg hatte die Hussiten „eine Bande von Räubern und Brandstiftern“ genannt. Noch mehr als die Auseinandersetzungen um das Hus-Denkmal vergiftete am Ende des Ersten Weltkriegs durch den Zerfall Österreich-Ungarns auch die Zerstörung der Mariensäule die politische, nationale und konfessionelle Atmosphäre in der neuen Republik. Der Sturz der Mariensäule war nur der Anfang.

Die Führung des neuen Staates unter Präsident Thomas Masaryk und Außenminister Edvard Beneš war antikatholisch eingestellt. Die zu über neunzig Prozent katholischen Sudetendeutschen waren trotz der Aussagen des amerikanischen Präsidenten Wilson vom Selbstbestimmungsrecht der Völker ausgeschlossen, obwohl es in der CSR mehr Deutsche gab als Slowaken.

Die deutschen Erzbischöfe von Prag und Olmütz mussten damals „freiwillig“ zurücktreten, deutsche Ordensleute aus Prag mussten das Land verlassen wie die Benediktiner in Emmaus oder die Benediktinerinnen von St. Gabriel. Diese Schwestern so zahlreich, dass sie 1904 mit zwölf Schwestern das Hildegard-Kloster in Eibingen besiedeln konnten. Die in Prag verbliebenen Schwestern gingen 1919 in die Steiermark, die Mönche aus Emmaus nach Grüssau in Schlesien und nach Neresheim in Württemberg.

„In der Debatte um die Säule mischen sich bis heute politische Argumente mit religiösen Empfindungen.“

Tschechischer Nationalismus hatte auch den Klerus erfasst und führte zum Abfall von Rom, als im Januar 1920 eine „Tschechoslowakische Kirche“ gegründet wurde, die einen eigenen Patriarchen wählte und sich erst 1971 den neuen Namen „Tschechoslowakische Hussitische Kirche“ gab. Diese neue Kirche brach mit Rom und verzichtete auf den Zölibat.

Ökumenischer Rat der Kirchen gespalten

Als sie auch auf die Apostolische Sukzession verzichtete, unterstellten sich genügend Priester, die bis 1920 katholisch waren, 1923 dem serbischen Patriarchen, der aus ihren Reihen einen Bischof für eine tschechische orthodoxe Kirche weihte, der Moskau 1951 die Autokephalie gab. Als die Prager Regierung den Todestag von Hus als Feiertag erklärte, zog der Vatikan den Nuntius ab. Die Schaffung der Nationalkirche 1920 war der größte Schlag für Rom seit der Reformation. Zwei Millionen Tschechen verließen damals die katholische Kirche.

Nur eine Hälfte davon schloss sich der Nationalkirche an, die andere Hälfte wurde religionslos. Bei den Tschechen sank dadurch in der Zwischenkriegszeit der Anteil der Katholiken auf 70 Prozent, bei den Sudetendeutschen blieb er trotz einer Los-von-Rom-Bewegung bei 90 Prozent.

Bis heute gibt es unterschiedliche Meinungen über die Zerstörung der Mariensäule: War es eine organisierte antikatholische Aktion oder war es ein spontaner vandalistischer Akt einer aufgehetzten Masse, die man nur mit Mühe hindern konnte, auch alle Heiligenfiguren auf der Karlsbrücke in die Moldau zu werfen? Noch heute ist auch der Ökumenische Rat der Kirchen in Tschechien hinsichtlich der Wiedererrichtung der Säule gespalten. Der Senior der Kirche der Böhmischen Brüder stellte fest: „Es gibt Kirchen, die darin überhaupt kein Problem sehen, und es gibt Kirchen, für die es aus tiefstem Herzen unvorstellbar ist.“

Keine Zeitzeugen, dafür Legenden zur Zerstörung der Säule

In der Debatte um die Mariensäule mischen sich bis heute politische und historische Argumente mit religiösen Empfindungen, weil die Religion in den böhmischen Ländern wegen der Nähe der katholischen Kirche zur Habsburger-Monarchie politisch gesehen wurde. Daraus ist auch die Tatsache zu verstehen, dass sich nach den Ergebnissen der letzten Volkszählung im 21. Jahrhundert nur noch elf Prozent der Bevölkerung in Tschechien zu einer Konfession bekennen.

Die neuen Teile der Mariensäule warten nun auf einem Schiff auf der Moldau auf ihre Aufstellung. Ob diese bald erfolgen kann, ist noch nicht sicher.

Über die Fakten der Zerstörung hört man unterschiedliche Berichte in Prag. Nach über 100 Jahren gibt es keine Zeitzeugen mehr. Gegen eine „spontane“ Reaktion der Volksmasse spricht die sorgfältig vorbereitete Organisation, denn Feuerwehr stand bereit und bot dem „Volkszorn“ die nötige technische Hilfe. Eine junge Sportlerin erstieg die Säule und legte der Madonna eine vorbereitete feste Schlinge mit einem langen Strick um den Hals, mit der die Säule umgerissen wurde. Versuche, das zu verhindern, wurden buchstäblich niedergeschlagen.

Über die Zerstörung des Mariendenkmals, bei dem ein Vierteljahrtausend Andachten und Prozessionen stattgefunden hatten, werden heute schon Legenden erzählt: Die Frau, die auf die Säule kletterte, sei Milada Horáková gewesen. Nach ihr wurde in Prag eine Straße benannt, denn sie war die erste Frau, die 1950 von den Kommunisten hingerichtet wurde. Mit einem Strick um den Hals.

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