Ein Löwenherz für die Brüder aus dem Libanon

Das Benefiztheater „Libanon on Stage“ geht auf Tournee, um Menschen mit Behinderung zu helfen. Von Marguerita Ow-Wachendorf

Schauspielspaß für einen guten Zweck: Das Projekt der Jungen Malteser, „Libanon on Stage“, auf seiner Tournee 2014. Foto: LOS
Schauspielspaß für einen guten Zweck: Das Projekt der Jungen Malteser, „Libanon on Stage“, auf seiner Tournee 2014. Foto: LOS

Es ist wieder soweit. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Das Team steht. Texte werden eingeübt, Flyer gedruckt, Bühnen ausgemessen, Artikel geschrieben. Alle stehen in den Startlöchern. Allmählich wird es spannend. Das Team trifft sich. Der Countdown läuft. Jeder weiß, was das bedeutet: schlaflose Nächte, Proben bis der Morgen graut, Konzentration, Aufregung und Ausdauer. Dann öffnen sich die Vorhänge, die Bühne erwacht, bis der Saal mit tosendem Applaus erfüllt wird.

Das Benefiztheater „Libanon on Stage“ erfreut sich wachsender Beliebtheit. In den letzten Jahren erreichte das junge Laien-Ensemble über 4 000 Menschen deutschlandweit. Doch eines steht fest: Hier dreht es sich nicht um Ruhm, Rekorde und Anerkennung. Jeder Schauspieler, jeder Musiker, die Requisite, der Souffleur und die Maske, jeder von ihnen weiß, wofür sein Herz schlägt, wenn er die Bühne betritt, in die Trompete bläst oder den Text einsäuselt. Es sind ihre körperlich und geistig behinderten Freunde aus dem Libanon, die sie alles aus sich herausholen lassen. Das ist der Kern des Teams, das Fundament des Theaters. Das ist es, was das Feuer entfacht und das Publikum ansteckt. Unsichtbar und doch in Großbuchstaben leuchten die Wörter Motivation und Leidenschaft auf der Stirn jedes Einzelnen. Denn es sind besondere Erinnerungen und Menschen aus dem Libanon, die sie auf die Bühne treiben und durch Deutschland touren lassen.

Antoinette ist eine von 150 Gästen, der die Gemeinschaft junger Malteser eine Ferienwoche in den Bergen des Libanon ermöglicht. Gäste werden sie hier genannt, nicht Behinderte. Antoinette ist an einen Rollstuhl gefesselt, kann sich weder frei bewegen noch sprechen. Aber ihr strahlendes Gesicht vermittelte eine Freude, mit der sie die Welt erobern konnte. Ihre leuchtenden Augen und ihre weißen, großen Zähne lachen. Viele Menschen mit Behinderung werden im Libanon als „Schande“ gesehen und in Heime abgeschoben. Dort wohnen sie zusammengepfercht und unter schwersten Bedingungen. Es mangelt an staatlicher Unterstützung. So kümmert sich beispielsweise ein einziger Pfleger um etwa zwanzig teils schwer behinderte Menschen. Viele von ihnen sind ganz in sich zurückgekehrt, andere aggressiv. Den Schwestern und Pflegern bleibt wenig Zeit für Aufmerksamkeit und Zuneigung.

„Am meisten stimmte es mich traurig, wenn die Behinderten festgebunden werden mussten, weil sie sich nicht beherrschen konnten und andere schlugen“, beschreibt Pauljo Loe, der im vergangenen Jahr als Volontär zehn Monate im Libanon verbrachte, die Situation. „Einerseits sah ich, dass dies notwendig war, doch es erfüllte mich mit tiefer Trauer und Mitleid. Trotzdem darf man kein falsches Bild von diesen Orten entwickeln. Durch die äußeren Umstände ist das Leid dort sehr präsent. Umso größer aber ist die Liebe, mit der viele Schwestern und Pfleger die Menschen erfüllen, auch wenn dies aufgrund des Personalmangels oft nicht auffällt.“

So entstand 1998 das Libanonprojekt der Gemeinschaft junger Malteser mit der Aufgabe und dem Ziel, diesen Menschen verstärkt Zuneigung, Aufmerksamkeit und Liebe zu schenken. Jährlich verbringt eine Gruppe deutscher und libanesischer Volontäre die Ferien in sogenannten Summercamps gemeinsam mit den Behinderten. Im Vordergrund steht hierbei die Eins-zu-Eins-Betreuung. Ziel ist es, auf die individuellen Wünsche jedes Einzelnen einzugehen, Freude zu schenken und ihnen ein Lachen ins Gesicht zu zaubern. Es wird getanzt, gesungen, gemalt und gespielt, je nach Lust und Laune des Gastes. „Wuuaahhh“ etwa war ein Schrei, an dem der Gast Rabiah großen Gefallen gefunden hatte: Er versteckte sich unter einer fruchteinflößenden Maske, um alle zu erschrecken. Aktivitäten wie Modenschau oder Olympiade bereichern das Programm. Höhepunkt für viele ist der Ausflug ans Meer.

Doch so viele ergreifende Momente in dieser Zeit geteilt werden, so vielen Herausforderungen muss sich ein jeder Volontär stellen. „So hatte das Baden im Meer Abbas riesigen Spaß bereitet. Zurück am Strand bemerkte er aber Chips-Packungen, welche lose im Regal vor einem Kiosk lagen. Er begann, sich daran zu bedienen“, erzählt Pauljo Loe. „Zunächst versuchte ich ihn durch Tricks vom Stand abzulenken, doch er ließ nicht davon ab, sodass ich ihn festhalten musste. Daraufhin begann er laut zu schreien und sich mit Händen und Füßen, Fingernägeln und Kopfnüssen zu wehren, sodass ich mit einem schmerzenden zerkratzten Rücken und blanken Nerven zurückkehrte.“ Solche Fälle sind Alltagsgeschehen. Andere Gäste sind durchweg abweisend, zeigen keine Freude. Das kostet Kraft. Dann am letzten Tag ein Lächeln, ein Zeichen der Zuneigung oder der Dankbarkeit – für den Volontär das größte Geschenk.

Durch „Libanon on Stage“ wird diese Freude auf die Bühnen Deutschlands transportiert. Dort lebt sie in den Herzen des jungen Laien-Ensembles und der Zuschauer weiter. Seit 1998 finden jährlich Summercamps statt. Ein halbes Jahrzehnt später wird „Libanon on Stage“ erstmals ins Leben gerufen. Mittlerweile, elf Jahre später, steht das Benefiztheater für hohe Qualität und Professionalität. So wurde das Projekt 2008 mit der Verleihung des Westfälischen Friedenspreises, gemeinsam mit dem ehemaligen Generalsekretär der UNO, Kofi Annan, geehrt. 2010 erhielt das Libanonprojekt die „Goldene Victoria für soziales Engagement“ des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger für seine großen menschlichen Leistungen bei der Betreuung und Pflege kranker und behinderter Menschen.

Jedes Frühjahr treffen sich etwa 45 Jugendliche und engagierte Eltern, die einst im Libanon mitgewirkt haben, auf einem Hof nahe Frankfurt, wo innerhalb einer Woche ein Theaterstück auf die Beine gestellt wird. Anschließend begeben sie sich auf eine Tournee über München, Hamburg, Berlin und Köln. Die Erlöse kommen dem Libanonprojekt zugute. So können die Summercamps finanziert, und auch einigen Gästen dauerhaft, wie zum Beispiel durch Physiotherapie, geholfen werden. Auch die „Karawane“, ein zehnmonatiger Freiwilligendienst im Libanon, kann so unterstützt werden. Sie stellt eine Erweiterung der Summercamps dar. Etwa zwölf Jugendliche aus aller Welt besuchen hierbei vormittags die Universität Beiruts und helfen nachmittags in den Heimen.

„Die Brüder Löwenherz“, so prangen die weißen Buchstaben auf den Flyern. Nach Klassikern von Shakespeare, Wilde und Tschechow wagt sich das Laien-Ensemble erstmals unter der Regie von Nicholas Mockridge an eines der berühmtesten Werke Astrid Lindgrens. Mit der Inszenierung richtet sich „Libanon on Stage“ an Jung und Alt und regt zum Nachdenken an. Karl Löwenherz, liebevoll Krümel genannt, leidet unter einer schweren Krankheit. Es plagt ihn die Angst vor dem Tod, doch ein Wiedersehen mit seinem Bruder Jonathan im Land Nangijala ist mehr als ein Trost. Als dieser bei einem Brand ums Leben kommt, bleibt Krümel nicht lange allein zurück. In Gestalt der Brüder führt die junge Schauspielgruppe den Zuschauer auf eine einzigartige Reise durch das Land der Abenteuer und Sagen. Eine zusätzliche Besonderheit erfährt Libanon on Stage durch die diesjährige Kooperation mit dem RambaZamba-Theater Berlin, bei welchem Menschen mit sogenannter Behinderung als Schauspieler ins Rampenlicht treten. Die gemeinsame künstlerische Arbeit mit diesen spiegelt das Projekt in einer neuen Dimension wieder. Den Zuschauer erwarten also einige Neuerungen. Doch eine Gewissheit bleibt: Auch dieses Jahr wird die junge Schauspielgruppe ihr Löwenherz beweisen und alles ihnen Mögliche für ihre Brüder im Libanon herausholen.