Ein Hemd für alle

Zwei Jungdesigner und eine Marktlücke: Kleidung für unterschiedliche Menschen mit gleichen Bedürfnissen. Von Anna Sophia Hofmeister

Ein Model mit Trisomie 21 posiert vor der Kamera. Foto: Phil Pham
Ein Model mit Trisomie 21 posiert vor der Kamera. Foto: Phil Pham

München (DT) Nur drei Punkte sind es, in denen sich der Körperbau eines Menschen mit Trisomie 21 wesentlich von dem eines ohne unterscheidet. Der breitere Hals, der stärkere Rumpf und die kürzeren Arme. Und doch sind es diese drei Punkte, die einem Menschen mit Handicap den Einkauf ordentlicher, gut sitzender Kleidung ungemein erschweren. „Uns hat es wirklich wahnsinnig gewundert, dass es überhaupt nichts gibt für diese Leute, dass es tatsächlich kein passendes Hemd gibt, wo doch Unmengen an Modelabels vorhanden sind“, sagt die 28-jährige Lisa Polk, die als freie Modedesignerin und Chefdesignerin bei dem Münchner Streetwear Label K1X arbeitet. „Behinderte müssen quasi immer zum Änderungsschneider gehen und Unmengen an Geld für Maßanfertigungen ausgeben, um sich passend kleiden zu können.“ Das habe sie und ihren Kollegen Christian Schinnerl, 23 Jahre alt und ebenfalls freier Modedesigner, ins Nachdenken gebracht. Und zum Handeln. „hemdless“, „hemdlos“, haben die beiden Designer ihr jüngstes Projekt genannt – der Name spielt auf das fehlende Bekleidungsangebot für Menschen mit Behinderung an.

Ziel von „hemdless“ war vorerst, eine kompakte Kollektion aus klassischen Hemden zu entwickeln, die alle mit ästhetischem Anspruch und besonderen Details entworfen sind. Mit leuchtenden Farben, verstärkenden Einlagen, doppelten Krägen, Taschen, besonderen Knopfleisten und durchweg französischer Naht. Gemeinsam mit Veronika, Martin, Ingo, Jimmy und Johannes, einer kleinen Gruppe aus dem Betreuungszentrum in Steinhöring nahe München, die sich gerne als Modelle zur Verfügung stellten, nahmen die Jungdesigner Maß und fertigten die Schnitte an. Unter Berücksichtigung der Wünsche jedes Einzelnen. „Beim Maßnehmen haben wir schon gemerkt, dass es Menschen mit Trisomie 21 nicht leicht mit Kleidung haben“, sagt Christian: „Sie haben von sich aus gleich gesagt, nicht so eng bitte! Aber auch persönliche Vorlieben sollten mit einfließen.“ Und die gab es. Ingo wollte partout keine Ärmel an seinem Hemd und Martin keine Knöpfe. Jimmy wollte auf jeden Fall seine Lieblingsfarbe Rot. „Wir haben alle Beteiligten mitentscheiden lassen“, sagt Christian und lacht. „So konnten sie ihren Charakter mit in das Hemd integrieren. Wir haben dann noch unsere Komponenten dazugegeben. So ist etwas Schönes entstanden.“

Die fünf Modelle durften nicht nur ihre jeweiligen Hemden mit nach Hause nehmen: entstanden ist aus dem Projekt auch das „sechste Hemd“, wie Lisa sagt. Ein Hemd, das von Menschen mit und ohne Trisomie 21 gleichermaßen getragen werden kann. „Wir wollten am Ende Hemden kreieren, die sowohl Menschen mit Trisomie 21 als auch ohne tragen können“, sagt Christian. „Das war eine schnitttechnische Herausforderung. Aber wir wollten das verbinden: dass es ein Hemd für alle gibt.“ Futuristisch sieht es aus. Der Stoff ist kühl und glatt und weich. Steif und ein wenig ungewohnt wird es erst am Kragen, an den Manschetten und an der Brusttasche des Hemdes. Hier wurde Kunststoff eingesetzt, um eben die drei besonderen Stellen zu betonen, erklärt Lisa: „Das Hemd zeichnet sich dadurch aus, dass es sich in den drei Merkmalen, in denen wir uns unterscheiden, Kragenweite, Ärmellänge und Gesamtlänge, verändern lässt.“ Der Kragen kann geweitet werden und mit Hilfe einer Kordel lassen sich sowohl die Ärmel raffen als auch die Länge kürzen. „Inhaltlich fanden wir es schön, eine Brücke zu schlagen zwischen beiden Menschen“, so Lisa. Mode für Behinderte sollte keine Extramode sein.

In das sechste Hemd sind alle Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit den Menschen mit Down-Syndrom eingeflossen. „Wir wollen die Gemeinsamkeiten betonen, nicht die Unterschiede.“ Und Christian ergänzt: „Dass es ein bisschen futuristisch aussieht, ist beabsichtigt. Denn vielleicht gibt es in der Zukunft öfter Schnittpunkte, in denen man solches produzieren kann.“ Derzeit leben in Deutschland rund 50 000 Menschen mit Trisomie 21, die sich schwer tun, ein passendes Hemd zu finden. Obwohl deren Anzahl aufgrund der sich weiter etablierenden Abtreibungspraxis stetig schrumpft, will Christian zukunftsorientiert denken: „Behinderte sind genauso Menschen wie wir. Das wollten wir mit dem Projekt vermitteln.“ Derselben Meinung ist auch Lisa: „Sie sind Teil unseres Lebens und sollen auch daran teilhaben.“ Und Christian wiederum fügt entschieden hinzu: „Und Kleidung tragen genauso wie wir!“

Deshalb würden die beiden es begrüßen, wenn ihre Hemden im Rahmen einer Kooperation in Serie gehen könnten. Alleine könnten sie dies finanziell nicht stemmen, sagt Lisa, „aber wir sehen darin auf jeden Fall das Potenzial, dass man aus den Hemden eine Konfektion machen könnte. Genauso wie bei anderer Mode auch“. Es mache auf jeden Fall Sinn, ein Hemd im Schrank zu haben, das passt. „Es war ein reines Herzensprojekt“, sagt Lisa. Denn jeder habe seine Berechtigung, da zu sein. „Ich glaube, wir sind feinfühliger dafür geworden, wo sinnvolles Design stattfinden sollte in unserem Beruf. Dass wir nicht nur in eine Richtung denken, sondern unsere Augen gut aufmachen und auch in Nischen gucken, die einem nicht auf den ersten Blick auffallen.“ Positive Rückmeldungen ließen nicht auf sich warten. Leiter von Betreuungseinrichtungen schlugen sich an die Stirn und fragten sich, warum sie nicht schon längst selbst auf die Idee gekommen wären. Die Down-Syndrom-Stiftung meldete sich bei den Designern, um eine Modenschau zu organisieren. In nächster Zeit soll noch ein Lookbook entstehen. Auch eine Ausstellung in München oder Berlin ist geplant. Vielleicht haben Lisa Polk und Christian Schinnerl einen Stein ins Rollen gebracht. Mit einem Hemd für unterschiedliche Menschen mit gleichen Bedürfnissen.