München

„Ein Gebot der Menschlichkeit“

Die Corona-Maßnahmen haben auch die Arbeit der Tafeln bundesweit eingeschränkt.

Münchner Tafel
Gerade jetzt ist die Arbeit, die die Tafeln in Deutschland leisten, unverzichtbar. (Foto: dpa) Foto: dpa

Helfen macht glücklich – und das ist tatsächlich so.“ Wenn Axel Schweiger von seinem Engagement bei der Münchner Tafel erzählt, spürt man deutlich, wie sehr er diese Arbeit liebt. „Es ist einfach sehr beglückend, sehr erfüllend, man ist sehr zufrieden.“ Nachdem Schweiger frühzeitig aus dem Erwerbsleben ausgeschieden ist, hat er sich für ein Ehrenamt bei der Tafel entschieden. Seit acht Jahren arbeitet er nun dort, mittlerweile ist er Personalleiter. Immer noch ehrenamtlich – und voller Leidenschaft und Elan: Mit sechs Tagen in der Woche ist es fast mehr als ein Vollzeitjob.

Den Pensionär begeistert dabei die Kombination aus ökologischer und sozialer Zielsetzung: 6,5 Millionen Tonnen Lebensmittel verteilt die Münchner Tafel, die nicht im deutschen Tafel-Dachverband, sondern eigenständig organisiert ist, pro Jahr. Etwa 20.000 Menschen werden damit pro Woche an den eigentlich 27 Ausgabestellen in München versorgt.

Zentrale Lebensmittelausgabe

Corona hat auch hier eine veränderte Organisation erfordert. Die Ausgaben der Lebensmittel findet nun zusammengefasst an einer Zentralstelle in der Großmarkthalle am Westtor statt, unter Leitung von Axel Schweiger. Nein, die Spenden seien nicht zurückgegangen, betont er. Es gebe keine Engpässe, auch durch die schon bisher gute Zusammenarbeit mit Unternehmen und Industrie, die nun zum Teil überschüssige Restbestände an Versorgungsgütern liefern würden. Wie viele Gäste zur zentralen Ausgabestelle kommen, sei täglich sehr unterschiedlich. Zwischen 5.000 und 6.000 Familien versorgt die Münchner Tafel auch in Corona-Zeiten.

Durch die Krise ausgelöste Bedürftigkeit

Wenn auch die Versorgung gut gewährleistet werden kann, so gibt es doch andere durch die Krise ausgelöste Probleme: Kurzarbeit, Jobverluste, Lohneinbußen haben viele Menschen plötzlich in die Bedürftigkeit geführt. „Es rufen täglich Leute an, die sagen: ,Unser Kühlschrank ist leer, können Sie helfen?‘ – Und wir können helfen.“ Auch ist es für manche regelmäßige Tafel-Gäste schwierig, anstatt zur wohnortnahen Ausgabestelle zur Großmarkthalle kommen zu können. Dort achten die Mitarbeiter konsequent auf die Einhaltung sämtlicher Schutzmaßnahmen. Von Stehordnung und Abstandsregeln für die Gäste bis Mundschutz und Handschuhe bei den Helfern. Eine ungewohnte Herausforderung, die bisher jedoch gut gemeistert werden kann.

Viele freiwilllige Helfer

Auch dank der vielen Freiwilligen, die sich auf den Aufruf der Münchner Tafel hin gemeldet haben. „Die Resonanz war überwältigend“, meint Schweiger, etwa 3.000 Personen hätten sich mit der Tafel in Verbindung gesetzt. Da viele der regulären Ehrenamtlichen durch ihr Alter selbst der Risikogruppe angehören und deshalb ihren Dienst aktuell nicht ausüben können, ist die Tafel auf diese Freiwilligen angewiesen, wenn es zunächst auch mehr Helfer als benötigt waren.

Einer der neuen Helfer ist der Jura-Student Wilhelm Scharf. Der 27-Jährige hat den Tafel-Aufruf in der Zeitung gelesen und sich daraufhin für den Freiwilligen-Dienst gemeldet. Sechs mal in der Woche ist er bei der Lebensmittelausgabe an der Großmarkthalle im Einsatz. Die jeweils 40 bis 50 Helfer arbeiten dort in zwei Schichten, mittlerweile ist es trotz einer gewissen Fluktuation ein recht eingespielter Ablauf. Um 13.30 Uhr beginnt meist die erste Ausgabe, ein fixes Ende gibt es nicht. „Es wird so lange weitergemacht, bis jeder, der draußen da war, auch etwas zu essen bekommen hat.“

Die Leute sind sehr froh, dass die Münchner Tafel noch offen hat, berichtet der Student. Eigentlich täglich erreicht die Mitarbeiter der Dank der Tafelgäste. Man spürt, dass es „eine sinnvolle Aufgabe“ ist, dass die Menschen wirklich von dem profitieren, was man tut. „Ein Gebot der Menschlichkeit“, findet Scharf. Angst vor einer Infektion hat er dabei nicht, die Schutzmaßnahmen werden ja verantwortungsbewusst beachtet. Aber auch nach der Krise will der junge Mann gern dabeibleiben. Was als spontanes Engagement begonnen hat, kann Scharf sich im Rahmen seiner Möglichkeiten – er steht kurz vor dem Examen – auch weiterhin gut vorstellen.

Corona wird nachwirken

Abgesehen von den aktuell bisweilen starken Einschränkungen in ihrer Arbeit wird Corona auch langfristig für die Tafeln nicht ohne Folgen bleiben. „Wir gehen davon aus, dass der Unterstützungsbedarf zunehmen wird“, erklärt die Geschäftsführerin der Berliner Tafel, Antje Trölsch. „Die Corona-Situation wird vermutlich noch lange nachwirken.“ Viele der mehr als 940 Tafeln in Deutschland haben ihre Arbeit vorerst einstellen müssen, einige arbeiten unter veränderten Bedingungen.

In der Bundeshauptstadt etwa mussten viele der sogenannten „LAIB und SEELE“-Ausgabestellen schließen. Stattdessen werden nun Lebensmitteltüten zu den Bedürftigen geliefert. Am 20. April wurde die 10.000. Tüte verteilt. „Es ist uns als Berliner Tafel wichtig, gerade jetzt an der Seite der Bedürftigen zu stehen“, so Trölsch. „Viele von ihnen sind alt oder krank und können das Haus nicht verlassen“, berichtet sie aus ihrer konkreten Arbeit. „Wir bekommen Mails oder Anrufe, in denen Menschen sagen: ,Ich habe Hunger‘.“

Tafeln sind systemrelevant

Ja, die Tafeln sind systemrelevant, meint auch Axel Schweiger, gerade jetzt. Sie sind „der Supermarkt der Armen“, so der Münchner und werden in dieser Krise „mehr denn je“ gebraucht. Für ihn persönlich „fußt das Ganze schon auf einer christlichen Grundhaltung“. Einer Haltung des konkreten Engagements, von der sich auch manche kirchliche Institution „etwas abschneiden“ könne, wie er findet. Es ist auf jeden Fall eine Arbeit ganz nahe bei den Menschen. Eine, die gebraucht wird. Und eine, die glücklich macht.

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