Der Netzwerker Gottes

Dank Benedikt XVI. ist Rosario Vitale trotz Handicap dabei, Priester zu werden - Nun hat er ein Buch über den deutschen Papst verfasst, das seinen kanonischen Status nach dem Rücktritt beleuchtet. Von Claudia Kaminski

Rosario Vitale in Aktion
Auch mit Franziskus in Kontakt: Rosario Vitale in Aktion. Foto: CK

Rosario Vitale ist ein junger Seminarist der Diözese Rom. Er stammt aus dem sizilianischen Catania und macht seinem Nachnamen alle Ehre – er sprüht nur so vor Lebendigkeit und das trotz seiner offensichtlichen Behinderung. Der 27-jährige kam fast ohne Arme auf die Welt mit einem Ansatz von Händen, die im rechten Winkel starr vom Rumpf abstanden. Insgesamt 26 Operationen – die erste im Alter von sechs Monaten – schufen stark verkürzte Arme und deformierte Hände. Mit sechs Jahren sagte er: „Basta, Mama, bitte keine weitere Operation. Das reicht jetzt.“

Die kurzen Arme machen ihm zwar das Leben nicht immer leicht, aber wenn er bei La Vittoria in Rom dem etwas muffigen Leonardo strahlend erklärt, dass er seine Pasta mit dieser sehr geraden Gabel einfach nicht essen kann, dann grinst auch Leonardo und holt schnell eine ganze Auswahl an Essgeräten, sodass Rosario das passende Werkzeug finden kann, um seine Spaghetti doch noch zu genießen. Dass Vitale überhaupt Priester werden kann, hat er keinem Geringeren als Benedikt XVI. zu verdanken. Dessen Dispens ermöglichte die Aufnahme in das Priesterseminar und Vitale freut sich unbändig darauf, dem Herrn am Altar dienen zu können. Er hat um seine Berufung gekämpft und bei den Missionaren vom Heiligen Herzen auch eine geistige Heimat gefunden.

Dabei ist sein Leben geprägt von den beiden Vorgängern von Papst Franziskus: Ausgerechnet am 16. Oktober 2005, am 27. Jahrestag der Wahl von Johannes Paul II. auf den Stuhl Petri konnte er 2015 in den vatikanischen Gärten mit dem „Papa Emeritus“ zusammentreffen. Im Gespräch an der Lourdes-Grotte ging es um Berufung und die Begeisterung für das Priestertum. Auf die Frage des damals 24-Jährigen, was heute für das Priestertum besonders wichtig sei, habe Benedikt XVI. ohne auch nur eine Sekunde zu zögern geantwortet: „Die Freundschaft mit Christus, unterstützt durch das Gebet.“ Keine Frage, seine Liebe zum deutschen Papst ist groß und so kam der Seminarist, der an der Lateran-Universität kanonisches Recht studiert, auf die Idee, ein Buch über diesen ersten Papst, der sich „emeritus“ nennt, zu schreiben: Er will die Kirche dazu bringen, auch wenn die Zeit vielleicht noch nicht reif ist, den Status eines emeritierten Papstes kanonisch zu regeln. Der kleine Band, der im Aracne-Verlag bislang nur auf italienisch erschien, wurde am 24. Juni in Rom im italienischen Parlament vorgestellt. Ort der Veranstaltung, Podiumsgäste und die illustre Schar der Zuhörer – unter anderem einige Botschafter beim Heiligen Stuhl – zeugen von Vitales Netzwerk. Senator Andrea Manelli kam zwar zu spät, ließ es sich aber nicht nehmen, die Gäste umso herzlicher zu begrüßen, denn ihm verdankt der Seminarist, dass das Ereignis im „Palazzo Theodoli-Bianchelli“ stattfinden kann.

Auf dem Podium sitzt auch Valerio Gigliotti, Professor für Rechtswissenschaften an der Universität Turin. Er hat einen mehr als 600 Seiten starken Band veröffentlicht, der sich mit Dokumenten über tatsächliche und angedeutete Rücktritte von Päpsten beschäftigt. In dem 2013 erschienenen Buch „La tiara deposta. La rinuncia al papato nella storio del diritto e della Chiesa“, hat er akribisch in allen Archiven vergangener Jahrhunderte eine ansehnliche Sammlung von Dokumenten zusammengetragen, die in irgendeiner Art und Weise mit Papst-Rücktritten zu tun haben. Vitale hat ihn einfach angerufen und von dem Vorhaben erzählt, ein Buch speziell über den kanonischen Status nach dem Rücktritt Ratzingers zu schreiben, und Gigliotti sagte seine Hilfe zu.

Vitale zeichnet in seinem 90-seitigen Buch kurz die Geschichte päpstlicher Rücktritte nach – von Cölestin V. bis zu Joseph Ratzinger – und analysiert den aktuellen Status des „Papa Emeritus“. Der Band ist in drei Kapitel unterteilt: Zunächst geht der Autor auf den „Verzicht auf den Thron Petri in der Geschichte“ ein, im zweiten Abschnitt auf die Berührungspunkte und Unterschiede zwischen dem Agieren von Cölestin V. und dem von „Papa Ratzinger“ von 2013. Das dritte Kapitel analysiert „den kanonischen Status und den Titel des verzichtenden Papstes“. Benedikt XVI. habe beispielsweise keine Zeit gehabt, wirklich über einen neuen Titel nachzudenken, so Vitale. Der Verleger von Aracne Editrice, Gioacchino Onorati, sprach mit Blick auf das Buch von einem „kleinen Meisterwerk“. Die wissenschaftliche Arbeit sei von historischer und kanonischer Tiefe heißt es bei der Vorstellung – aber auch eine Hommage an seinen „spirituellen Mentor“.

Was Benedikt XVI. für den jungen Mann bedeutet, erläutert er mit leuchtenden Augen: „Er ist für mich vom ersten Moment wie ein Vater gewesen. Ich habe sein Wirken schon verfolgt, als er Kardinal war und ich nur ein Kind.“ Das Interesse wurde nach der Papstwahl noch stärker, beispielsweise habe er am Weltjugendtag in Madrid teilgenommen: „Er war immer ein Beziehungspunkt, ein wirklicher Leuchtturm, der mein Glaubensleben erleuchtet hat.“ Auf die Frage, was die Lehre Benedikts heute für uns bedeute, strahlt er fast noch mehr: „Die Lehre Benedikts ist etwas ganz, ganz Großes. Ich glaube, dass die Lehre uns in die Zukunft führen wird. Viele sehen es so, als sei die Lehre Benedikts abgeschlossen, wie ein kleines Licht, aber ich glaube, dass seine Lehre weiter gelten wird und wir werden uns immer auf ihn beziehen. Das ist eine Lehre, die nicht vergeht.“

Die Buchvorstellung in Rom liefert weitere Überraschungen: Zusätzlicher Beweis für Vitales Netzwerken ist „Maupal“. Der eher öffentlichkeitsscheue Künstler Mauro Pallotta ist berühmt geworden durch seine Darstellung des bei „Papst Franziskus schmierstehenden Gardisten“ im Herzen Roms. Auch er gibt Rosario die Ehre und erläutert, warum er für dessen Buch ein Bild vom Benedikt XVI. gemalt hat: „Ich wollte ein schönes Bild von ihm malen, ich wollte ihn sympathisch darstellen, denn das hat er verdient.“ Sein Gemälde zeigt einen entspannt lächelnden und klavierspielenden Benedikt in weißer Soutane. Auf dem Instrument lauschen zwei Katzen seinem Spiel und eine Taube mit Olivenzweig als Symbol des Friedens sitzt auf dem Fenstersims. Pallotta lernte der sympathische Rosario auf seinen langen Spaziergängen durch Rom kennen: Statt wie viele Römer einen Mittagsschlaf zu halten, stromert der junge Mann stundenlang durch die Straßen der Stadt und traf so „zufällig“ auf den Künstler.

Kurz vor der Buchpräsentation war Vitale bei der Generalaudienz mit Papst Franziskus in der „prima fila“ – und konnte so dem Heiligen Vater das Buch übergeben. Franziskus ermutigte ihn, auf seinem Weg weiterzugehen. Auch mit Georg Gänswein traf er kurz bei der Audienz zusammen, Terminprobleme des Erzbischofs führten jedoch zu einer kurzfristigen Absage seiner Teilnahme an der Buchvorstellung. Anwesend war eine junge Dame aus Bozen, eine Kommilitonin. Auf die Frage, ob sie sich Vitale als Priester vorstellen kann, sagt sie spontan: „Auf jeden Fall – den hätte ich gern als Pfarrer!“