Der Geheimsekretär

Zusammen im schwierigsten Bistum der Welt - Pfarrer Josef Rudolf hat viele historische Momente mit Kardinal Joachim Meisner im geteilten Berlin erlebt Von Rocco Thiede

Pfarrer Josef Rudolf mit dem 2017 verstorbenen Kardinal Joachim Meisner
Zwei katholische Grenzgänger: Pfarrer Josef Rudolf mit dem 2017 verstorbenen Kardinal Joachim Meisner. Foto: Rocco Thiede

Gottes Gnade ruht auf ihm, so würde ich meinen Rufnamen frei übersetzen“, sagt Josef Rudolf, Jahrgang 1947 und Pfarrer im Ruhestand. „Meine Familie floh 1946 mit vier Kindern aus dem Sudetenland“, erzählt er. Als arme Heimatvertriebene mussten sie sich in der Mark Brandenburg eine neue Existenz aufbauen. Der Vater kam aus russischer Gefangenschaft und „war froh, ein neues Leben geschenkt erhalten zu haben. Er schrieb dies seiner Verehrung dem heiligen Josef gegenüber zu. So erhielt ich bei meiner Taufe den Namen Josef als Zeichen für die Errettung meines Vaters aus den mörderischen Kriegsgeschehnissen“.

Die Reisen in den Westen waren etwas Besonderes

Dank der mutigen katholischen Grundüberzeugungen seiner Eltern war es ihm möglich, der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“, sowie später der „Freien Deutschen Jugend“ (FDJ) fernzubleiben. „Am Fahnenappell musste ich dennoch teilnehmen und es hat mich eigentümlich berührt, dass man einen Ritus praktizierte, der mich an unsere Religion erinnerte. Der Pionierleiter rief den Kindern zu: ,Seid bereit‘! – darauf antworteten die Schüler: ,Immer bereit‘! Sie hoben über ihrem Kopf die rechte Hand. Eigentlich ein urchristlicher Akt“, wie Josef Rudolf meint, denn: „Die Stets-Bereitschaft erwartet Jesus von seinen Jüngern und uns. Ähnlich verhielt es sich mit der ,Jugendweihe‘. Der Begriff ,Weihe‘ stammt unleugbar aus dem religiösen Bereich.“

Josef Rudolfs Familie wuchs mit der Diasporakirche auf. Die Familie und die katholische Gemeinde vor Ort „waren so etwas wie ein Antibiotikum, mich der Ideologie des Staates nicht anzupassen oder gar zu unterwerfen. Mit dem Wunsch, Priester zu werden, ging ich seit dem 12. Lebensjahr schwanger.“

Das Abitur machte Josef Rudolf in einer von den katholischen Bischöfen eingerichteten Schule in Schöneiche bei Berlin. Hier wurde er auf das Theologiestudium vorbereitet. 1967 begann er sein Theologiestudium in Erfurt und wurde 1974 von Kardinal Alfred Bengsch in der St. Hedwigskathedrale zu Berlin zum Priester geweiht. Es folgten Kaplanstellen in Demmin, Berlin-Buch und Greifswald. Das Wirken von Josef Rudolf ist geprägt durch seine Tätigkeit für Joachim Kardinal Meisner in der geteilten Stadt Berlin. 1982 wurde er zum „Geheimsekretär“ des Bischofs von Berlin sowie zum Domvikar an der St. Hedwigskathedrale berufen. „Als Priester in der DDR sozialisiert, hatte ich nie westlichen Boden betreten. Plötzlich kam ich in eine mir ziemlich fremde Welt. Da ich von nun an automatisch zum ,Reisekader‘ mit Reisepass wurde, um den Kardinal überall hin zu begleiten.“

Berlin war seit dem 13. August 1961 durch eine menschenverachtende Mauer geteilt – nur das katholische Bistum Berlin nicht. Eine der wichtigsten Aufgaben des Bischofs war, die Einheit des Bistums zu erhalten. Mit der Regierung der DDR war vereinbart worden, dass der Bischof von Berlin, der seinen Wohnsitz in Ostberlin hatte, innerhalb von vier Monaten 30 Tage in Westberlin seiner Arbeit nachgehen konnte.

Niemals war es dem Bischof gestattet, in Westberlin zu übernachten, sondern vor 24 Uhr jeden Arbeitstages musste er mit seinem Dienstwagen an der Grenze Invalidenstraße erscheinen. Für jede Überfahrt war an der Grenze der jeweilige Reisepass vorzulegen „mit der Zählkarte, die auszufüllen in meiner Verantwortung lag. Der Bischof hatte angeordnet, dass im Grenzbereich im Auto keine Gespräche geführt werden. Wir Priester beteten das Brevier in Stille, so dass man nicht in Gespräche verwickelt werden konnte.“

Die Mauer durfte er nur im Auto überwinden. Im Bernhard Lichtenberghaus gab es das Sekretariat des Bischofs in Ostberlin und in der Wundtstraße in Charlottenburg befand sich das Ordinariat Westberlins, wo Pfarrer Rudolf ebenso ein Büro hatte. „Die Kuriosität dieser geteilten Stadt hatte zur Folge, dass das Bistum Berlin zwei Generalvikare und auch zwei Ordinariate hatte. Von mir mussten zwei Sekretariate des Bischofs koordiniert werden“, erinnert sich Josef Rudolf. Für die vielen Fahrten hatte der Bischof einen eigenen Chauffeur, der ihn mitunter auch nach Warschau oder nach München fahren musste. Und als Sekretär war Josef Rudolf immer dabei. „Kardinal Meisner pflegte eine ausgeprägte Gastfreundlichkeit, so dass oft interessante Besucher wie Kardinal König aus Wien, Kardinal Kuharic aus Zagreb aber auch Mutter Teresa, der Theologe Josef Pieper oder Frere Roger Schütz, Gründer der Communite in Taize, oder der amerikanische Stadtkommandant, General Mitchel, zu Gast waren.“

Papst Johannes Paul II. bestätigte bei einer Audienz Joachim Kardinal Meisner, er habe das schwierigste Bistum der Welt zu leiten, denn hier prallten die politisch gegensätzlichsten Welten aufeinander. „Einige erwarteten, er müsse sich in Westberlin entschiedener gegen das Unrechtsregime in Ostberlin äußern. Wiederum hatte man im Osten gefordert, er habe die sogenannten Errungenschaften des Sozialismus anzuerkennen und zu loben.“

In kirchenpolitischen Krisensituationen gaben Offizielle der DDR gern dem Bischof zu verstehen, dass er in Westberlin bleiben könne, also man ihm die Rückkehr nach Ostberlin jederzeit unterbinden kann. Josef Rudolf: „Dieses Risiko durfte der Bischof aber niemals eingehen, dann wäre die Einheit des Bistums in großer Gefahr. Die Stadt war geteilt, das Bistum nicht.“

In einem Büro in Rom ging es sehr geheim zu

1983 erwählte der Hl. Vater den Bischof von Berlin zum Kardinal. „So kam eine neue Dimension in sein, aber auch in mein Arbeitsfeld“. Im kleinen Büro am Tiber konnte der Kardinal manche Angelegenheiten, die äußerst geheimer Natur waren, nur in Rom selbst vorbereiten. Der Gottesdienst am 2. Februar 1983 im Petersdom zur Feier der Übergabe der Kardinalswürde war „ein unvergessliches Geschehen. Kardinal Meisner nahm 25 Personen aus Westberlin und 25 Personen aus dem Ostteil Berlins als Kardinalsfamilie mit nach Rom.“ Die DDR erklärte sich bereit, die Ausreisegenehmigung zu erteilen.

Als Geheimsekretär des Kardinals hatte Josef Rudolf viele Lasten zu schultern. „Was ich erlebte, etwa Politisches oder Personalia, nehme ich mit ins Grab.“ Zum Abschied kommt Pfarrer Rudolf noch einmal auf seinen Namen zu sprechen: „Den Namen Josef zu tragen, war zu DDR-Zeiten ein Ausweis dafür, dass das Kind katholisch ist. Mit diesem Namen konnte man seine Herkunft nicht verstecken – brauchte ich auch nicht, ich war stolz, diesen Namen zu tragen!“ Das glaubt man ihm – bis heute.