Oppolding

Das Wunder von Oppolding

Dem Erdinger Sonderrokoko war keine lange Blütezeit beschieden, doch in der Kirche St. Johannes der Täufer lässt es sich weiterhin bestaunen.

Seitenaltar mit Rokoko-Kanzel.
Imposant: Ein Seitenaltar mit Rokoko-Kanzel. Foto: Wolfgang Pfäffl

Vergessen's nicht, wieder zuzusperren!“, ruft einem die Huberbäurin nach, während man mit dem schweren, großen Kirchenschlüssel in der Hand den umfriedeten Kirchhof betritt. Nur noch wenige Schritte sind es, und man erschließt sich eines der Wunder des süddeutschen Rokoko; ganz privat, geradezu intim nehmen sie Verbindung auf – Kunstpilger und Kulturschatz, Glaubender und Gotteshaus.

Dem heiligen Täufer Johannes ist das Bauwerk geweiht, welches hinsichtlich seiner Größe, vor allem aber nach dem kunsthistorischen Rang seiner Ausstattung jegliche Dimension sprengt, die man für die Hauskapelle eines Einödhofes anzunehmen geneigt ist. Zuckerrüben werden angebaut und prächtige Jungstiere stehen im Stall von Oppolding, eines stattlichen Vierseithofes, wie es viele im Erdinger Holzland gibt, jene wald- und hügelreiche Landschaft, die sich knapp 50 Kilometer nordöstlich von München erstreckt.

Oppolding aber ist besonders. Wie ein Adelssitz thront der Bauernhof über dem sanften Tal des Hammerthaler Bächleins und die benachbarte, kirchengroße Hofkapelle setzt mit ihrem eleganten Zwiebelturm noch einmal ein Ausrufezeichen, um die Bedeutung des hier seit 1570 ansässigen Geschlechts der Huber zu unterstreichen. Seit Generationen sind die Hoferben nach dem Ritterheiligen Georg benannt, der vornehm daherkommt; hoch zu Ross und nicht, wie die meisten anderen Heiligen, zu Fuß.

Die Kirche hat man sich 1764 geleistet, weil man es konnte; weil man an Gott nicht sparen soll – lebendiger Ausdruck von Tradition und familiärer Verwurzelung, von Frömmigkeit und Bauernstolz. In leuchtendem Goldgelb auf weißem Grund sind die gliedernden Pilaster der Fassade, die Fensterlaibungen und Gesimse gefasst und auch die Rundnischen des Turmes mit ihren Lichtschlitzen, die wie Schießscharten wirken und für den Erdinger Stadtmaurermeister Johann Baptist Lethner typisch sind.

Aus der Nähe bemerkt man neckische Spielereien

Das Innere des offiziell als Filialkirche rangierenden Bauwerks ist in schlichtem Weiß gefasst, vor dem sich das lichte Grau des frei angetragenen, in sublimer Zartheit ausgeführten Deckenstucks abhebt; nur ab und an sind einzelne Rocaillen durch Vergoldung akzentuiert. Kräftige Farbakkorde schlagen lediglich das Deckengemälde im Presbyterium sowie die drei Altäre an, die von Mathias Fackler gezimmert wurden, der aus dem nahen Dorfen stammt. Ihre rahmenden Säulenarchitekturen sind in unterschiedlichen Grau- und Rosatönen marmoriert.

Erst aus der Nähe bemerkt man, dass sich in den Maserungen und Einschlüssen des Gesteins neckische Spielereien verbergen; betende Eremiten sind zu entdecken, Schiffe, Landschaften und Architekturstaffagen; Marmormalerei auf ihrem Zenit. Die Erdinger Maler Georg und Franz Xaver Zellner, Vater und Sohn, bewiesen hier ihre Kunstfertigkeit; vom Junior stammen auch die qualitätvollen Altarblätter.

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Das eigentliche „Wunder von Oppolding“ aber ist die Kanzel; ein Meisterwerk der Stuckateurskunst, ein jubelnder Gipfel- und Schlusspunkt des bayerischen Rokoko. Aus der sanften Wellenbewegung des Treppengeländers schwingt sich eine kühne Woge auf, brandet an der Kirchenwand empor, schraubt sich höher und höher und bricht sich schließlich über dem Kanzelkorb, wo sie sich – anstelle eines Schalldeckels – in Strudeln aufkräuselt, um sich in einer Schaumkrone völlig aufzulösen. Inmitten der durchbrochenen Rokoko-Wirbel schwebt die Taube des Heiligen Geistes als Zentrum und Ruhepol eines quirlend rotierenden Universums; eine Rosengirlande weht herab, Seraphsköpfe beleben die Rückwand.

Nichts Bäuerliches, Derbes ist an dieser Kanzel. Jedes Detail zeugt von graziöser Noblesse und sublimer Formgebung. Die Rocaille, jenes bizarre Muschelornament, welches dem Rokoko seinen Namen lieh, in Oppolding ist es nicht mehr bloß dienendes Rahmenwerk. Der Zierrat wird zum autonomen Kunstwerk, macht das nicht Fassbare sichtbar, übersetzt abstrakte Dynamik in bildhafte Gestalt. Wie das von dieser Kanzel verkündete Wort Fleisch wurde, ist hier die bewegende Kraft, der Wille, Stuck geworden.

Im Dreiklang des „Erdinger Sonderrokoko“

Lange Zeit wurde gerätselt, wer der Gestalter dieses Bravourstücks, wer jener „Meister von Oppolding“ gewesen sein könnte. Verbindungen zum Münchner Hof oder zum Bildhauergenie Ignaz Günther wurden ihm nachgesagt. 1955 entdeckte man bei einer Kirchenrestaurierung die Initialen „I A P“. Seither wird dieser Geniestreich dem in Dorfen gebürtigen Stuckateur Johann Anton Pader zugeschrieben, der auch in den benachbarten Kirchen in Hörgersdorf und Eschlbach seine Spuren hinterließ. Zusammen mit Oppolding formulieren diese drei Gotteshäuser den Dreiklang des „Erdinger Sonderrokoko“, für dessen Blüte Pader mit den bereits erwähnten Künstlern sowie dem in dieser Reihe noch fehlenden Landshuter Bildhauer Christian Jorhan verantwortlich zeichnet.

In der Hörgersdorfer Bartholomäuskirche, die wegen der Originalität ihrer überschäumenden Gesamtkomposition „Erdinger Wies“ genannt wird, sind stuckierte Köstlichkeiten zu entdecken; miniaturhafte Darstellungen mit Szenen aus der Heiligen Schrift, wie etwa das Zeltlager der durch die Wüste Sinai ziehenden Israeliten mit der Bundeslade. Theologisch auszudeuten sind auch die von Pader mit leichter Hand gestreuten Blumenteppiche, deren zarte, nach der Natur gehaltene Farbfassung an Porzellanmalerei erinnert. Rose und Lilie stehen selbstredend für die Gottesmutter, die Agave für Umkehr und Buße, die Tulpe für die Vergänglichkeit alles Irdischen.

Die jubelnde Phantastik sah bereits dem Ende entgegen

Inspirative Quelle für all diesen phantasievollen Ausstattungsreichtum war wohl Max Ludwig Dapsal, der von 1745 bis 1787 in Eschlbach als Pfarrer wirkte, über ein gediegenes theologisches Wissen und vor allem über ein außergewöhnliches Kunstverständnis verfügte. Sowohl der Neubau in Oppolding als auch die Neuausstattung in Hörgersdorf dürften seiner Anregung zu verdanken sein. 1765 ließ er auch seine eigene Kirche, Mariä Geburt in Eschlbach von dem bewährten Team neu ausstaffieren. In dem ehedem gotischen Bau treten sprossende Pflanzen und rauschende Muschelrocaillen endgültig an die Stelle von Säulen, die – wenn überhaupt – als spielerisches Element und nicht mehr als tragende Stütze begriffen werden; am Hauptaltar zieren sie – in krippenhafter Miniaturgröße – nur noch den Tabernakel.

Dem Erdinger Sonderrokoko war freilich keine lange Blütezeit beschieden. Im fahlen Zwielicht der Aufklärung trat mehr und mehr die nüchterne Kosten-Nutzenrechnung in den Vordergrund, nach welcher „die widersinnigen Ausschweifungen dieser Zierrate“ nur kostspielig seien und „unnötig lasten“ würden. Das asymmetrisch-vergängliche Schönheitsideal des Rokoko hatte dem vermeintlich ewigen, eigentlich aber fragwürdig antikischen zu weichen. An die Stelle jubelnder Phantastik trat die Langeweile eines blutleeren Klassizismus mit den unvermeidlichen, unendlich reproduzierbaren Säulenordnungen. Der Kirchenbau kam zum Erliegen, in der heraufdämmernden Zeit waren Narrenhäuser und Gefängnisse gefragt; vor allem aber Heldenfriedhöfe.