„Das Schicksal jedes Flüchtlings ist bedrückend“

Auf Einladung des Lesben- und Schwulenverbands LSVD besuchte der Berliner Erzbischof Heiner Koch eine Einrichtung für homosexuelle und transgeschlechtliche Flüchtlinge, führte Einzelgespräche mit Betroffenen und sagte dem Zentrum Unterstützung zu. Die Nöte der Menschen, mit denen er hier in Kontakt gekommen sei, könnten und dürften niemanden unberührt lassen. Von Tobias Klein

Erzbischof Heiner Koch im Gespräch mit Betroffenen. Foto: dpa
Erzbischof Heiner Koch im Gespräch mit Betroffenen. Foto: dpa

Am Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) im Stadtteil Moabit herrscht seit Monaten Ausnahmezustand. Unzählige Flüchtlinge warten dort in der Kälte und unter chaotischen Bedingungen auf ihre Registrierung als Asylbewerber; während nur 150 bis 200 Fälle am Tag bearbeitet werden können, gibt es täglich bis zu 1 000 Neuankömmlinge. Darunter sind auch homo- und transsexuelle Flüchtlinge, die in ihren Herkunftsländern diskriminiert und verfolgt wurden und nun auch nach ihrer Ankunft in Deutschland vielfach erneut benachteiligt, gedemütigt und mit Gewalt konfrontiert werden – von anderen Flüchtlingen, aber auch vom privaten Sicherheitspersonal am LaGeSo und von sogenannten „Integrationslotsen“.

Beistand, Beratung und Hilfe zur Selbsthilfe bietet den homosexuellen und transgeschlechtlichen Flüchtlingen das „Zentrum für Migranten, Lesben und Schwule“ (MILES), eine Einrichtung des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD). Die MILES-Mitarbeiter leisten psychosoziale und rechtliche Beratung, unterstützen den Aufbau von Selbsthilfegruppen und bemühen sich insbesondere um die Unterbringung homo- und transsexueller Flüchtlingen in Privatwohnungen, da es in Sammelunterkünften immer wieder zu Übergriffen kommt.

Auf Einladung des LSVD besuchte nun der Berliner Erzbischof Heiner Koch gemeinsam mit Caritas-Direktorin Ulrike Kostka das MILES und führte persönliche Gespräche mit betroffenen Flüchtlingen. Bei einer anschließenden Pressekonferenz zeigte sich Koch „beeindruckt und bewegt“ von den persönlichen Begegnungen und sagte dem Zentrum Unterstützung zu.

Bereits im Anschluss an die Messe zu seiner Amtseinführung als Erzbischof von Berlin im September habe ihn ein Flüchtling, der seine Heimat wegen Verfolgung aufgrund seiner sexuellen Orientierung verlassen habe, angesprochen und auf die Nöte homo- und transsexueller Flüchtlinge aufmerksam gemacht. „Ich war dankbar für diese Offenheit“, betonte der Erzbischof. Im persönlichen Gespräch bekomme man erst ein Gefühl dafür, dass jeder einzelne Flüchtling ein Mensch mit einer ganz eigenen Geschichte sei und nicht bloß eine Zahl in einer Statistik. „Das Schicksal jedes Flüchtlings ist bedrückend“, erklärte Erzbischof Koch. „Es handelt sich hier um urmenschliche Dinge, die uns nicht unberührt lassen können. Wir stehen hier als Christen, als Katholiken in der Verantwortung.“ Laut einer Statistik des LSVD haben im Zeitraum vom 1. August bis zum 31. Dezember 2015 95 homosexuelle und transgeschlechtliche Flüchtlinge in Berlin Gewaltvorfälle gemeldet; dabei handelte es sich um 29 Fälle physischer Gewalt, 53 Fälle von Beleidigungen, Nötigungen und Bedrohungen und 13 sexuelle Übergriffe. Darüber hinaus habe es seit April 2015 bei Ämterbegleitungen 19 Fälle von verbalen Beleidigungen durch das Sicherheitspersonal und durch Integrationslotsen oder Sprachmittler gegeben. Man müsse zudem von einer erheblich höheren Dunkelziffer ausgehen; die meisten Vorfälle würden nicht angezeigt, was es erschwere, die Täter zur Verantwortung zu ziehen und potenzielle weitere Opfer zu schützen. Das Personal am LaGeSo sei vielfach überfordert und unzureichend qualifiziert; hier müsse mehr für eine spezielle Schulung und Eignungsprüfung getan werden. Homosexuelle und transgeschlechtliche Flüchtlinge benötigten spezielle Sachbearbeiter und Ansprechpartner mit klarer Zuständigkeit.

Die Vertreter des LSVD würdigten die Arbeit der Caritas, die am LaGeSo ehrenamtliche Hilfe für die Flüchtlinge koordiniert, medizinische Versorgung und Kinderbetreuung organisiert und sich um beschleunigte Bearbeitung besonderer Härtefälle bemüht. Auch Caritas-Direktorin Kostka lobte die gute Zusammenarbeit mit dem Zentrum MILES. Man werde in den kommenden Tagen weitere Gespräche über konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Lage am LaGeSo führen.

Im Vorfeld war der Besuch des Berliner Erzbischofs im Zentrum MILES von verschiedenen Seiten kontrovers aufgenommen worden. So hatte das Online-Magazin queer.de auf die Pressemitteilung des LSVD über diese Veranstaltung mit einem Artikel reagiert, in dem es hieß, Erzbischof Koch habe sich in der Vergangenheit „als Gegner von LGBT-Rechten profiliert“. In Leserzuschriften hieß es, der LSVD solle sich nicht von „Katholiban“ für deren „PR-Zwecke missbrauchen lassen“; die Katholische Kirche sei ein „Gegner“, den es „zu marginalisieren und zu bekämpfen“ gelte. In klarem Gegensatz zu solchen Äußerungen dankte LSVD-Vorstandsmitglied Bodo Mende Erzbischof Koch im Rahmen der Pressekonferenz herzlich für dessen Engagement und betonte, bei allen Meinungsverschiedenheiten, die es zwischen dem Lesben- und Schwulenverband und der Katholischen Kirche zweifellos gebe, sei es umso wichtiger, das Verbindende zu betonen: den Einsatz für die Würde des Menschen. LSVD-Landesgeschäftsführer und Jörg Steinert lobte die konstruktive Atmosphäre des Gesprächs mit dem Erzbischof – im Gegensatz zu einem am Vortag geführten Gespräch mit dem Integrations- und Migrationsbeauftragten des Berliner Senats, das schließlich ergebnislos abgebrochen worden sei.

Umgekehrt war von katholischer Seite zum Teil Unverständnis darüber geäußert worden, dass Erzbischof Koch gerade homo- und transsexuellen Flüchtlingen besondere Aufmerksamkeit zukommen lasse, während gleichzeitig auch christliche Flüchtlinge drangsaliert und bedroht würden. Der Pressesprecher des Erzbistums Berlin, Stefan Förner, äußerte in einem Einzelgespräch, wenn der Eindruck bestehe, die Kirche kümmere sich nicht um christliche Flüchtlinge, dann sei dieser Eindruck falsch: Es werde viel Hilfe geleistet, auch auf der Ebene einzelner Pfarreien. Es sei richtig, dass die Kirche christlichen Flüchtlingen gegenüber eine besondere Verantwortung habe; dies dürfe aber nicht dazu führen, die Nöte anderer Hilfsbedürftiger zu ignorieren.