„Brasilien braucht mehr Ehrlichkeit“

Alfredo Schaeffler, Bischof der Diözese Parnaíbaf, zur Entwicklung des Landes unter der neuen Präsidentin Dilma Rousseff

Bischof Alfredo Schaeffler – ein Österreicher in Brasilien. Foto: Emons
Bischof Alfredo Schaeffler – ein Österreicher in Brasilien. Foto: Emons

Der gebürtige Österreicher Alfredo Schaeffler (70) ist Bischof der brasilianischen Diözese Parnaíba und pflegt einen guten Kontakt zu dem Essener Weihbischof em. Franz Grave, dem früheren Vorsitzenden von Adveniat. Dieser hat Bischof Schaeffler auch nach Deutschland eingeladen – mit ihm sprach für „Die Tagespost“ Thomas Emons.

Wie wird man als Österreicher Bischof in Brasilien?

Ich bin durch das Fernsehen in Brasilien gelandet. Man sieht: Das Fernsehen hat auch seine guten Seiten. Dort habe ich während des Zweiten Vatikanischen Konzils einen brasilianischen Bischof gesehen und sprechen gehört, der im Alter von 16 Jahren aus Österreich nach Brasilien gegangen und dort Priester geworden war. Das hat mich damals aus meiner europäischen Ruhe gebracht. Das war der Grund, warum ich mein Leben umgekrempelt und neu angefangen habe. So wurde auch ich nach meinem Studium Priester in Brasilien und später Bischof.

Was nehmen Sie von Ihrem Besuch in Deutschland mit nach Brasilien?

Dankbarkeit, Freude und die Überzeugung, dass die Welt zu einem globalen Dorf geworden ist, in dem wir enger zusammenrücken müssen, in dem wir aber auch voneinander lernen und geschwisterlich zusammenleben können, wenn wir aufeinander hören.

Was haben Sie hier persönlich gelernt?

Es gibt soviel Positives in Deutschland, was in Jahrhunderten christlicher Verkündigung gewachsen ist und sich heute als Grundgedanke in der Wirtschaft, in der Politik oder in der Schule wiederfindet. Ich habe aber auch viele engagierte Gemeindemitglieder kennengelernt, die sich einbringen, weil sie erkannt haben, dass die Kirche nicht nur aus Priestern besteht und dass wir alle als Gläubige in einem Boot sitzen, jeder an seinem Platz.

Aber ohne Priester funktioniert Kirche nicht und wir haben hier im Gegensatz zu Brasilien einen Priestermangel.

Dass Priester fehlen, ist sicher auch ein Zeichen Gottes. Er will uns vielleicht dahin führen, dass wir wieder stärker von der Taufe ausgehen, damit jeder Gläubige seinen Beitrag dazu leistet, dass die Kirche immer wieder eine lebendige und fußwaschende Kirche ist, die als Zeichen der Hoffnung für die Menschen wahrgenommen wird, indem wir durch die Kirche immer wieder neu lernen, dass wir geschwisterlich in einer Welt zusammenleben können.

Was kann die katholische Kirche in Brasilien und Lateinamerika von der Kirche in Deutschland lernen und umgekehrt?

Es steht mir nicht zu, zu sagen, was die deutsche Kirche von uns lernen kann. Aber was wir von der Kirche in Deutschland lernen können, das sind viele Elemente. Ich denke zum Beispiel an die gute Organisation, die man hier hat. Wir können hier von der Gründlichkeit lernen, mit der man zu einer Sache steht und sie überzeugend weiterführt. Aber wir können auch von der Offenheit der Menschen für unsere Welt lernen. Wie viele Menschen hier haben im Laufe der Jahrzehnte gelernt, über Grenzen zu sehen und Horizonte zu erkennen. Als Mitglied der Bischofskonferenz Brasiliens kann ich nur dankbar sein. Denn was wäre unsere Kirche in Brasilien und in Lateinamerika ohne das Dahinterstehen der vielen Katholiken Deutschlands, durch Adveniat, Misereor oder andere Aktionen. Wir wären nicht die Kirche, die wir heute sind. Wir sind nicht nur eine heilige, sondern auch eine sündige Kirche. Aber wir haben sicher viele Zeichen der Heiligkeit, der Hoffnung und der Veränderung setzen können, weil wir aus dem Hintergrund durch die Aktion Adveniat in 50 Jahren viel Hilfe erfahren haben. Dafür empfinden wir tiefe Dankbarkeit.

Sie haben bei Ihrem Besuch mit Erfolg um finanzielle Unterstützung für die Zisternen in Ihrem Bistum geworben. Warum?

Wir leben in einer ausgesprochenen Trockenzone, in der es sechs Monate im Jahr nicht regnet und in der die Menschen nicht einfach den Wasserhahn aufdrehen können, um Wasser zu trinken. Also bauen wir Zisternen, mit denen wir Regenwasser auffangen können, damit Familien in den Trockenmonaten Regenwasser haben, das sie nutzen können, um zu waschen, zu trinken und zu kochen. Für 400 Euro kann man schon eine Zisterne bauen, die etwa 15 000 Liter Regenwasser auffängt. Dass bedeutet, dass die Leute die Trockenzeit überstehen und nicht in die Städte abziehen oder sogar ihr Land verlassen müssen. Sie können bleiben, um ihre Kinder großzuziehen und ihr Land zu bestellen. Das bedeutet Leben.

Wie beurteilen Sie als katholischer Bischof das Verhältnis zwischen Kirche und Staat im Brasilien?

Das Verhältnis zwischen Kirche und Staat ist ein relativ friedvolles. Man sucht den Dialog mit der Bischofskonferenz. Aber leider bleibt es dann oft auch dabei und hat keine Folgen für die Realität.

Zuletzt machten menschenunwürdige Verhältnisse in Brasiliens Gefängnissen Schlagzeilen. Wie ist es um die Menschenrechte in Brasilien bestellt?

Ich war vor rund einem Jahr in einer Haftanstalt. Da saßen 158 Männer ein. Von denen waren 60 Prozent jünger als 25 Jahre alt und nur 30 rechtskräftig verurteilt. Die anderen warteten auf ihren Prozess. Das kann oft Jahre dauern, auch wenn die Menschen unschuldig sind. So verlieren auch unschuldige Menschen oft zwei oder drei Jahre ihres Lebens, in denen sie nichts Positives für ihr Leben lernen können. Das ist gegen die Menschenrechte. Und diesbezüglich sehen wir bei den staatlichen Stellen nicht viele Fortschritte, weil es an Grundwerten fehlt. Ich meine damit Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit. Wir haben leider sehr viel Betrug und Korruption. Und Lüge wird oft solange erzählt, bis sie als Wahrheit verkauft wird.

Was erwarten Sie von der neuen Präsidentin Dilma Rousseff?

Als Kirche müssen wir immer eine hoffende Kirche sein, um Hoffnung zu schenken. Und so hoffen wir, dass sie als Frau vielleicht eine größere Sensibilität hat, um ihre Mitarbeiter zum Handeln zu bringen, damit es zum Beispiel im Gesundheitssystem besser wird. Das, was auf dem Papier steht, muss auch umgesetzt werden, nämlich, dass auch der arme Mensch die Möglichkeit hat, eine medizinische Behandlung zu bekommen, dass sich das Schulwesen verbessert und wir weniger Analphabeten haben. Dass wir weniger Korruption haben und dass mit mehr Ehrlichkeit gewirtschaftet wird und es weniger Unterschlagung gibt. Das erwarten wir.

Wie versucht die katholische Kirche in Lateinamerika auf die Herausforderung durch die evangelikalen Sekten zu reagieren?

Die fünfte lateinamerikanische Bischofskonferenz hat einen Impuls gegeben, damit wir wieder etwas mehr zu einer missionarischen Kirche werden. Wir dürfen uns nicht an Kirche gewöhnen. Denn wenn man sich an etwas gewöhnt, besteht die Gefahr, dass man schläft. Und die Kirche darf nicht schlafen. Die Evangelisierung war bei uns oft oberflächlich. Das Herz des Brasilianers gehört Jesus Christus, aber der Kopf dem, der als erster kommt und das waren nicht immer wir, weil wir nicht immer mit missionarischem Elan ausgezogen sind. Wir haben in Brasilien aber auch eine Verfassung, die allen Religionsgemeinschaften Steuerfreiheit gewährt, aber nicht genau definiert, was eine Religionsgemeinschaft ist. Und so kann jeder an der nächsten Straßenecke die Kirche von den blauen Augen Gottes aufmachen, um seine Steuern hinterrücks zu verstecken. Denn die meisten Sekten sind ein rein finanzielles Unternehmen und dem können wir nur entgegenwirken, indem wir wieder stärker eine missionarische Kirche werden.

Wie beurteilen Sie die Lage der katholischen Kirche in lateinamerikanischen Ländern, die wie Venezuela, von einem neosozialistischen Regime regiert werden und in denen es eine Frontstellung zwischen Kirche und Regierung gibt?

In Brasilien haben wir jetzt nach sehr vielen Jahren ein Konkordat, in dem das juristische Verhältnis von Kirche und Start definiert ist. Was wir auf der lateinamerikanischen Ebene hören, von Leuten, die dort herkommen, so ist die wirtschaftliche Lage in Venezuela sehr schlecht und die Armut groß. Das ist ein sozialistisches System, in dem Präsident Chavez oft mit Schikanen und Gewalt das existierende Konkordat mit Füßen tritt. Das ist zwar ein internationales Abkommen, aber er macht das auch mit anderen Ländern. Für uns ist das natürlich eine Sorge, so einen Mann an der Regierung zu haben, der um Anhänger wirbt, aber auch nicht so viele Anhänger hat. Da sind wir als Kirche näher dran an den Menschen, weil man merkt: Da wird zwar viel gesprochen, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Für die Kirche ist das eine schwierige Situation. Denn es gibt so gut wie keine Opposition. Alle Nachrichten werden kontrolliert. Die Demokratie wird mit Füßen getreten. Denn zur Demokratie gehört Meinungsfreiheit und die wird nicht angenommen. Und diesbezüglich gibt es natürlich auch gewisse Tendenzen in Brasilien. Die Präsidentin hat jetzt gesagt: Der Lärm auf der Straße ist besser als das Schweigen in der Diktatur. Sie hat ja selbst unter einer Diktatur gelitten. Wir hoffen, dass sie ihr Wort auch durchhält. Aber es gibt gewisse Tendenzen bei uns, dass man die Meinungsfreiheit beschneiden und das Nachrichtenwesen kontrollieren will. Das macht uns Sorge.