Borussia Dortmunds Wiege ist eine Pfarrei

Junge Katholiken der Dreifaltigkeitsgemeinde gründeten vor 100 Jahren den Fußballverein – Eine Ausstellung erinnert daran

Dortmund (DT) Am 19. Dezember 1909, dem vierten Adventssonntag, trafen sich im Lokal „Zum Wildschütz“ am Dortmunder Borsiglatz 50 junge Männer. Zwei Dinge einte die Gruppe: Alle gehörten der katholischen Jünglingssodalität der benachbarten Dreifaltigkeitsgemeinde an. Und sie begeisterten sich für die damals gerade im Kommen begriffene Sportart Fußball. An jenem denkwürdigen Abend in der kleinen Dortmunder Kneipe beschlossen die jungen Männer die Gründung eines eigenen Fußballvereins.

99 Jahre später, am Abend des 19. Dezember 2008, trafen sich Vertreter dieses – inzwischen international bekannten und börsennotierten – Traditionsclubs, sowie Vertreter von Kirche und Stadt in der Dreifaltigkeitskirche an der Flurstraße, um in festlichem Rahmen an die Ereignisse von damals zu erinnern. Mit einem ökumenischen Gottesdienst wurde nicht nur der 99. Geburtstag des „Ballspielvereins Borussia 09 e.V. Dortmund“ gefeiert. Mit diesem Gottesdienst wurde zugleich das Jubiläumsjahr des Clubs eröffnet.

Anlässlich seines 100-jährigen Bestehens kehrt Borussia also zu seiner Ursprungsstätte in die Dreifaltigkeitsgemeinde im Dortmunder Nordosten zurück. Zur Eröffnung des „Jubeljahres“ in der festlich geschmückten Pfarrkirche kamen nicht nur BVB-Präsident Reinhard Rauball und der Dortmunder Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer, sondern auch der katholische Stadtdechant, Propst Andreas Coersmeier, und der Paderborner Weihbischof Matthias König, ein gebürtiger Dortmunder.

An die Entstehungsgeschichte des Vereins und die Verbindung zwischen Fußball und Kirche erinnert auch eine Ausstellung, die gleichzeitig in den Seitenschiffen der Kirche eröffnet wurde: „Kirche – Fußball – Gottvertrauen“. Dieser Dreiklang wird in der Ausstellung durch zahlreiche Archivfotos und erläuternde Texte illustriert – ein Gemeinschaftsprojekt der Kirchengemeinde, des Diözesanmuseums Paderborn und der lokalen Initiative „Borsigplatz-Verführungen“. Dokumentiert werden die Gründung des BVB, aber auch die Entwicklung der Gemeinde über die Jahrzehnte hinweg.

Borussia entstand in einer Zeit, als die Dreifaltigkeitsgemeinde ein enormes Wachstum erlebte. Die Dortmunder Industrie, vor allem das Stahlwerk Hoesch, zog viele katholische Zuwanderer aus Hessen, Schlesien, Posen, aus West- und Ostpreußen und aus dem Rheinland in das Viertel um den Borsigplatz. Diesem Umstand verdankt auch die Dreifaltigkeitsgemeinde ihre Entstehung: Ihre Aufgabe war die Integration der katholischen Arbeiter ins protestantisch geprägte Dortmund. Die Pfarrei entstand zunächst als Filialgemeinde der Nachbarpfarrei St. Josef. Erst 1900, mit der Vollendung des Baus der neuen Pfarrkirche an der Flurstraße, wurde die Dreifaltigkeitsgemeinde eine eigene Pfarrei, entwickelte sich schnell zu einer sehr lebendigen Gemeinde.

Zahlreiche Gruppen, Verbände und Vereine entstanden, darunter im November 1901 die katholische Jünglingssodalität. Ihre Wurzeln lagen in der Marianischen Kongregation. Die „Sodalen“ bemühten sich einerseits um eine Intensivierung ihres Glaubenslebens – durch Katechese und gemeinsame Andachten. Die jungen Männer trafen sich andererseits aber auch zu gemeinsamen Freizeit- und Sportaktivitäten. Irgendwann war ein Fußball da – damals eine Rarität, den ein Mitglied von einer Fahrt nach England mitgebracht hatte. Mehr und mehr begann sich die Gruppe, für diese Sportart zu begeistern. Die „Weiße Wiese“ östlich der Pfarrkirche wurde zum Schauplatz des neu ausbrechenden „Fußballfiebers“. Dem geistlichen Betreuer der „Sodalen“, Kaplan Hubert Dewald, missfiel jedoch die Begeisterung für diese „unkultivierte“ Sportart. Entschlossen versuchte er, das „rohe Treiben“ zu unterbinden.

Vielleicht dachten die jungen Sportler irgendwann, dass es besser ist, weiteren Konflikten aus dem Wege zu gehen. „Vielleicht“, vermutet Ansbert Junk, Pastor der Dreifaltigkeitsgemeinde, „spielte aber auch der Wunsch eine Rolle, angesichts einer wachsenden, sehr lebhaften Gemeinde mehr unter sich zu bleiben. Über die Motive, die zur Entstehung des Fuballvereins führten, können wir heute nur spekulieren“. Faktum bleibt, dass am Abend des 19. Dezember 1909 der „Ballspielverein Borussia“ ins Leben gerufen wurde. Die Namensgebung mit der latinisierten Form für „Preußen“ ist wohl dem damals allgemeinen nationalen Enthusiasmus geschuldet.

Die Verbindung der Gründungsväter von Borussia, des ersten Präsidenten Heinrich Unger, der das Amt nur ein knappes halbes Jahr ausübte, und seines Nachfolgers Franz Jacobi, der den Verein von Mitte 1910 bis 1923 leitete, blieb bestehen: Franz Jacobi heiratete in der Pfarrkirche Hl. Dreifaltigkeit, ließ dort seine Kinder taufen.

Auch als Borussia im Laufe der Jahrzehnte zu einem international renommierten Fußballclub aufstieg – sechs deutsche Meisterschaften und zwei DFB-Pokalsiege, Europapokal, außerdem Champions League und Weltpokal 1997 – blieb stets die Verbindung zur Ursprungsgemeinde erhalten, „mal mehr, mal weniger intensiv“, wie Pastor Junk feststellt. „Durch die Vorbereitungen für das Jubiläumsjahr sind die Kontakte wieder stärker geworden, und ich hatte Gelegenheit, die Mitglieder des Vorstands, den Präsidenten und Geschäftsführer recht gut kennenzulernen. Wir überlegen nun in unserer Gemeinde, ob wir diese Kontakte auch über das Jubiläumsjahr hinaus ein Stück weit institutionalisieren, also regelmäßige seelsorgliche Begleitung für die Fans und vielleicht auch für die Spieler anbieten können.“

Das sei zunächst nur eine Idee ohne konkretes Konzept, so der Pastor. „Fest steht: Hier ergeben sich möglicherweise neue Felder der Verkündigung, denn Fußball ist ein Bereich unserer Gesellschaft geworden, der nicht mehr wegzudenken ist. Auf jeden Fall habe ich bei Gesprächen mit Menschen, die schon im Vorfeld des Jubiläums nach den Wurzeln von Borussia in unserer Gemeinde suchen, gemerkt, dass sich manchmal ganz andere Fragen ergeben.“ Ein Beispiel: Nach dem Jubiläumsgottesdienst kam der Pastor ins Gespräch mit einem Mann, der eigentlich wegen Borussia gekommen war und dann plötzlich erzählte, er sei vor Jahren aus Ärger über einen Pfarrer aus der Kirche ausgetreten: „Aber im Augenblick kann ich mir wieder vorstellen einzutreten.“

Die Dreifaltigkeitsgemeinde ist heute eine internationale Gemeinde mit Menschen aus verschiedenen Nationen: Innerhalb der Gemeinde gibt es eine starke tamilische Gemeinde, die ihre Bräuche und Kultur mit einbringt. Es gibt Erwachsenentaufen und -firmungen von Menschen aus Kamerun und Angola. Der gesamte Stadtteil rund um den Borsigplatz ist international geprägt. „Uns ist also der Umgang mit dem Anderen, dem Fremden durchaus vertraut“, so Pastor Ansbert Junk. „Wenn ich an unseren Martinszug denke, der in diesem Jahr zum ersten Mal nach langer Zeit wieder in unserem Viertel stattfand: Da habe ich die Kinder auf Türkisch und in mehreren anderen Sprachen begrüßt. Wir sind gewohnt, mit Menschen aus anderen Kulturkreisen umzugehen – wir kennen da keine Berührungsängste, sondern freuen uns, wenn Menschen aus vielen Nationen beieinander sind.“ Hier ergebe sich eine Brücke zur internationalen Welt des Fußballs, wo Spieler aus verschiedensten Ländern oft in einer Mannschaft zusammenspielen. „Vielleicht können wir da als Gemeinde auch ein Stück weit als Vorbild für ein gelungenes Miteinander dienen.“

Ein Höhepunkt im Jubiläumsjahr wird am 28. Januar das DFB-Pokalspiel gegen Werder Bremen mit Jubiläumsrahmenprogramm sein. Dazu sind auch Vertreter der Dreifaltigkeitsgemeinde eingeladen – das Pfarrteam, die Messdiener. Und dann werden sie die schwarz-gelbe Jubiläums-Standarte, die beim Gottesdienst am 19. Dezember von Weihbischof König gesegnet wurde und während der Spielpausen in der Kirche verbleibt, in die Dortmunder Fußballarena hineintragen.