Blick in die Unendlichkeit?

Bei einer Tagung über Nahtoderfahrung und Religion im Bistum Münster gehen die Meinungen auseinander. Von Jerzy Staus

Im Jahr 1975 veröffentlichte der US-amerikanische Mediziner Dr. Raymond A. Moody ein aufsehenerregendes Buch mit dem Titel „Leben nach dem Tod“, in welchem er sich mit Berichten von Menschen beschäftigte, die durch Wiederbelebungsmaßnahmen dem Tode entronnen sind. Moody gilt nach Elisabeth Kübler-Ross als der zweite große Pionier der Sterbeforschung. Völlig unbemerkt von der Öffentlichkeit hatte jedoch bereits ein Jahr vor Moody Dr. Eckart Wiesenhütter, Professor für Medizinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Würzburg, ein Buch zum selben Thema vorgelegt: „Blick nach drüben: Selbsterfahrungen im Sterben“. Seine Leistung als Pionier der Sterbeforschung war ein zentrales Thema bei der Tagung „Nahtoderfahrung (NTE) und Religion“, die unlängst im diözesanen Bildungshaus „Schorlemer Alst“ im Bistum Münster in Zusammenarbeit mit dem „Netzwerk Nahtoderfahrung“ stattfand.

Der Diplompsychologe und -theologe Joachim Nicolay befasste sich mit Wiesen-hütter unter dem Aspekt der Nahtoderfahrung (NTE) als „verdrängter Seite des Glaubens“ – wobei sich die Verdrängung sogar darin äußert, dass sich die Erben Wiesenhütters einem Nachdruck seiner Werke über Nahtoderfahrung widersetzen. Wiesenhütter selbst habe sich als evangelischer Christ verstanden. In der Folge eines Lungeninfarkts hatte er selbst ein Sterbeerlebnis. Dabei habe er jedoch nicht die heute als typisch verbürgten Erlebnisse wie Gang durch einen dunklen Tunnel, Lebensrückschau oder Begegnung mit einem Lichtwesen erlebt. Vielmehr habe er empfunden, auf einen einzigen Punkt zusammenzuschrumpfen und sich zugleich ins Unendliche auszudehnen. Sein Ich sei nicht ausgelöscht worden, sondern in einem „Über-Bewusstsein“ von Liebe aufgegangen. Diese Erfahrungen stehe laut Nicolay durchaus in der Tradition religiöser Mystik.

Wiesenhütter, damals Vorsitzender der Gesellschaft für Tiefenpsychologie, habe versucht, sein Erlebnis mit den Arbeiten des Tiefenpsychologen C. G. Jung zu konfrontieren. Obwohl die Sterbeerlebnisse in jeder Kultur und Religion identisch seien, habe ihn Jungs Archetypenlehre nicht überzeugt. Es gehe ihr schlichtweg die Transzendenz ab, meinte Wiesenhütter. Wo Jung von allen Menschen innewohnenden, ererbten psychischen Mustern ausgeht, sieht Wiesenhütter eine Transzendenzerfahrung hin zu Gott.

„Ein Prototyp ekstatischer Erfahrungen“

Menschen mit Nahtoderfahrungen berichten von religiösen Wandlungen in sich selbst, auch dann, wenn sie zuvor gar nicht religiös waren. „Festzuhalten ist, dass die Nahtoderfahrung kein Bestandteil christli-cher Verkündigung ist“, sagte Nicolay. Die christlichen Religionen hätten sich mehr und mehr zu Vernunftreligionen entwi-ckelt, die Mystik und Grenzerfahrungen skeptisch gegenüberstehen. Nahtoderlebnisse stellten demgegenüber Aufbrüche in ein „religiöses Unbewusstes“ dar. Eine Nahtoderfahrung sei ein spiritueller Aufbruch von innen. Wiesenhütter sei der Auffassung gewesen, dass die Kirchen bloß zu ernten bräuchten, was Gott gesät habe und anerkennen sollten, dass dieser eben auch aus dem Unbewussten wirke. In der Bibel fänden sich genug Anknüpfungspunkte an mystische Erfahrungen, wie etwa die Lichtvisionen und das Damaskuserlebnis des Paulus.

Mit dem Ekstaseforscher Torsten Passie bot die Tagung einen Harvard-Professor auf, der als bekennender Atheist einen vollkommen anderen Zugang zu Nahtoderfahrungen hat als Nicolay. Für ihn sind sie lediglich der „Prototyp ekstatischer Erfah-rungen“ schlechthin und besitzen überhaupt keine Transzendenz – was bei den Tagungsteilnehmern, die meist selbst über Nahtoderfahrungen verfügten, vehemente Kritik auslöste. Der Mediziner bezeichnete die Nahtoderfahrung lediglich als die vollkommenste Form der Ekstase, die alle Merkmale dieses Erlebens besitze. Demgegenüber weit schwächere Ekstaseformen entstünden beim Gebrauch von LSD und Exstasy. Nach seiner Ansicht sind alle Ele-mente der Ekstase im menschlichen Körper begründet und können auch künstlich hervorgerufen werden – einschließlich der Nahtoderfahrung. Auch die Folgen solcher Erfahrungen wie „Demut, Wandlung der Wertewelt, Introversion, Altruismus und Gelassenheit“ seien keine transzendenten Erfahrungen, sondern besäßen körperliche Korrelate. Selbst die Reise ins Reich der Toten kenne man bereits von der ekstatischen Schamanenreise. Auch einen praktischen Nebeneffekt der Ekstase- und Sterbeforschung in den USA konnte Passie vorweisen: Durch den Einsatz von LSD in der Behandlung Sterbender habe man die Verabreichung von Morphium stark reduzieren können. LSD nehme den Sterbevorgang teilweise vorweg und nehme den Patienten dadurch die Angst davor. Studien dazu liefen an fast allen US-Universitäten, während man sie in Deutschland – abgesehen von dem Pionier der Halluzinogenforschung, Professor Dr. Hanscarl Leuner (1918 bis 1996) – nicht einsetze und daher auch keine derartigen Erfolge erziele.

Diplom-Geograph Tarik El Kabbani berichtete anschließend von seiner eigenen Nahtoderfahrung. Sie lasse sich sicher nicht mit irgendwelchen Drogenerfahrungen vergleichen, betonte der ZDF-Wettermoderator mit katholischer Mutter und islamischem Vater. Auch habe dieses Erlebnis überhaupt nichts mit den beiden Religionen zu tun gehabt. Religiöse Inhalte seien darin ohne Bedeutung gewesen, berichtete der Deutsch-Ägypter, der sich selbst als nüchternen Naturwissenschaftler bezeichnete. Dennoch habe dieses Erlebnis sein ganzes Leben verändert und beschäftige ihn seitdem jeden Tag seines Lebens.

Mit dem Verhältnis von Todesnäheerfahrungen und christlichem Glauben befasste sich der evangelische Theologe und Pfarrer em. Wennemar Schweer. Für ihn können „Nahtoderfahrungen den christlichen Glauben vom Druck durch das gängige materialistische Menschenbild befreien und eine spirituelle Sicht vom Menschen neu plausibel machen“. Bei der sich anschließenden Diskussion fasst eine Teilnehmerin die Meinung vieler Zuhörer schlicht mit einem Satz zusammen: „Mystik ist das Magma der Theologie!“