Beim Namen genannt

„Politik ist keine Harmonieveranstaltung.“ Heiner Geißler ist ein begnadeter Streit-Anzettler und war lange als ein Hau-Drauf der deutschen Politik bekannt. Legendär ist der Vorwurf des damaligen CDU-Generalsekretärs, die SPD sei die „fünfte Kolonne“ Moskaus. Für Empörung sorgte auch sein Vorwurf, „ohne den Pazifismus der 30er Jahre wäre Auschwitz nicht möglich gewesen“. Willy Brandt warf ihm 1985 vor, der „schlimmste Hetzer seit Goebbels“ zu sein. Inzwischen wirkt der in Oberndorf am Neckar geborene Christdemokrat, der am Mittwoch 80 Jahre alt wird, deutlich abgeklärter. Manches würde er heute nicht mehr so formulieren, hat er eingeräumt. Viele, die sich damals über ihn aufgeregt haben, loben ihn heute als einen der bedeutendsten Parteimanager der Bundesrepublik. Geißler selber, der sich immer wieder als Kapitalismuskritiker hervortut und 2007 sogar der globalisierungskritischen Bewegung attac beitrat, meint nicht, dass sich seine Überzeugungen groß geändert hätten. „Ich war 12 Jahre lang Generalsekretär, und in dieser Funktion muss man die Speerspitze sein“, begründet der promovierte Jurist und einstige Richter seine harschen Äußerungen mit Rollenzwängen. Sein politisches Engagement sieht der Katholik wesentlich durch Elternhaus und die Schule und das Noviziat der Jesuiten geprägt. Der Vater wurde wegen seines Engagements in der Zentrumspartei während der Nazizeit mehrfach versetzt. Den Jesuiten ist Geißler „heute noch dankbar, dass ich in Sankt Blasien war“. Die ideellen Werte, die er dort erlernt habe, habe er in die Politik mitgenommen: Politik sei Berufung; der Beruf des Politikers vergleichbar mit dem des Priesters. Geißler war Sozialpolitiker mit großem Ehrgeiz: Als Sozialminister in Rheinland-Pfalz von 1967 bis 1977 setzte er das erste Kindergartengesetz durch, führte erstmals Sozialstationen ein und erregte Mitte der 70er Jahre bundesweit Aufsehen mit seinem Buch über die „neue soziale Frage“. An die zwanzig Bücher hat der in der Pfalz lebende Jurist veröffentlicht und sich dabei mit der Modernisierung der Gesellschaft auseinandergesetzt.