Behinderung hindert nicht am Kicken

Dennis Loss trainiert eine besondere Fußballmannschaft – Unverkrampfte Freude am Sport. Von Thomas Emons

Dennis Loss und die Fußballer und Fußballerinnen, die er trainiert: Auch wenn sie ein Handicap haben, ist es für sie das Wichtigste, dass das Runde ins Eckige geht, sie ein Tor schießen. Foto: Emons
Dennis Loss und die Fußballer und Fußballerinnen, die er trainiert: Auch wenn sie ein Handicap haben, ist es für sie das... Foto: Emons

Goch (DT) Spieler in unterschiedlichen Nationaltrikots laufen über den Kunstrasenplatz. „Jetzt spielt gleich Deutschland gegen Griechenland“, sagt Dennis Loss. Man wähnt sich bei der Fußball-Europameisterschaft. Tatsächlich ist man aber bei einer Fußballfreizeit in Goch am Niederrhein, bei der sechs Teams in verteilten Rollen die Europameisterschaft nachspielen oder besser gesagt vorspielen. Alle Spieler haben drei Dinge gemeinsam: Sie sind fußballbegeistert, sie haben eine geistige Behinderung und sie arbeiten in einer beschützenden Werkstatt.

Sechzehn von ihnen kommen aus dem Kader der Mülheimer Theodor-Fliedner-Stiftung und werden von Dennis Loss trainiert. Einer von ihnen ist der 25-jährige Marco. Er weiß genau, worauf es ankommt: „Wir kennen uns hier und harmonieren gut miteinander. Das macht total Laune. Der Erfolg ist auch wichtig. Aber noch wichtiger ist, dass wir hier zusammenspielen“, sagt er in einer kleinen Spielpause. Sein Trainer sieht das ähnlich: „Fußball ist schön. Der Spaß steht im Vordergrund und nur die Mannschaft zählt“, nennt er die wichtigsten Grundgesetze seines Trainings. „Sie sind einfach schneller zu begeistern und nehmen auch sehr dankbar an, was man ihnen beibringt“, erklärt Loss, warum der Fußball mit der Fliednermannschaft besonders viel Freude macht.

Diese unverkrampfte Freude am gemeinsamen Fußballspielen entdeckte der heute 33-jährige Loss wieder, als er vor 13 Jahren als Zivildienstleistender zur Fliednerstiftung kam und gleich als Co-Trainer seines Vorgängers Alfred Zey zum Einsatz kam. Als Junge hatte Loss selbst beim VFB Speldorf Fußball gespielt, ehe er zum Basketball abwanderte.

Das Meckern hat Loss seinen Spielern abgewöhnt

„Das sind sehr liebevolle Menschen, die einem sehr viel zurückgeben und einen einfach mit einem guten Gefühl bei der Sache sein lassen“, beschreibt der Trainer den menschlichen Mehrwert seiner Arbeit am Spielfeldrand. Auch hauptberuflich hat der gelernte Grafikdesigner als Gruppenleiter im Bereich Garten- und Landschaftsbau bei Fliedner mit dem grünen Rasen zu tun. Einige seiner Spieler, die er einmal pro Woche trainiert und zu Fußballturnieren begleitet, sind dort auch seine Mitarbeiter.

Es waren die menschlich inspirierenden Erfahrungen seines Zivildienstes, die Loss vor zehn Jahren auch beruflich umsteuern und zu Fliedners wechseln ließen. „Es macht einen einfach glücklich, wenn man gemeinsam etwas geschafft hat, egal, ob es ein schön gepflasterter Gartenweg oder ein gewonnenes Spiel ist“, sagt der Trainer und Gartenbauer.

Das Meckern hat Loss seinen Spielern abgewöhnt. „Wenn sie einen Fehler gemacht haben, schieben sie die Schuld nicht auf die Mannschaft ab, sondern hadern vor allem mit sich selbst“, schildert er die Mentalität seiner Spieler. Als besonders positiv empfindet er, „dass sie zwar ehrgeizig sind, aber negative Erlebnisse schnell wieder ausblenden und sich niemand auf Kosten der Mannschaft etwas beweisen muss“. Das hat er in anderen, sogenannten normalen Mannschaften auch schon ganz anders erlebt. Der Trainer weiß, dass er ganz individuell auf seine Spieler eingehen muss: „Manche brauchen eine klare Ansage und andere eine sanfte Ansprache. Außerdem stelle ich immer die persönlichen Stärken eines Spielers heraus“, schildert er seine Trainingskommunikation. Die basiert auf der Botschaft: „Es ist gut genug, wenn jeder sein Bestes gibt. Fehler sind normal und müssen passieren, damit Tore fallen.“

Und wie sieht es mit der vielbeschworenen Integration auf dem Fußballfeld aus? Loss ist nach seinen bisherigen Erfahrungen eher skeptisch. Zwei besonders leistungsstarke Spieler haben es versucht, in einem normalen Fußballclub mitzuspielen, kamen aber, laut Loss, nie über den Status eines Lückenfüllers hinaus. Warum? „Man braucht halt viel Zeit, um die Stärken unserer Spieler zu entdecken und zu entwickeln“, sagt Loss, der zusammen mit fünf Trainerkollegen insgesamt 35 Männer und 15 Frauen zwischen Anfang zwanzig und Mitte fünfzig betreut, die in drei unterschiedlich leistungsstarken Mannschaften Fußball spielen. Verstärkung und Nachwuchs sind immer gesucht und willkommen. Die leistungsstärkste Mannschaft kickt im Furanet-Cup mit, einer Landesliga, in der Werksmannschaften mit geistigbehinderten Spielern an sieben Turniertagen gegeneinander antreten.

Kooperation mit regulären Fußballclubs ist schwierig

„Wir würden dabei auch gerne Zuschauer begrüßen und sogar bewirten“, betont Loss. Auch nach dem Erfolg der Fußball-Weltmeisterschaften der Menschen mit geistiger Behinderung sieht er keinen Popularitäts- und Integrationsschub. „Es fehlt die Akzeptanz und die öffentliche Plattform“, glaubt der Fußballtrainer aus dem Fliednerwerk. Bereits angestoßene Kooperationsprojekte mit anderen Fußballclubs verliefen bisher immer im Sande. Dennoch haben die Fliedner-Fußballer die Hoffnung auf einen externen Kooperations-, Trainings- und Spielpartner nicht aufgegeben und wollen im Herbst einen weiteren Versuch starten. Dann soll mit Acht- und Neuntklässlern einer Mülheimer Realschule ein integratives Turnier ausgespielt werden.

Und was machen die Fliedner-Fußballer, wenn sie ihre „Europameisterschaft“ bei der Fußballfreizeit mit sechs Teams ausgespielt haben? „Dann gucken wir uns im Fernsehen gemeinsam das nächste EM-Spiel der deutschen Mannschaft an. Und mindestens die Hälfte der Zuschauer wird im deutschen Nationaltrikot erscheinen“, sagt der Trainer und lacht voller Vorfreude. Sein Spieler Volker (47) formuliert es so: „Fußball ist ein schöner Sport, ob auf dem Feld oder beim Zuschauen.“ Nach dem Spiel ist ja bekanntlich immer auch vor dem Spiel.