Halle-Neustadt

Auf Gottsuche in Halle

In der früheren DDR-Trabantenstadt ist das Interesse an Religion größer als vermutet.

Kinder in Halle
Vom CVJM in Halle-Neustadt im Sommer 2019 betreute Kinder, die oft aus Migrantenfamilien stammen.BV Foto: Benedikt Vallendar

Mit dem Atheismus sei das so eine Sache, sagt Friedhelm Fitz. Statistisch gesehen gebe es den in Halle-Neustadt zwar. Im persönlichen Gespräch erfahre er aber immer wieder, wie groß der Hunger nach Gott und dem Evangelium sei. Fitz ist gelernter Automechaniker und Vorsitzender des Christlichen Vereins Junger Menschen e.V. (CVJM) in Halle. Zu DDR-Zeiten war der 58-jährige Familienvater Bausoldat und Kriegsdienstverweigerer. Heute ist er Seelentröster, Sozialmanager und manchmal auch noch Mechaniker, wenn irgendwo etwas kaputtgeht.

„Die Menschen freuen sich, wenn ihnen jemand zuhört, so wie es uns Jesus vorgelebt hat“, sagt er. Fitz und seine Mitstreiter betreuen in Halle-Neustadt eine Jugendbegegnungsstätte, einen Obdachlosentreff und eine Wohnung für alleinerziehende Frauen. Auch durch das Fernsehen ist die Stadt weit über ihre Grenzen hinaus bekannt geworden, gilt weithin als abgehängt, als Synonym für eine gescheiterte Integrations- und Sozialpolitik. Private springen ein, wo der Staat versagt hat.

„Die Menschen freuen sich, wenn ihnen jemand zuhört, so wie es uns Jesus vorgelebt hat.“

2018 hat der CVJM die Suppenküche „Sonnenschein“ in Halle-Neustadt übernommen. „Damit sozial Benachteiligte mindestens eine warme Mahlzeit am Tag bekommen“, so Fitz. Das Angebot kann sich sehen lassen. Es gibt ein Frühstück mit heißem Tee, ein Mittagessen mit Nachtisch und nachmittags Kaffee und Kuchen, den eine Großbäckerei spendet. Auf den Tischen liegen Zeitungen, und neuerdings gibt es auch kostenloses W-LAN. Doch sind die Probleme des Viertels damit nicht gelöst. Fast zwei Drittel aller Kinder in Halle-Neustadt leben in Hartz IV-Familien. „Armut führt zu Krankheiten, sozialer Isolation und einem weitgehend chancenlosen Leben“, sagt Fitz. Depressionen, Einsamkeitsgefühle und Ängste seien die Folge. Kinder drückten ihre Negativerfahrungen häufig in Gewalt gegen sich und andere aus, heißt es.

Halle-Neustadt belegt den fünften Platz unter den Problembezirken

 

Dabei hatte alles so gut angefangen. 1967 war Halle-Neustadt, im sozialistischen Baustil errichtet, als eigenständige Stadtneugründung an den Start gegangen, um ausreichend Wohnraum für die Beschäftigten der Chemiewerke im nahen Schkopau und Leuna zu schaffen. Plattenbausiedlungen waren zu DDR-Zeit begehrte Wohngegenden, weil sie mit Fernwärme und Zentralheizung mehr Komfort boten als die vielen unsanierten Altstadtwohnungen. Doch das ist längst Geschichte, ebenso wie die DDR, deren selbsternannte Führer die Betonwüste einst errichten ließen. Mit aktuell 1 530 Nennungen als „Problemviertel“ bei der Suchmaschine Google belegt Halle-Neustadt den zahlenmäßig fünften Platz unter den Problembezirken deutscher Metropolen.

Seit 1998 steigt die Zahl der Straftaten, bei gleichzeitig zurückgehender Aufklärungsquote. Nach Angaben des Landeskriminalamtes (LKA) Sachsen-Anhalt wurden 2018 in Halle-Neustadt 13 073 Straftaten pro 100 000 Einwohner begangen, mit hoher Dunkelziffer und zahlreichen Mehrfachtätern. Die Arbeitslosenquote beträgt rund acht Prozent, die der Ausländer fast das Dreifache. Rund jeder zehnte Neuhallenser ist arbeitslos und lebt vom Staat. „Es ist ein Teufelskreis“, beklagt Friedhelm Fitz. Durch Arbeitslosigkeit entstehe eine Grundarmut bei gleichzeitig wachsender Kriminalität. Straftaten dienten oft nur zur Sicherung eines Grundeinkommens, wozu auch die weit verbreitete Prostitution gehöre, die sich in Halle-Neustadt meist in unscheinbaren Wohnungsbordellen abspielt. „Gewaltdelikte werden oft aus Frust und Langeweile begangen“, beschreibt Fitz ein Grunddilemma in seiner Stadt.

Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Verwahrlosung

Die hohe Arbeitslosigkeit treibe Menschen in eine Ecke, in der viele in den Tag hineinlebten. Das Problem: Die Bewohner aus vieler Herren Länder und die hohe Dunkelziffer unaufgedeckter Straftaten haben Halle-Neustadt zu einem Eldorado für Suchtkranke, Hehler und Drogenclans gemacht. Längst haben sich, so ein LKA-Insider, auf die Stadt verteilte Brandherde entwickelt, die wiederholt in die Schlagzeilen gerieten. Einer dieser Brennpunkte ist der berühmt-berüchtigte Südpark.

70 Prozent der dort lebenden Kinder und Jugendlichen leben in Wohnungen, die ab vier Euro pro Quadratmeter vermietet werden. „Das lockt Menschen an, die die Stadt zu dem machen, was sie ist“, sagt die Historikerin und katholische Publizistin Jenny Krämer. Ein Sammelbecken von Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Verwahrlosung. Und doch gebe es punktuelle Gründe zur Hoffnung. Kürzlich war Krämer in Halle-Neustadt Gast bei einer albanischen Hochzeit. Fast drei Tage, von Freitag bis Sonntag habe die gedauert, und wo die Verwandten selbst aus dem fernen Kosovo angereist seien, um dem Brautpaar Glück und Segen zu spenden. „Bei allen Problemen leben hier auch Menschen, die ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen“, ist Krämer überzeugt. In der öffentlichen Wahrnehmung werde dies aber gerne ausgeblendet.

Zuversicht mit der Hilfe Gottes

Eine, die ebenfalls zuversichtlich in die Zukunft blickt, ist Schwester Basilia Fritzsche vom Orden der Heiligen Elisabeth. Sie arbeitet in Halle-Neustadt als Seniorenbegleiterin und trat ihrer Gemeinschaft schon zu DDR-Zeiten bei. „Was belegt, dass Gott auch in dieser oft gottverlassen wirkenden Gegend nie wirklich weg war“, sagt die rüstige Mitsechzigerin schmunzelnd. Einmal in der Woche besucht Schwester Basilia eine ältere Dame in einem Plattenbau, betet mit ihr und spendet ihr die Hostie. Das gebe der chronisch kranken Dame Kraft, um gut durch den Alltag zu kommen, heißt es. Zu DDR-Zeiten habe die Kirche in Halle-Neustadt Menschen eine Nische abseits der staatlichen Zwangsbeglückung gegeben, erinnert sich die Ordensfrau. Vom SED-Staat waren kirchliche Sozialwerke zwar geduldet und „versteckt“ auch geschätzt, doch an Heilige statt an die allmächtige Partei zu glauben wäre für viele Funktionäre ein Sakrileg gewesen. Heute, 30 Jahre nach dem Zusammenbruch der SED-Diktatur, meiden es Kirchenvertreter, offen für Gott und ihren Glauben zu werben. „Weil sie damit oft genug auf taube Ohren stoßen“, sagt Schwester Basilia.

Zuhören statt zurechtweisen, Mitleid haben statt zu missionieren, so versteht sie ihren persönlichen Glaubensauftrag. „Wenn ich neugierig bin auf das, was in der Seele eines Menschen schlummert und versuche, herauszufinden, was ihm guttut, entdecke ich oft göttliche Inspiration, die anders ist als das, was ich gelernt habe“, sagt sie. Menschen in Halle-Neustadt zu begleiten heißt für die lebenserfahrene Ordensschwester: Zuhören und herausspüren, was dem Leidenden weiterhilft, und vor allem offen sein für alles, was sich in seiner Seele herangebildet hat.

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