An Bord der „Papst Franziskus“

Gerade hat Schwester Ruth Rottbeck bei den Franziskanerinnen die Ewige Profess abgelegt – nun geht es nach Brasilien, um auf einem Schiff längs des Amazonas kranke Menschen zu betreuen. Von Barbara Wenz

Einsatzort Amazonas: Schwester Ruth wagt das Abenteuer.Klosterarchiv Foto: Foto:
Einsatzort Amazonas: Schwester Ruth wagt das Abenteuer.Klosterarchiv Foto: Foto:

Für Schwester Ruth Rottbeck steht der Monat Februar ganz im Zeichen des Aufbruchs: Am 2. Februar 2019 hat sie die Ewige Profess bei den Franziskanerinnen in Kloster Sießen abgelegt. Nur wenige Tage später wird sie in ein Flugzeug nach Brasilien steigen, einige Zeit im Provinzhaus der Gemeinschaft bleiben und schließlich an Bord der „Papst Franziskus“ gehen – dem Krankenhausschiff für den südlichen Amazonas, das gut 70 000 Menschen auch in entlegeneren Gebieten entlang des Riesenflusses erreichen soll.

Die ausgebildete Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie hatte zuletzt als Oberärztin am Klinikum Stuttgart gearbeitet – und sie hat vor gut zehn Jahren mit dem Deutschen Entwicklungsdienst in Butare, Ruanda eine neurologische Station an einem Universitätskrankenhaus aufgebaut. Während dieser Zeit lernte Ruth Rottbeck viele junge Ordensleute kennen, polnische Karmeliten, deutsche Mitarbeiter des Säkularinstituts Sankt Bonifatius und so wurde der damals Mitte Dreißigjährigen bald bewusst, dass sie möglicherweise in einer solchen Gemeinschaft ihr geistliches Zuhause finden könnte. An einem 3. Oktober im Jahre 1972 geboren, dem Tag des „Transitus“ des heiligen Franz, engagierte sich Rottbeck schon als Jugendliche in ihrer Gemeinde im Münsterland – leistete Dienst am Altar, leitete den Jugendliturgiekreis, organisierte das Ferienlager und fuhr regelmäßig in den Osterferien nach Assisi, dem mittelalterlichen Städtchen in Umbrien, in dem immer noch der Geist des Wirkens von Franziskus und Klara lebendig erfahrbar wird und webt und weiterwirkt. Nach der Noviziatszeit bei den Franziskanerinnen von Sießen besuchte sie zum ersten Mal Brasilien, lebte dort für ein halbes Jahr im Provinzhaus in Guaratinguetá, in der Nähe von Sao Paulo, konnte sich die Sprache aneignen, doch eröffnete sich zunächst keine Möglichkeit, dort zu arbeiten.

Das hat sich nun mit der Idee für ein Krankenhausschiff, die letztlich auf Papst Franziskus zurückgeht, geändert. Es ist ein Projekt, auf das Schwester Ruth durch ihre Qualifikationen und bisherigen Erfahrungen im Auslandseinsatz bestens vorbereitet ist und auf das sie sich schon freut, seit sie sich im Oktober vergangenen Jahres die Gegebenheiten vor Ort angeschaut und mit dem Bischof von Óbidos ausgetauscht hat: „Nicht nur im Amazonasjahr mit der geplanten Synode 2019 ist dieses Projekt sehr wichtig für die Menschen am Amazonas. Neben der medizinischen Versorgung geht es auch darum, als Kirche vor Ort präsent zu sein, wo einfach von allem zu wenig da ist. Dort den Menschen beizustehen und zu helfen mit dem, was möglich ist. Ich freue mich sehr auf die Arbeit, und die Menschen, die wir in Óbidos und Umgebung gesprochen haben, sind auch schon voller Vorfreude.“

Das Krankenhausschiff hat eine Länge von 48 Metern. Zu seiner Ausstattung gehören neben den Behandlungszimmern für die Ärzte und den Zahnarzt auch ein kleiner OP-Raum, dazu Untersuchungsräume für Röntgen, Ultraschall, Mammographie und EKG sowie ein kleines Labor. Die medizinische Grundversorgung – aber auch die Prävention, wie etwa Krebsfrüherkennung, werden durch spezielle Ärzteteams, die von den beiden Krankenhäusern, die von der Gemeinschaft der Franziskaner der Göttlichen Vorsehung bereits geführt werden–, solle so für viele tausend Menschen sichergestellt werden.

Bei diesen Franziskanern von der Göttlichen Vorsehung handelt es sich um eine noch junge Gemeinschaft. Sie wurde vor 30 Jahren von Francisco Belotti gegründet und ihr Tätigkeitsschwerpunkt liegt bei der Sorge um Alte, Kranke und Pflegebedürftige. Sie beziehen sich explizit auf die Begegnung des heiligen Franziskus mit dem Aussätzigen – wir wissen aus seinen Aufzeichnungen, dass es gerade diese Begegnung war, die für ihn zu einem Schlüsselerlebnis wurde. Der Anblick von Leprakranken war ihm zutiefst zuwider, sein Ekel schien unüberwindbar.

Die Dreigefährtenlegende berichtet davon, dass sein Abscheu zuvor so groß gewesen war, dass er sich die Nase zuhielt, wann immer er an den Behausungen dieser Bemitleidenswerten vorbei musste. Doch im Jahre 1206, es soll das selbe Jahr gewesen sein, in dem der Herr in San Damiano ihn aufforderte, Sein Haus wieder aufzubauen, begegnete er bei einem Ausritt einem Aussätzigen, überwand sich selbst, umarmte ihn brüderlich und küsste seine Hand. Danach hielt er sich eine Zeitlang bei einer Gemeinschaft von ausgestoßenen Leprakranken auf, um sie zu versorgen und ihnen beizustehen.

Auf diese Begebenheit gründet sich das Charisma der Franziskaner von der Göttlichen Vorsehung – sie möchten „die Umarmung des heiligen Franziskus an dem aussätzigen Bruder von heute wiederholen“ und „die aufnehmen, die die Welt ablehnt“. Anlässlich des Weltjugendtages 2013 in Rio de Janeiro hatte Papst Franziskus mit Vertretern der Gemeinschaft gesprochen und war so beeindruckt, dass er die Bitte aussprach, sie möchten doch Krankenhäuser in Óbidos und Jurutí, die im Bundesstaat Pará liegen, übernehmen. Rasch wurde klar, dass ein großer Teil der Bevölkerung häufig gar nicht in der Lage ist, diese Krankenhäuser aufgrund von überschwemmten Straßen, schwierigen Transportbedingungen oder einfach finanziellen Schwierigkeit aufzusuchen, so dass die Idee zum „Papst Franziskus“-Krankenhausschiff geboren wurde. Der Bischof von Óbidos wiederum ist ein deutscher Franziskaner und gut mit den brasilianischen Mitschwestern von Schwester Ruth bekannt. Gemeinsam mit Belotti war Dom Bernardo Bahlmann Anfang November 2018 noch zur Audienz in Rom, um dem Papst von den Fortschritten des Projektes zu berichten.

Nach Brasilien fliegen, auf einem Schiff längs des Amazonas kranke Menschen betreuen – Schwester Ruth ist kein bisschen aufgeregt, sondern freut sich auf die neue und spannende Aufgabe. Letztlich war es doch auch der Ausruf des poverello von Assisi – „Unser Kloster ist die Welt!“ – der die bald siebenundvierzigjährige Schwester davon überzeugt hat, dass das franziskanische Charisma genau zu ihr und ihrer Berufung passt.