Schönheitsideale im Bann Botticellis

Die Gemäldegalerie Berlin zeichnet mit der Ausstellung „The Botticelli Renaissance“ die Spuren des Renaissancemalers nach. Von Katrin Krips-Schmidt

„Die mystische Geburt“ (1500–1501, Detail) ist eines von zwei Bildern, das Sandro Botticelli signiert hat. Foto: Fotos: Museum
„Die mystische Geburt“ (1500–1501, Detail) ist eines von zwei Bildern, das Sandro Botticelli signiert hat. Foto: Fotos: Museum

Im „Allerheiligsten“ – einem rot tapezierten und in rötliches Licht getauchten Kabinett – endet die einstündige Führung durch die neue Ausstellung der Berliner Gemäldegalerie, die das Potenzial hat, sich zu einem Publikumsmagneten zu entwickeln. Warum ist hier alles rot? Wo alles Bedeutung hat und insbesondere Farben Symbolträger sind, könnte es sein, dass hier das „Herzstück“ der Schau zu finden ist.

Zumindest ist das die Idee von Stefan Weppelmann und Ruben Rebmann, die „The Botticelli Renaissance“ mit dem Berliner Eigenbestand sowie Leihgaben aus den wichtigsten Museen der Welt, dem Pariser Louvre, den Florentiner Uffizien, der Londoner National Gallery und dem New Yorker Metropolitan Museum konzipiert haben. Die beiden hier präsentierten Werke sind nämlich die einzigen seiner rund 500 Gemälde, die Botticelli jemals signiert hat. Und, so lautet die Schlussfolgerung: Hinter die tatsächliche Urheberschaft aller anderen ausgestellten Werke sei demnach ein dickes Fragezeichen zu setzen. Die Kuratoren wollen das Publikum nicht entmündigen, es soll ihm gar die Deutungshoheit zurückgegeben werden, anhand charakteristischer Stilmerkmale selbst zu entscheiden, was original Botticelli sei und was nicht. Denn die Werkstätten, in denen die Kunstwerke entstanden, muss man sich in der Zeit des angesehenen Florentiner Künstlers wie Manufakturen vorstellen, wie Gemeinschaftswerkstätten, in denen mehrere Maler gemeinsam an den Werken arbeiteten – man schätzt, dass es im Falle Botticellis drei oder vier gewesen waren. Damit werden auch die Qualitätsunterschiede erklärt, die sich etwa an zahlreichen seiner Madonnenbildnisse nachweisen lassen.

Der Gang durch drei Zeitebenen rückwärts entwickelt einen neuartigen Ansatz: Er verfolgt die Rezeptionsgeschichte Sandro Botticellis in umgekehrter chronologischer Zeitenfolge von heute bis in die Arnostadt der Renaissance anhand von 100 Werken von Künstlern, wie etwa von Andy Warhol, die vor allem Botticellis „Venus“ zum Vorbild nahmen, sie kopierten oder auf andere Weise zitierten. Die bizarren bunt-grellen Botticelli-Rezeptionen mit dem sozialkritischen Impetus eines David LaChapelle und die japanische Comic-Anverwandlung der „Birth of Venus“ von Tomoko Nagao im Botticelli-Saal, der derzeit bis auf die Darstellung von Botticellis „Berliner Venus“ ganz den zeitgenössischen Werken gewidmet ist, hat man schnell hinter sich gelassen. Botticelli, der geniale Schöpfer der „Geburt der Venus“ und der Allegorie des Frühlings „La Primavera“, malte vorwiegend blasse, blonde, blauäugige Frauen in Posen voller Grazie und Anmut – und konzipierte damit ein Schönheitsideal, das bis heute Bestand hat.

Dabei war der 1445 in Florenz als Sohn eines Gerbers Geborene, der mit vollem Namen Alessandro di Mariano di Vanni Filipepi hieß, nach der Ausbildung zum Goldschmied, wo er das feine und gewissenhafte Arbeiten lernte und beim namhaftesten Maler seiner Zeit – bei Filipo Lupi – in die Lehre ging, nach seinem Tod dreihundert Jahre lang fast völlig in Vergessenheit geraten. Seine Wiederentdeckung haben wir den Präraffaeliten zu verdanken, einer in der Mitte des 19. Jahrhunderts in England entstandenen Bruderschaft. Einer ihrer Mitbegründer, Dante Gabriel Rossetti (1828–1882), stieß im Louvre auf eine Madonna Botticellis und war begeistert. Seither fanden sich nicht nur auf Gemälden, sondern auch auf Teppichen, Werbeplakaten und auf Stoffen der Präraffaeliten Anspielungen auf das Vorbild aus der Renaissance, wie etwa bei dem in der Ausstellung gezeigten Bild „Die Mühle“ von Edward Burne-Jones, das die drei Grazien aus der Frühlingsallegorie Botticellis zitiert. Weitere Exponate aus der Adaptationsgeschichte des 19. Jahrhunderts sind Arbeiten von Edgar Degas, Gustave Moreau und Jean-Auguste-Dominique Ingres sowie der historisierende Blick der englischen Malerin Eleanor Fortescue-Brickdale in die Werkstätte des Künstlers Botticelli.

Die dritte Sektion der Ausstellung ist schließlich Botticelli selbst oder, besser gesagt, den rund 60 Botticelli-Zuschreibungen, gewidmet. So kann man hier die fast nicht enden wollende Galerie eines Teils seiner Madonnenbilder abschreiten und kommt nicht umhin, deren Variantenreichtum zu bestaunen. Botticelli war für die Familien der vornehmen Gesellschaft für die Dekorierung ihrer luxuriösen Bürgerhäuser tätig. Zu seinen bekanntesten Werken zählen neben den genannten Madonnenbildnissen mythologische und allegorische Gemälde, außerdem war er ein geschätzter Porträtist der Medici.

Was Botticelli vor anderen Künstlern besonders auszeichnete, war seine Fähigkeit, literarische Texte in eine akkurate Bildersprache umzusetzen. Ungefähr in der Zeit von 1480 bis 1500 illustrierte er die „Göttliche Komödie“ des Florentiner Dichters Dante Alighieri, in der Berliner Schau sind einige seiner Federzeichnungen zu sehen. Nur vier der noch 93 erhaltenen Grafiken, die sich heute in den Sammlungen des Berliner Kupferstichkabinetts und der Vatikanischen Bibliothek befinden, sind koloriert. Ursprünglich wollte Botticelli wohl alle dieser Zeichnungen in Farbe ausführen. Noch immer gibt der mutmaßliche Verwendungszweck von Text und Bild der Forschung Rätsel auf. Man nimmt heute jedoch an, dass die ganzseitigen Illustrationen, die an der Längsseite gebunden waren, ein innovatives Bild-Text-Arrangement gestalteten: Man blätterte die Seiten von unten nach oben – und während man das Bild oben betrachtete, konnte man gleichzeitig auch den Text lesen, so dass sich Bild und Text gleichberechtigt gegenüberstanden.

Botticellis Stilwandel in den 1490er Jahren, den man eher als „Stilpluralismus“ bezeichnen könnte, wird häufig mit den politischen und religiösen Umwälzungen im Florenz des ausgehenden 15. Jahrhunderts in Verbindung gebracht. Zu einem dieser Umbrüche gehörte das Auftreten von Girolamo Savonarola – wie weit dessen Einfluss auf den Maler tatsächlich ging, ist bis heute nicht ganz geklärt. Sicher ist, dass seine Auftraggeber im Bannkreis des strengen Bußpredigers standen, der 1490 in die Stadt am Arno berufen wurde, wo der rhetorisch gewandte Dominikaner den moralischen Verfall der Städter beklagte, Verschwendungssucht und Reichtum, aber auch weltliche Themen in der Malerei, wie sie von Botticelli umgesetzt wurden, anprangerte.

Botticellis Bruder gehörte zu den Anhängern Savonarolas. Von ihm übertrug sich übrigens der Übername „Botticelli“ (das Fässchen) aufgrund seiner korpulenten Leibesfülle auf die ganze Familie. Wie auch immer Alessandro selbst Savonarola gegenüberstand – ein auffallender künstlerischer Stilwandel ist seit dem Erscheinen des Dominikanermönchs in Florenz nicht zu leugnen: Seither wich die lichte Farbigkeit seiner Gemälde dunklerem Kolorit, die Auswahl seiner Motive speiste sich fast nur noch aus religiösen Thematiken. Die etwas leichtfüßigen Sujets der früheren Jahre aus den mythologischen Szenen rückten in den Hintergrund und schwanden ganz aus seinem Oeuvre. Dass er selbst dem von Savonarola erwirkten „Fegefeuer der Eitelkeiten“, bei dem 1497 und 1498 reumütige Teile der Florentiner Bevölkerung „Luxusgegenstände“ wie allzu üppigen Schmuck, Musikinstrumente, Spielkarten, wertvolle Bücher und auch Gemälde den Flammen übergaben, Werke opferte, wird allerdings bezweifelt.

Wenn der Besucher schließlich den Höhepunkt der Ausstellung am Potsdamer Platz, das rot ausgekleidete und ansonsten puristisch anmutende Gelass, betritt, fällt sein Blick sofort auf das Hauptwerk, das gegenüber dem Eingang wie eine Art Tabernakel präsentiert wird. Der katholische Tabernakel, der das Allerheiligste, den Leib Christi enthält und in den Kirchen vor dem Zweiten Vatikanum an prominenter Stelle – auf dem Altar – aufgestellt war, wird hier 50 Jahre nach dem Konzil am säkularen Ort, in einem Museum in Berlin, zu einem ganz anderen Träger von Bedeutung, freilich in einem künstlerisch-weltlichen Sinne uminterpretiert: Hier findet sich – oh andächtiger Besucher – eines der beiden einzigen Werke, die Botticelli tatsächlich signiert hat: „Die mystische Geburt“. Das zweite signierte, an einer Seitenwand platzierte Werk ist eine in ihrer filigranen Detailgenauigkeit beeindruckende Federzeichnung zu Dantes Göttlicher Komödie mit der Darstellung der Gottesschau. Die Botschaft lautet: Nur das, was das Signum des Meisters trägt, ist authentisch und ist der besonderen Verehrung würdig.

Für das Kuratorenteam ist Botticelli ein „Konstrukt“, so Ruben Rebmann, „eine Erfindung von anderen Malern und auch von uns Kunsthistorikern.“ Für das Publikum wird diese pädagogische Aussage nebensächlich sein. Es wird an der berückenden Schönheit der Gemälde Botticellis, mit oder ohne seinen Namenszug, weiterhin Gefallen finden und höchste Bewunderung für die Virtuosität der Kunst des Florentiners empfinden.

– Für die Ausstellung im Kulturforum am Potsdamer Platz, die noch bis zum 24. Januar 2016 zu sehen sein wird, sollte man sich viel Zeit nehmen. Gemäldegalerie Staatliche Museen zu Berlin, Besuchereingang: Kulturforum, Matthäikirchplatz, 10785 Berlin. Der Eintritt kostet 12,- Euro, ermäßigt 6,- Euro. Di. – So., 10.00 – 18.00 Uhr, Do. 10.00 – 20.00 Uhr.

– Ein Katalog zur Ausstellung ist zum Preis von 29 Euro erhältlich.