Sophie von Maltzahns Werk „Liebe in Lourdes“

Sophie von Maltzahn legt einen so vergnüglichen wie spirituellen Roman über die Wallfahrt nach Lourdes vor. Von Björn Hayer

Marienstatue in der Grotte von Lourdes
Der Gnadenort steht im Zentrum des Romans: Für die Protagonistin ist die Glaubensfindung in Lourdes der Anfang einer Reise. Foto: Adobe Stock

Literarische Milieustudien zu schreiben, ist wahrlich kein leichtes Unterfangen. Schnell erscheinen Figuren als überzeichnet oder verfremdet. Der Grat zwischen Dokumentation und Karikatur erweist sich als äußerst schmal. Und wenn man sich als Autor dann noch dazu entscheidet, die Gemeinschaft der Wallfahrer genauer unter die Lupe zu nehmen, geht man gewissermaßen all in.

Thomas Glavinic hatte sich bereits 2011 in seinem autobiografisch gefärbten Roman „Unterwegs im Namen des Herrn“ für die sicherlich leichtere Seite entschieden, indem er eine regelrechte Persiflage auf die Reisenden nach Medjugorje verfasste. Dass eine Annäherung an die Pilger bei Weitem auch differenzierter ausfallen kann, belegt Sophie von Maltzahns Werk „Liebe in Lourdes“.

Sophie von Maltzahns Werk „Liebe in Lourdes“

Auch dieses Buch speist sich aus persönlichen Erfahrungen einer Schriftstellerin auf der Sinnsuche. Verarbeitet werden sie in der Protagonistin Kassandra, die sich gemeinsam mit anderen während der Fahrt zum berühmten, in den Pyrenäen gelegenen Wallfahrtsort um behinderte Kinder kümmert.

Vom ersten Kennenlernen, über Lichterscheinungen bis hin zur Rückkehr nach Deutschland bildet der Roman alle Stationen der Tour d'horizon ab, darunter Lichtprozessionen, Waschungen im heiligen Wasser der Grotte, wo der 14-jährigen Bernadette Soubirous 1858 mehrfach die Jungfrau Maria erschienen ist, Gebete und allerhand Gespräche über Themen wie die Theodizee und die Wahrhaftigkeit des Glaubens. Um nicht nur Rituale im Roman darzustellen, hat die 1984 geborene Autorin eine zweifelnde Hauptfigur gewählt. Die Spannungen zwischen den äußeren Abläufen und deren Gedanken finden ihren Ausdruck in der Verwendung von Kursivierungen. „Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Aber wenn die Liebe zerbricht, zerbricht dann auch Gott?“, fragt sich die Skeptikerin.

Auch humorvolle Fußnoten sorgen für eine erheiternde Auflockerung manchmal schwieriger Themen. In einem Gespräch über die ethische Bewertung einer offensichtlich freizügigen Frau äußert eine Mitreisende ihren Unmut. Ihr zufolge gehe es nicht, „wenn eine jedes Wochenende 'nen anderen Typen abschleppt.“ Angehängt ist eine Fußnote mit der lakonischen Setzung: „Epiphanie der Eva“.

Die Erzählkunst der Autorin

Solcherlei spielerische Elemente geben eine Autorin zu erkennen, die sämtliche Register der Erzählkunst zu ziehen vermag. Das ist auch nötig, um nicht den Anschein des Altmodischen zu erwecken. Denn was von Maltzahn im Sinn hat, ist ein wichtiges und ernstes Anliegen: Kann es in einer durchsäkularisierten Gesellschaft überhaupt noch Orte und Formate tiefer spiritueller Erfahrung geben? Was bleibt in einer von virtuellen Paradiesen bestimmten digitalen Spätmoderne noch an Metaphysik und Sinnstiftung übrig?

Um nicht ins Absonderliche zu gehen, streut sie ihrer Protagonistin nicht allzu viele Erleuchtungsmomente ins Bewusstsein. Die wenigen wirken dafür umso beachtlicher: Mal glaubt sie, der Boden würde sich bewegen, mal gleicht es einem Wunder, wenn sie genau im richtigen Moment ein behindertes Kind vor dem Erstickungstod bewahrt. Mehr noch als die arkanen Augenblicke zeugt eine aufkeimende liaison d'amour von der zauberhaften Macht Lourdes‘. Denn Kassandras Herz wird von einem Mitreisenden namens Oki erobert. Bereits bei ihrer gemeinsamen Ankunft in Deutschland ist die Protagonistin schwanger. Ob sich hierin eine Renaissance der heiligen Familie andeutet? Wer weiß. Ein bisschen Unerklärliches und Überirdisches muss es in solch einem Roman eben schon geben. Dass von Maltzahn für ihn einen olympischen Erzähler gewählt hat, der in unterschiedlichste Figuren eintauchen kann, ist dafür nur konsequent – ganz nach dem Motto: Der Geist durchdringt alles und jeden.

Zwischen Pflegerinnen und Dogmatikern, Epiphaniejägern und Heilungsbedürftigen, Schäfchen und Hirten gelingt der in Berlin lebenden Autorin eine liebenswerte Hommage an einen Ort, dessen Faszinosum gerade in seiner Unzeitgemäßheit zum Tragen kommt.

Die Botschaft im Buch

Bisweilen stutzt man etwas ob der stellenweise zu starken Sentimentalität. Doch das schadet dem Text nicht, der immer wieder zu locken weiß. Der Leser kann in die geheimnisvolle Sphäre eintauchen, in der Sinnliches und Übersinnliches aufeinandertreffen. Über allem steht dabei die Botschaft der Liebe, und zwar in all ihren Facetten. Ob zu den behinderten Kindern, gegenüber Gott und den Heiligen oder zu einem Partner, der möglicherweise zum Lebensbegleiter werden könnte – von Maltzahn zeigt sie in feierlicher Leichtigkeit als unstillbare Motive des Daseins. 

Lourdes ist nicht das Ende der Reise ihrer Protagonistin, es ist der Anfang. So bleibt nur zu hoffen, dass der Protagonistin nicht dasselbe Schicksal ihrer Namensgeberinnen, nämlich den in der antiken Mythologie auftretenden Kassandren, widerfährt. Diese waren dazu verurteilt, das Unheil der Zukunft vorauszusagen, wurden jedoch von niemandem erhört. Dass Kassandras Weg zum Glauben in „Liebe in Lourdes“ so mancher Leser folgen wird, ist – ganz ohne Zweifel – eine Tatsache.

Sophie von Maltzahn: Liebe in Lourdes. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, ISBN-13: 978-

346205-205-3, EUR 20,–