Sie wollte doch nur heiraten

Enttäuschungen vermeiden: Gängige Mythen über eine naive Liebesbeziehung zu einem Muslim werden entmystifiziert. Von Katrin Krips-Schmidt

Eine Tänzerin mit grün übermaltem Gesicht zeigt das Cover der Neuerscheinung von Antje Sievers. Foto: IN
Eine Tänzerin mit grün übermaltem Gesicht zeigt das Cover der Neuerscheinung von Antje Sievers. Foto: IN

Wenn Antje Sievers' Buch schon 2015 erschienen und es vor allem auch gelesen und ernstgenommen worden wäre, hätten sich einige deutsche Mädchen und Frauen Enttäuschungen erspart. Vielleicht hätte es manche sogar vor dem Schlimmsten bewahrt. Drei Jahre nach Öffnung der Grenzen und der Migration von Hunderttausenden jungen Männern aus anderen, vornehmlich muslimischem Kreisen ist es dennoch nicht zu spät.

Sievers hat als junge Studentin ihre Leidenschaft zu orientalischen Kulturen entdeckt. Nach dem Besuch von Bauchtanzkursen war sie so weit, selbst Workshops für deutsche Frauen zu geben und sogar ein eigenes Tanzstudio in Hamburg zu betreiben. 25 Jahre lang arbeitete sie als professionelle Bauchtänzerin, was ihr tiefe Einblicke in die arabische Kultur ermöglichte. Besonders die rosarot gefärbten Vorstellungen, die ihre Tanzschülerinnen mit ins Studio brachten, ließen ihr keine Ruhe, denn sie standen nicht in Einklang mit dem, was sie selbst bei ihren Begegnungen im orientalischen Raum erlebt hatte. So schildert die Autorin als Beobachterin zahlreicher Fallbeispiele diese Widersprüche. Sievers' eigenes früheres Bild von einer märchenhaften orientalischen Welt könnte man als Naivität bezeichnen. Doch noch heute gibt es Frauen und Mädchen, die blauäugig eine Beziehung mit Orientalen eingehen, ohne Kenntnis von deren kulturellem Hintergrund zu haben. Damit soll keiner Ausländerfeindlichkeit das Wort geredet werden, Sievers selbst ist weit davon entfernt, sich einer Kommunikation zwischen den Kulturen zu verschließen. „Rassistische“ Klischees bedient sie nicht. Die Diplom-Sozialwissenschaftlerin selbst war das, was man als Anhängerin von „Multikulti“ bezeichnen könnte; erst die persönlichen Erfahrungen öffneten ihr die Augen und belehrten sie eines Besseren. Es ist wohl oft eine Frage der Betroffenheit. Drastisch beschreibt Sievers, was jungen verliebten Frauen blüht, wenn nach einer Zeit der oberflächlichen Bekanntschaft mit einem attraktiven dunkelhaarigen Mann eine Eheschließung folgt, oder, was noch schlimmer ist, die junge Braut dem Ehepartner in dessen Heimatland folgt: „Wenn ein muslimischer Mann heiratet und eine Familie gründet, schließt sich der Kreis, er tritt in die Fußstapfen seiner Vorfahren, und alles, was er von nun an tut, ist eine Frage des guten Rufes und seiner Ehre. Als Familienoberhaupt muss er ein guter Muslim sein. Nach und nach ändern sich seine Lebensgewohnheiten, er geht plötzlich öfter in die Moschee, hält sich an religiöse Gebote wie das Fasten im Ramadan, beginnt damit, fünfmal am Tag zu beten. Und damit, seine Ehefrau an die Kandare zu nehmen. Orientalische Frauen wissen, was dann auf sie zukommt. Deutsche Ehefrauen wissen es nicht. Was immer vor der Heirat ihre Lebensgewohnheiten gewesen sein mögen: Ab sofort gehören sie der Vergangenheit an.“ Von einer gleichberechtigten Partnerschaft könne in der Regel keine Rede mehr sein: „Ein orientalischer Ehemann mag vor der Hochzeit noch so kumpelhaft und partnerschaftlich gewesen sein – mit der Ehe hat er die Verpflichtung übernommen, eine Familie zu ernähren und seinen Ruf hochzuhalten. Seine Frau darf ihm in der Öffentlichkeit möglichst nicht widersprechen.“ Darüber hinaus nimmt die Autorin eine Reihe weiterer Mythen auseinander, die in der deutschen Öffentlichkeit mittlerweile teilweise auch schon offen kontrovers diskutiert werden. So etwa das vermeintliche „Argument, man dürfe das Kopftuch nicht aus Schulen und Universitäten verbannen, weil man auf diese Weise muslimische Mädchen von ihrem Recht auf Bildung abhalte“. Das sei „geradezu perfide“, meint Sievers. Denn „das Recht auf Bildung ohne Kopftuch wird ihnen schließlich von den Eltern verweigert, nicht von den Universitäten“. Ähnliches gelte für die Behauptung „naiver Zeitgenossen“, dass „Musliminnen den Schleier aus freien Stücken trügen“. Im Abschlusskapitel „Schaffen wir das?“ widmet sich die Verfasserin möglichen Lösungsansätzen. Sie meint, eine Integration sei möglich: „Aber nur, wenn bei den Migranten tatsächlich auch die Bereitschaft vorhanden ist, sich in unsere Wertegemeinschaft einzugliedern.“ Bei Tausenden von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen männlichen Geschlechts jedoch, „die Europa als sexuellen Selbstbedienungsladen missverstehen, die unter Drogen- und Alkoholeinfluss Straftaten begehen und dafür vom Steuerzahler mit etwa 5 000 Euro pro Monat alimentiert werden müssen, halte ich hingegen gesundes Misstrauen für angebracht“. Eine Zahl, die auch die „Neue Zürcher Zeitung“ in ihrem Beitrag „Die Flüchtlingskosten sind ein deutsches Tabuthema“ belegt. Dringend empfohlen werden kann das flott geschriebene Buch vor allem Eltern und Lehrern, die ihre Schützlinge vor einem allzu unbedarften Umgang mit potenziellen orientalischen Freunden und Ehepartnern bewahren möchten. Aber auch sonst ist es eine lehr- und unterhaltsame Lektüre.

Antje Sievers: Tanz im Orient-Express – Eine feministische Islamkritik. Achgut Edition 2018, 150 Seiten, EUR 17,–