Regeln werden nicht beachtet

Dass Schulen häufig zu Brennpunkten der Gewalt gegenüber Personen und Sachen sind, zeigt einen Mangel an Bindung bei den Schülern - hier ist Abhilfe möglich. Von Katrin Krips-Schmidt

Student studying in the empty library with book preparing for ex
Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz gegenüber Erwachsenen nehmen in vielen Schulen seit dem Brandbrief der Rütli-Schule 2006 zu. Foto: Adobe Stock
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Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz gegenüber Erwachsenen nehmen in vielen Schulen seit dem Brandbrief der Rütl... Foto: Adobe Stock

Soeben erschienen, landet Michael Winterhoff mit seinem provokanten Titel „Deutschland verdummt – Wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut“ aus dem Stand wieder einen Bestseller. Und das, obwohl manche Rezensenten kein gutes Haar an der These des Psychiaters lassen, dass die vor ein paar Jahrzehnten, seit den 1990ern, einsetzenden Bildungsreformen sich kontraproduktiv ausgewirkt hätten und nun ein Heer verhaltensgestörter Kinder und Jugendlicher hinter- und ihrem traurigen Schicksal überließen. Oder hat der Autor mit seiner Analyse in ein Wespennest gestochen? Die ZEIT nennt den 64-Jährigen den „Thilo Sarrazin der Erziehung“, wobei nicht ganz klar ist, ob es sich dabei um eine Verunglimpfung oder eher um eine Auszeichnung handelt.

Worum geht es nun? Mit „Deutschland verdummt“ legt Winterhoff eine schonungslose Bestandsaufnahme deutscher Bildungseinrichtungen und ihrer Leidtragenden vor. Dabei spannt er den Bogen von den theoretischen Voraussetzungen einer Revolution im Klassenzimmer bis hin zu den realen Auswirkungen, die der Umgang mit Kindern in Kindergarten und Schule zeitigt. Der Autor von „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ und weiterer einschlägiger Werke legt ausführlich dar, wie eine durch Erziehungsmängel geschädigte Jugend keine reife Psyche entwickeln kann: „Kindergärten und Grundschulen sind zu Stätten des organisierten Verwahrens mutiert, in denen Kinder auf sich selbst gestellt keine Entwicklungsmöglichkeit für ihre emotionale und soziale Psyche haben und von daher verdummen oder sogar krank werden.“ Die Folge sei eine „sprunghaft angestiegene Anzahl psychisch auffälliger Kinder oder ihre völlig unzureichenden Leistungen beim Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule oder später in die Berufsausbildung“.

Ausgehend von allgemeinen Beobachtungen, Statistiken, anonymisierten Befragungen von Lehrern, Erziehern und Eltern und letztendlich von Erfahrungen aus seinem eigenen Praxisalltag, in der der Kinder- und Jugendpsychiater seit Jahrzehnten mit immer mehr Verhaltensstörungen zu tun hat, ergibt sich durch eine Vielzahl an Fakten ein abgerundetes Bild. Seinen Einstieg in das Thema findet Winterhoff mit dem nicht zu überhörenden Phänomen auf Schulhöfen und in Klassenzimmern: der ohrenbetäubende Lärm, unter dem nicht nur die Lehrer leiden, sondern vor allem die Schüler, die den hohen Geräuschpegel selbst zu verantworten haben. So betrug laut Institut für Interdisziplinäre Schulforschung in Bremen der Schallpegel in Grund- und Sekundarschulen durchschnittlich zwischen 60 und 85 Dezibel. Das könne sich sogar auf bis zu 110 Dezibel steigern, und damit„lauter sein als eine Kreissäge oder ein Presslufthammer in unmittelbarer Nähe“. Gegen die krankmachende Geräuschkulisse werde Eltern – und das ist kein Scherz – nahegelegt, Ohrenschützer für die Kinder zu kaufen, die sie während des Unterrichts tragen sollen.

Ursache für den Lärm und den damit verbundenen flächengreifend praktizierten „offenen Unterricht“ sei, so Winterhoff, „die Auffassung, dass man Kindern nur freie Bahn lassen muss, damit sie sich ganz von allein – also autonom – zu verantwortungsbewussten und sozial kompetenten Erwachsenen entwickeln“. Dies sei jedoch ein Trugschluss. Ebenso wie die Umkehrung der Hierarchieverhältnisse: in der Erziehungsdebatte führe „nicht mehr der Erwachsene, sondern das Kind. Diese Hierarchievorstellung ist in der gesamten Menschheitsgeschichte einmalig. Bis in die 1990er Jahre ist die natürliche Aufgabe der Erwachsenen, den Kindern zu zeigen, wie die Welt funktioniert, nie in Zweifel gezogen worden.

Zur gesunden Entwicklung gehört der Bezug zu Eltern

Doch in der heutigen Bildungspolitik ist die Vorstellung, dass Kinder den Erwachsenen sagen, wo es langgeht, schon so weit zur Selbstverständlichkeit geworden, dass kaum noch jemand wagt, sie in Frage zu stellen.“ Für viele Kinder seien heute sowohl das Elternhaus als auch die Schule „als Orte der Entwicklung ihrer Psyche weggebrochen – sie bleiben auf der psychischen Entwicklungsstufe eines kleinen Kindes stehen“. Verantwortlich für das Konzept vom „autonomen Lernen“ und „offenen Unterricht“ seien Bildungsideologen, die die Schule zu ihrem Spielfeld ausersehen haben. Doch viele Verhaltensänderungen haben ihren Ursprung bereits in der Familie. Vater und Mutter geben, aus Überlastung oder Unkenntnis, ihren Sprösslingen oftmals keine Orientierung mehr. Für die Entwicklung einer gesunden Psyche sei es neben einer gesunden Beziehung zum Kind, einer guten Bindung zu seinen Eltern, wichtig, dass diese „Halt, Orientierung und Sicherheit“ geben. Dazu gehört es, dass im Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern klare Regeln herrschen und den Kindern auch etwas abverlangt wird.

Die Realität in Kindergarten und Grundschule sieht jedoch ganz anders aus: Hier werde „den Kindern laufend bestätigt: ,Du kannst dir alles selbst beibringen, musst dich nicht anstrengen, um etwas zu erreichen, kannst machen, was dir Spaß macht‘“. Das daraus resultierende Weltbild der Kinder sieht dann folgendermaßen aus: „Ich brauche niemanden, kann alles selbst steuern und bestimmen.“ Damit werde ihnen „in Kindergarten und Schule jede Entwicklungsmöglichkeit vorbehalten“ – für Winterhoff ist das „unterlassene Hilfeleistung“.

Dass der Autor seine Thesen subjektiv und ohne jegliche Belege erhebe, lässt sich nun wirklich nicht behaupten. Immer wieder streut er Auszüge aus amtlichen Dokumenten in seinen Text ein, die zeigen: der Irrsinn hat Methode und gehorcht ideologischen Vorgaben. Folgen einer gescheiterten Bildung und Erziehung sind darüber hinaus Gewalttätigkeiten unter den Schülern und Erwachsenen gegenüber. Dass sich mittlerweile auch Lehrer an ihren Dienstherrn wenden, zeigt beispielsweise der 2006 durch die Presse gegangene „Brandbrief“ der Berliner Rütlischule, in dem es heißt: „Wir müssen feststellen, dass die Stimmung in einigen Klassen zurzeit geprägt ist von Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz uns Erwachsenen gegenüber. Notwendiges Unterrichtsmaterial wird nur von wenigen Schüler/innen mitgebracht. Die Gewaltbereitschaft gegen Sachen wächst: Türen werden eingetreten, Papierkörbe als Fußbälle missbraucht, Knallkörper gezündet und Bilderrahmen von den Flurwänden gerissen. In vielen Klassen ist das Verhalten im Unterricht geprägt durch totale Ablehnung des Unterrichtsstoffes und menschenverachtendes Auftreten. Einige Kollegen/innen gehen nur noch mit dem Handy in bestimmte Klassen, damit sie über Funk Hilfe holen können.“

Doch dies ist kein Einzelfall aus einem Berliner Brennpunktbezirk mit hohem Migrantenanteil – Brandbriefe kommen mittlerweile auch aus Grundschulen ländlich geprägter Gemeinden, so etwa aus dem östlich von Hannover gelegenen Harzkreis. Darin beklagen Lehrer, eine „extreme körperliche Gewalt, Körperverletzungen anderer Schüler, das Nicht-Einhalten bekannter Verhaltensregeln, Sabotage des Unterrichts durch permanente Störungen und Schlägereien“.

"Keine Digitalisierung in Kindergärten"

Gibt es einen Ausweg aus dieser Misere? Auch wenn Winterhoff gleich im Vorwort seines Buches pessimistisch feststellt: „Dieser Kampf ist so gut wie verloren“, bietet er doch Lösungskonzepte an. Eines davon lautet: „Wieder auf Bindung und Beziehung setzen“, ein weiteres: „Keine Digitalisierung in Kindergärten und Grundschulen“.

Das Buch ist nicht nur für Eltern eine unerlässliche Lektüre, sondern für jeden, der für das, was im heutigen bundesdeutschen Bildungssystem geschieht, Verantwortung trägt. Das fängt im Kindergarten an und hört mit den Abiturklassen noch lange nicht auf. Denn schließlich wirken sich Verhaltensstörungen und fehlende Bildung noch weit ins Studium und ins Berufsleben hinein aus. Ganz zu schweigen davon, dass die heutigen Kinder und Jugendlichen die Eltern von morgen sein werden. Angesprochen sind also auch und vor allem die Lehrer selbst, die sich oftmals nur allzu willfährig an dem System beteiligen, sei es aus Überlastung oder Bequemlichkeit, oder weil sie einfach keine Möglichkeit sehen, sich gegen von oben oktroyierte Verhaltensanweisungen für den Schulalltag zur Wehr zu setzen. Besonders angesprochen sind aber auch für den Bildungsbereich zuständige Politiker, die letztlich das Steuer noch herumreißen könnten.

Michael Winterhoff: Deutschland verdummt – Wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut. Gütersloher Verlagshaus 2019, 224 Seiten, EUR 20,–