Kommentar: Bernanos und die fünf Priester

Neulich begannen wir unter (katholischen) Freunden eine Art spirituelles Denkspiel. Alarmiert durch die unzähligen Negativ-Schlagzeilen über und die wachsende Unsicherheit in der Kirche stellten wir uns die Aufgabe, fünf Namen von Priestern aufzuschreiben, die wir noch für glaubhaft hielten. Für fromm. Im besten Fall für heiligmäßig. Diese Auswahl wurde unter der Hand weitergegeben und ausgetauscht, wie das früher mit Karten von Sport-Assen auf dem Schulhof geschah. Manch ein Name tauchte mehrmals auf, zu anderen mussten nähere Erläuterungen abgegeben werden. Für sie alle, so nahmen wir uns vor, wollten wir still beten, damit sie unbeschadet blieben.

Die Zahl fünf erscheint niedrig angesichts der Vielzahl an Geistlichen, denen man über die Jahre auf verschiedene Weise begegnet. Sind es hundert oder doch mehr? Aber fünf von hundert sind wohl realistisch. Denn laut dem Berliner Zölibatsberater Joachim Reich hadern 95 Prozent aller Priester mit der Enthaltsamkeit. Konkret: Sie schauen heimlich Pornos, sie haben Affären, sie gehen zu Prostituierten. So der Sexualtherapeut Reich jüngst in der Zeitung die WELT. Er war selber mal Priester und leiht sein Ohr nun jenen, die „sich endlich aussprechen“ wollen.

Das böse Nachtreten eines Abweichlers also oder das ehrliche Outing eines Insiders? Das spielt hier so wenig eine Rolle wie die erschütternde Menge fehlgelaufener Menschen. Was nachdenklich stimmt ist vielmehr das Ausmaß an Unkenntnis über die weitreichende Bedeutung ihrer – sexuellen – Unschuld. „Was wirklich am Ende die Welt retten wird sind nicht geistige Errungenschaften oder technischer Fortschritt, Gentechnik oder theologischer Scharfsinn, sondern das Heldentum der Unschuld“, heißt es im Vorwort der englischen Ausgabe des Buches „Heroic Face of Innocence“ des französischen Autors Georges Bernanos (1888–1948). Wie stark sich die erhaltene Reinheit als Gewinn für die Mitmenschen auswirkt, erzählt er in „Tagebuch eines Landpfarrers“ und „Sonne Satans“, in welchen die beschriebenen Priesterheiligen sich an das Vorbild des Hl. Pfarrers von Ars anlehnen. Wie dieser gilt ihre passionierte Liebe den Seelen der Mitmenschen, wie Vianney erleben sie schlimmste Anfechtungen des Teufels im Kampf zwischen unten und oben. Doch ist es ihnen gelungen, ihre Sexualität in Spiritualität und Hellsicht umzuwandeln. Vor knapp hundert Jahren verfasst, mischt sich in Bernanos Werken ein tiefer christlicher Glaube mit einem modernen Unglauben in seinen ganz unterschiedlichen Facetten. Von den heutigen Zuständen ist er allerdings noch meilenweit entfernt.

Fünf Prozent. Wenn diese so agieren wie Bernanos' Priester können wir auf all die anderen ruhig verzichten. Sie dürfen dann nach Ausscheiden aus dem Priesteramt all das machen, was sie schon immer tun wollten. Nur möchten wir davon nichts mehr hören.