Kolumne: Medien ABC

Medien: D wie Digital – Schreckgespenst mit Potenzial

Am Anfang steht die theologische Überlegung des frommen Genies Gottfried Wilhelm Leibniz. Er erfindet nämlich vor über 300 Jahren das digitale Denken. Der Binärcode – logische Grundlage der Digitaltechnik – basiert auf folgender Überlegung: Gott [=1] schafft aus dem Nichts [=0] eine vollkommene Welt, verdeutlicht in der vollkommenen Sprache Gottes [=Mathematik], somit muss es gelingen, alle natürlichen Zahlen mit „1“ und „0“ darzustellen, was ja im Binärsystem auch der Fall ist. Leibniz wollte die Dyadik sogar zu Missionszwecken einsetzen und den chinesischen Kaiser damit zum Christentum bekehren, da dieser „ein sehr großer Liebhaber der Rechenkunst sey“, wie Leibniz erfahren hatte.

Seitdem sind 300 Jahre vergangen und die digitale Technik hat sich mittlerweile flächendeckend durchgesetzt. Kaum noch eine Handlung im Alltag ohne computerisierte Steuerung, oftmals unbemerkt im Hintergrund. Ob wir uns über das Wetter von morgen informieren, einkaufen, kochen, mit der S-Bahn fahren oder einen Brief schreiben – es geht nicht mehr ohne die Digitalität der genutzten Technik. Selbst, wenn wir den Brief per Hand schreiben, wird er spätestens im Verteilzentrum der Post elektronisch erfasst – unter Nutzung digitaler Technik. Die als gesellschaftsumwälzend beschriebene Digitalisierung ist also längst im Gange. Zuletzt hat sie gar die Kirche erreicht, wie Martin Wichmann, Referent für „Pastoral und Digitalisierung“ im Erzbistum Freiburg, in der „Tagespost“ vom 2. Mai 2019 erklärt hat.

Dennoch wird über das Ausmaß der Veränderungen heute wieder heftiger diskutiert. Jeder fünfte Arbeitsplatz in Deutschland sei von der Digitalisierung bedroht, so eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die Ende April bekannt wurde. Insbesondere die Medienwelt erlebt derzeit eine tiefgreifende Veränderung – von Programm zu Mediathek, von Print zu Online, von Profi zu Jedermann. Und Jederfrau. Die digitale Technik hat die Medien auf den Kopf gestellt. Sie ist – zumindest teilweise – für den Vertrauensverlust in die „klassischen“ Medien verantwortlich. Wenn heute jede und jeder im Netz seine Privatmeinung neben professionell recherchierte Zusammenhangsdarstellungen setzen kann, dann wertet das den Einzelnen auf, den Experten hingegen ab. Das tiefe Misstrauen gegen „die da oben“ in Medien, Kirche und Politik erstreckt sich längst über die Wissenschaft – Impfgegner und Klimaleugner sind auch das Ergebnis neuer Manipulationsmöglichkeiten in der digitalisierten Kommunikationswelt.

Dennoch: „Digital“ sollte nicht zum Schimpfwort werden. Die Möglichkeiten der Partizipation, aber auch der Produktion sind für die Medien gewachsen und bieten ungeahnte Chancen. Allerdings sind die Gefahren unübersehbar: Kontrollverlust und Individualisierung der Informationsbeschaffung für die Meinungsbildung. Und dabei ist es wie mit vielen technischen Innovationen: Einige wenige Menschen werden davon profitieren, die meisten jedoch werden überfordert sein. Methodenkompetenz wird zum Schlüssel. Damit verändert die Digitalisierung nicht zuletzt auch die Prinzipien der Bildung. Das Wie wird zum Paradigma des Wissens, nicht das Was. Oder, wie es schon vor der Digitalisierung sprichwörtlich war: „Man muss nicht alles wissen, man muss nur wissen, wo es steht.“ Das gilt insbesondere für die Informationserhebung im digitalen Zeitalter. Und für die Bewertung der Angebote wohl auch.