Jetzt mal im Ernst

Pop und Ironie haben abgedankt: Auf existenzielle Fragen unserer Gesellschaft reagieren Künstler mit der Suche nach Wahrheit. Von Björn Hayer

Salzburger Festspiele - Fotoprobe "Die Perser"
Ulrich Rasche zeigt in den „Persern“ ernste Kampfbereitschaft.dpa Foto: Foto:
Salzburger Festspiele - Fotoprobe "Die Perser"
Ulrich Rasche zeigt in den „Persern“ ernste Kampfbereitschaft.dpa Foto: Foto:

Wer sich traut, etwas über den Zeitgeist auszusagen, weiß, dass er sich auf das Gebiet der Spekulationen begibt. Nicht Fakten bestimmen die ominöse Stimmung einer Epoche, sondern vor allem Emotionen und Ahnungen. Mehr denn je zuvor machen sich die heutigen Menschen Gedanken über die Gemeinschaft, in der sie leben. Die Publizistik sprudelt daher nur so vor Deklarationen: „Müdigkeitsgesellschaft“, „Transparenzgesellschaft“, „Empörungs- und Wutgesellschaft“, neuerdings nun auch die „granulare Gesellschaft“ – das alles und noch vieles mehr sollen wir sein. Fragt man nach den Gründen für die Sehnsucht nach Definitionen, so vernimmt man ein großes Bedürfnis nach kultureller Selbstverortung. Man will sich wieder an etwas halten können, mit Selbstbewusstsein und Hoffnung. Angesichts unserer erhitzten und existenziellen Debattenkultur mag man zumindest die Zuschreibung einer „Spaß- und Eventgesellschaft“ für überholt halten.

Der Rückzug ins Private ist keine Option mehr

Stattdessen, um vielleicht eine weitere, aber umfassendere Kategorie ins Spiel zu bringen, erleben wir eine Zeit der neuen Ernsthaftigkeit. Es wird wieder gerungen, um Reformen und vor allem die Deutungshoheit über die Wirklichkeit. Wer sind wir? Wer gehört dazu und wohin wollen wir? Im Kern suchen wir nach unserer kollektiven Identität. Nicht nur auf den Straßen und in den Parlamenten kann man einen ernsteren Ton verzeichnen. Auch in Literatur, Film und Theater zeigt sich markant eine neue Tendenz zur Inständigkeit. Unter den jüngeren Autoren trifft dies etwa auf Simon Strauß, Nora Bossong, Silke Scheuermann oder Julia von Lucandou zu, unter den älteren Schriftstellern sicherlich auf Monika Maron, Eugen Ruge oder Mirko Bonné. Trotz aller Unterschiedlichkeit eint sie ihre Distanz zur Ironie, ja, zum Uneigentlichen. Sie erzählen von Unsicherheit, Angst, Leere. Sie schreiben im Modus der permanenten Krisenhaftigkeit der Spätmoderne, um am Ende vielleicht irgendwann einmal jenen sichereren Ort zu entdecken, der sich Heimat nennt.

Doch wogegen wendet sich diese etwas lose Gruppierung der neuen Ernsthaftigkeit? Da sie für eine Repolitisierung eintritt, stellt zunächst einmal der seit Jahren in Teilen der jüngeren Bevölkerung zu beobachtende Neobiedermeier einen Gegenpol dar. Der Rückzug ins Private ist keine Option für sie.

Noch entschiedener argumentieren sie in ihren Werken gegen Relativismus jedweder Art. Das „Anything goes“ der hochindividualistischen Gesellschaft der Spätmoderne, wie sie zuletzt der Soziologe Andreas Reckwitz präzise dokumentiert hat, steht dem Wunsch nach einem Gemeinschaftsgefühl gegenüber. Ohne sich mit der neuen Rechten gemein zu machen, explizieren manche von ihnen ein Wir-Gefühl – gerade im Wissen, dass die großen Probleme unserer Welt wohl ohnehin nicht von Einzelnen bewältigt werden können. Die neue Ernsthaftigkeit forciert daher tiefgreifenden Dialog über gesellschaftlich bindende Werte. Dabei geht es nicht um tagespolitisches Kleinklein. Die Phase, in der wir uns gerade befinden, konfrontiert uns mit gewaltigen Herausforderungen. Neben Klimawandel, der globalen Migration und der Digitalisierung aller Lebensbereiche gilt die Aufmerksamkeit – man denke an den von Strauß und Bossong mitgegründeten Verein „Arbeit an Europa“ – der Frage, was unseren Kontinent mittel- und langfristig zusammenhalten kann. Die politischen Baustellen und Scheidewege sind vielfältig. Überall wird man daher enormer Anspannung gewahr.

Erkennt man diese neueren, atmosphärischen Veränderungen an, scheint eine ganze Stilrichtung wie aus der Zeit gefallen: die sogenannte Popliteratur. Mit ihren kritischen oder unkritischen Auseinandersetzungen mit Marken, Musik und Lifestyle erinnert sie an eine Avantgarde, die sich mit Figuren wie Benjamin von Stuckrad-Barre oder Christian Kracht selbst überlebt hat. Ihre ironischen Charaktere und Texte mögen noch ihre treuen Anhänger finden, den Zeitgeist treffen sie hingegen nicht mehr.

Das Theater und Kino sind da schon weiter. Letzteres ist mit einem erheblichen Anteil an Filmen in eine Phase des Neonaturalismus eingetreten, der bar jedweder Ornamentik die Realität in Reinform abbildet: nüchtern und bisweilen sehr traurig. Man gewinnt immer wieder den Eindruck, dass die Bilder so lange minimiert werden, bis nur noch der Kern der Conditio humana übrig bleibt. Die Bühnenkunst beherrscht diese Praxis derzeit in Perfektion. Archaik und Pathos als Signum für Wahrhaftigkeit erfahren im Theater eine neue Blütezeit. Indem beispielsweise Ulrich Rasche zuletzt in seiner Aufführung von Aischylos' Stück „Die Perser“ einen monumentalen Soldatenchor aufmarschieren lässt, entfaltet er eine ungebrochene Kraft. Im Zuschauer werden dadurch tiefe Grundgefühle zwischen Angst und Faszination geweckt. Ähnlich vermag auch Roger Vontobel bei den vergangenen Wormser Nibelungenfestspielen mit dem finsteren Kehlgesang eines Mongolen die Brutalität im Stoff der deutschen Ursaga völlig ungebrochen widerzuspiegeln.

Intensität, Mitfühlen und Miterleben sind daher zentrale Merkmale unserer kulturellen Umbruchsphase. Mehr denn je spielt in einer virtuellen Medienlandschaft und in einer Epoche der Fake News das Echte und Unverstellte eine wesentliche Rolle. Es ist – zugespitzt – der Drang zur Wahrheit, der uns momentan antreibt. Um sie zu finden, setzen die neuen Ernsthaften auf bewusste Konfrontation. Statt pragmatischer Politik as usual sinnen sie auf eine neue Streitkultur. Ihre Bücher und Werke provozieren, haben manchmal gar den Charakter von Manifesten.

Ohne Zweifel muss man die neue Ernsthaftigkeit begrüßen. Ihre Vertreter sind, obwohl das bei einigen von ihnen schon versucht wurde, eben nicht mit der neuen Rechten gleichzusetzen. Im Gegenteil: Sie reagieren auf ungehaltene Wut- und Hasspolitik. Allerdings brauchen sie dazu keine Polemik. Sie spüren die im gesellschaftlichen Untergrund sich ausbreitenden Befürchtungen und Unbehagen auf, um sie in angemessener Weise zu artikulieren. Denn sie wissen: Die Anliegen sind zu ernst, als dass man ihnen mit fader Ideologie habhaft werden könnte.