„Ist Gott nicht real, gibt es keine Realität“

Der amerikanische Rapper Nathan John Feuerstein (NF) ist ein Poet, der aus dem Glauben lebt – Ein Porträt. Von Annalia Machuy

Ein Rapper, der seinen Glauben nicht versteckt: Nathan John Feuerstein. Foto: Universal

Mit „echt“ oder „wahr“ lässt sich der englische Begriff „real“ neben der gleichlautenden deutschen Bedeutung übersetzen. Nicht allzu oft formulieren Musiker so deutlich einen Anspruch an die eigene Kunst, wie es der amerikanische Rapper NF tut. Die vier einfachen Buchstaben finden sich nicht nur auf den Kapuzenpullovern seiner Fans oder in den Texten seiner Tracks. Sie finden sich vor allem zwischen den Zeilen, in den atemlosen, aggressiven, düsteren ebenso wie in den melancholisch getragenen Beats, in der jungen Stimme, die nicht klingt, als sei sie Lügen gewohnt. Nein, es ist unüberhörbar: Nathan Feuerstein, wie der Siebenundzwanzigjährige eigentlich heißt, versucht nicht, sich um des Erfolgs willen zu verstellen. Gerade das ist es wohl, was ihm mit seinem jüngsten Album „Perception“ zum internationalen Durchbruch verholfen hat: seine Musik ist ehrlich, authentisch, „real“.

Feuersteins produktive Leidenschaft für Hip-Hop beginnt früh. Geboren in Gladwin, Michigan, spielt ihm das Leben schon in seiner Kindheit alles andere als Liebeslieder. Häusliche Gewalt, Trennung der Eltern, Missbrauchserfahrungen – NF weiß, wovon er spricht, wenn er all dies in seinen Liedern thematisiert. Mit etwa zwölf Jahren beginnt er, inspiriert von seinem großen Vorbild Eminem, selbst zu schreiben und zu rappen. In der Musik findet er Halt, sie ist seine Rettung, seine Therapie. Auch wenn sein Leben oft die Hölle war, er weiß, wo der Himmel ist, so erzählt er in einem seiner Lieder. Und nachdem er Gott um Vergebung für seine Sünden gebeten hat, dankt er ihm für das Geschenk der Musik, seine Medizin. Damit fasst er die zwei tragenden Elemente seines Lebens zusammen: seinen Glauben an Gott und die Möglichkeit, sich musikalisch auszudrücken.

2010 veröffentlicht er, noch unter seinem bürgerlichen Namen, sein erstes Album „Moments“. Der Stil der 13 Titel unterscheidet sich deutlich von dem, was noch folgen wird. Die Ehrlichkeit ist dieselbe. Es sind die Gedanken eines Neunzehnjährigen, der den Schmerz und die eigene Verwundbarkeit schon bitter erfahren hat und doch aus einer Hoffnung lebt, die größer ist als all das. „Wenn ich verblendet bin, wenn ich zerbrochen bin, auf der Suche nach einem Ausweg, kann ich ihn nicht finden. Aber dann erinnere ich mich an deine Gnade.“ NF versteckt seinen Glauben nicht, er ist wesentlicher Teil seines Lebens, seiner Realität und somit auch seiner Musik. Trotzdem lehnt er eine Kategorisierung seiner Kunst ins Genre „Christlicher Hip-Hop“ ab. Er will nicht missionieren oder sein Publikum auf eine bestimmte Gruppe einschränken.

2015 erscheint mit „Mansion“ sein erstes Studioalbum bei Capitol Records, ein Meisterwerk musikalischer Architektur. Feuerstein gibt eine Hausführung, einen Einblick in sein Gedankengebäude, sein seelisches Zuhause. Dabei liebt er es, bei aller Authentizität auch geheimnisvoll zu bleiben. Virtuos spielt er mit der Sprache, erschafft mit Reimen, Rhythmen und Metaphern ein Abbild seiner inneren Wirklichkeit, das den Betrachter bisweilen sprachlos zurücklässt. Es ist eine ganz eigene Form der Poesie, die sein Rap zu bieten hat. Die Kunst der Worte beherrschen auch andere Vertreter seines Genres, Feuerstein bleibt jedoch auch auf inhaltlicher Ebene niveauvoll. Die Härte nimmt das seinen Texten dennoch nicht. Es kann sie nicht nehmen, denn er verarbeitet sein junges Leben. Und das ist hart.

Als er 18 Jahre alt ist, stirbt seine Mutter an einer Überdosis Tabletten, auch die Beziehung zum Vater ist nach wie vor angespannt. Depressionen, Einsamkeit, Wut, Angst: mit allem flüchtet Feuerstein sich in die Musik. Sie ist sein Ventil und er dankt Gott für dieses Geschenk und die eigenen Fähigkeiten. Schon ein Jahr nach seinem Debüt-Erfolg legt er mit „Therapy Session“ nach. „Ich bin mir bewusst, dass das aggressiv ist, ich bin nicht hier, um akzeptiert zu werden“, hier gehe es um Therapie, reflektiert er und gibt jedem die Möglichkeit, die Sitzung nach Belieben zu verlassen. Die meisten bleiben. Denn nicht nur für ihn selbst bedeuten seine Lieder seelische Entlastung und Aufarbeitung, auch viele seiner Fans können sich mit den Inhalten identifizieren. Bitter, aber heilsam. So ist Medizin eben. Mit einer erstaunlichen Nebenwirkung übrigens: Feuerstein vermittelt eine für seine persönliche Vergangenheit und die eher düstere Prägung seiner Songs überraschend positive Sicht auf Probleme. Sie haben ihn nicht nur zu dem gemacht, der er ist, wie er in einem Interview erwähnt. Sie sind für ihn auch Motivation und Inspiration, die er nüchtern und bodenständig nutzt, um Schritt für Schritt und ein wenig ungeduldig an seinen Zielen zu arbeiten. „Das Leben ist, was du daraus machst, nimm es an, umarme es“ – keine leichte Aufgabe, wenn man in dessen bisweilen so grausames Gesicht schaut.

Entmutigen lässt sich der junge Künstler jedoch nicht. Weder von seiner Biografie noch von Kritik und Rückschlägen. Der Schmerz kann ein Gefängnis sein, doch die Schlüssel hat jeder selbst in der Hand. Und NF macht Gebrauch von dieser Freiheit und dem Potenzial, das in einer selbstverantwortlichen Gestaltung der Gegenwart liegt. Voller Tatendrang produziert er weiter und so erscheint im Oktober 2017 sein drittes Album. Die Perception World Tour führt ihn erstmals auch nach Europa. Im April gab er vier Konzerte in Deutschland, weitere in Prag, Wien und anderen europäischen Städten. Die meisten waren ausverkauft, die Begeisterung für den amerikanischen Musiker ist auch hier groß. Berechtigterweise, denn NF hält auch auf der Bühne, was seine Songs versprechen. Hier rappt ein drahtiger junger Mann seine Realität ins Mikrophon – und spricht damit vielen aus der Seele. Die wenigen Worte, die er persönlich an sein Publikum richtet, sind schlicht, es könnte der nette Junge von nebenan sein. Keine Arroganz, nur viel Herzblut.

Seine jüngeren Lieder sind vor allem geprägt von Selbstreflexion, der Titel „Perception“ – Wahrnehmung – ist bewusst gewählt. Es geht um seine Sicht auf die Dinge: auf sich selbst, seine Beziehungen, seinen Platz in der Rap-Szene. Gerade in Bezug auf letzteres nimmt er kein Blatt vor den Mund: Feuerstein grenzt sich ab, will sich nicht anpassen, nicht verwirren lassen von fremden Meinungen, sondern sich selbst treu bleiben: „Es ist mir egal, was ihr denkt, ich bin nur ich selbst. So vermute ich, dass ich vorerst eben der Ausgestoßene sein werde.“

Der „Outcast“ ist jedoch zunehmend erfolgreich. Seine Single „Let you down“ erhielt international zahlreiche Auszeichnungen, Umsatz und Publikum wachsen kontinuierlich. Vielleicht liegt es daran, dass er die Fähigkeit hat, auszudrücken, was viele junge Menschen existenziell bewegt. Die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, das Verhältnis von Liebe und Schmerz, ein reflektierter Umgang mit Emotionen, mit Krisen, Schicksalsschlägen und der eigenen Schwäche: wer genau hinhört, kann viel von dem jungen Künstler lernen. Er fragt nach dem Sinn, nach dem, was wahr, wirklich, „real“ ist, und wenn er es gefunden hat, hält er daran fest. Die tiefste Dimension dieser Suche führt letztlich zurück zu seinem Glauben. Als Jugendlicher zweifelt er an der Existenz Gottes und wendet sich von der Religion ab. Seine Jugend ist geprägt von der Frage, ob Gott real ist. Mittlerweile hat er die Antwort gefunden und knapp auf den Punkt gebracht: „If God ain?t real, real isn?t“ – wenn Gott nicht real ist, gibt es keine Realität. So die Worte eines modernen Poeten, eines Philosophen in Basecap und zerrissenen Hosen, den seine Eltern vielleicht wenig, das Leben aber schon viel gelehrt hat.