"Ich bin alle Schuld"

Im Gefühl des Schicksals: Der "Judas"-Monolog der Niederländerin Lot Vekemans erlebte in Münster seine Premiere

Installation im Altarraum der Münsteraner Jugendkirche „effata!“ zum Thema „Judas“. Der Verräter Judas (Christoph Rinke) erzählt im Käfig seine Version der Ereignisse vor 2000 Jahren. Foto: Felder

Ist diese Tat zu begreifen? „Nein, es ist sinnlos, Dinge begreifen zu wollen, und noch sinnloser, mich zu begreifen.“ Judas schreit das Publikum an, versucht ihm seine Sicht einzubläuen angesichts der Tatsache, dass er wieder im Brennpunkt des Interesses stehe, ja dass es neuerdings sogar Sympathiebekundungen und Verehrung für ihn gebe. „Seit 2 000 Jahren versuchen Menschen mich zu begreifen! Sparen Sie sich die Mühe!“, lautet sein lapidarer Ratschlag. Trotzdem erhebt Judas Iskarioth, der Verräter Jesu, der Antiheld und Sündenbock des christlichen Abendlandes schlechthin, energisch seine Stimme gegen alles, was jahrhundertelang über ihn gesagt worden ist. Kürzlich feierte das Ein-Personen-Stück „Judas“ der niederländischen Gegenwartsautorin Lot Vekemans in Münsters Jugendkirche „effata!“ seine Premiere.

Dumpfe Musik erfüllt den Kirchenraum. Christoph Rinke, der den Judas in einer Produktion des Theaters Münster spielt, kauert am Boden eines Käfigs, der an drei Seiten vergittert ist. Er räkelt sich, steht auf, tigert in dem engen Raum herum, legt sich auf den Rücken und streckt die tätowierten Beine in die Höhe, steht da und starrt die Zuschauer an, gibt sich mal ruhig und nachdenklich und dann wieder wild und aufgeregt. Er trägt nur einen langen Pullover und Unterhose, läuft auf nackten Füßen umher. Gleich zu Beginn macht der von der Geschichte Verurteilte klar, dass er die gängigen Erwartungen enttäuschen wird. „Was ist ehrlich?“ Diese Frage stellt ausgerechnet der, der für Lüge und Verrat steht, und erzählt von seiner Geburt, „in einem Land, in dem viel gekämpft, gehofft und gebetet wurde“. Von Jesus, den Judas fast immer nur „er“ nennt, hat er viel erwartet – „von ihm als König der Juden, als Führer, nicht als Erlöser und Messias“. Sich selbst sieht Judas als Mann, der sich schnell entscheidet und immer gewusst hat, wofür er stand. Er erzählt von einer Unterhaltung mit Jesus im Osten von Judäa, bei der dieser ihn angesichts eines Steins und eines Manns mit einem Esel immer wieder gefragt habe, was er sehe. Doch Judas sieht trotz mehrfachen Nachfragens von Jesus immer nur einen Stein, empfindet aber plötzlich Mitleid mit dem Mann und dem Esel – und erblickt auf einmal viel mehr; Jesus aber ist verschwunden. „Ist diese Geschichte wahr?“, fragt er das Publikum mit Nachdruck. „Sie ist nirgendwo geschrieben, niemand war dabei, keine Zeugen, nur er und ich.“

Eines ist klar: Für Judas war das Verhältnis zu seinem Meister und Freund kompliziert. Doch er erblickte in den Augen Jesu die Frage nach seiner eigenen Mission: „Was tue ich nur? Ist das richtig?“ und wird von ihm gelobt, dass er der Einzige sei, der sich frage, was Jesus brauche. Andererseits bleibt er aber auch Realist: Letztlich sei er nur einer von hunderten Anhängern gewesen, und er habe einen Fehler gemacht, gesteht er ein. Zur damaligen Zeit habe es elf Messiasse pro Jahr gegeben, Spinner und Gotteslästerer, die alle entlarvt und bestraft worden seien. „Er war anders“, bekennt Judas. Als Jesus ihn in seine Nachfolge gerufen habe, sei er mit ihm gegangen und habe alles hinter sich gelassen. „Es war wie eine Liebe und das, wofür ich gelebt hatte“, gerät der Verräter ins Schwärmen. „Er brachte eine Botschaft, ein Beispiel.“ Die Zuschauer fragt er bohrend, was sie gemacht hätten: Hätten sie damals am Wegesrand gestanden, oder wären sie in den Häusern geblieben?

„Jemand musste es tun“, dachte wohl Judas

Doch dann ging Jesus nach Jerusalem und sprach immer öfter von seinem Tod – in den Augen des Judas „eine idiotische Idee, die ihn nicht mehr verlassen sollte“. Der setzte dagegen darauf, dass in Jerusalem „die große Umkehr“ ihren Anfang nehmen und Jesus die Römer mit seinem Wort niederschmettern, ihre Fremdherrschaft beenden würde. Er hatte Mitleid mit ihm und versuchte ihn, der angefangen hatte, seinem eigenen Mythos zu glauben, von seiner „Wahnidee“, seinem „Traum eines Propheten“ abzubringen.

Doch Jesus, der Mensch aus Fleisch und Blut, der keine Ahnung davon hatte, was nach seinem Tod passieren sollte, ging den Weg vom „Hosianna!“ zum „Kreuzige ihn!“ und wurde hingerichtet. Judas schlägt aufgewühlt gegen die Wände des Käfigs, erregt sich über die „Schisser“ unter den Jüngern Jesu, „die zu ängstlich waren und zu feige und ihn nicht retten konnten“. Er schreit, seine Stimme wird immer lauter und lauter, überschlägt sich fast. „Musste er für euch sterben?“, brüllt er das Publikum an. „Er ist nicht für meine Sünden gestorben. Wenn jemand für eure Sünden gestorben ist, dann bin ich es. Ich bin alle Schuld.“ Er, Judas Iskarioth, die abschreckende Kreatur, habe alle Schuld auf sich genommen und zugelassen, dass sie Tausende von Jahren an ihm haften geblieben sei. Judas zieht langsam seinen Pullover hoch: Auf seiner Brust erscheint deutlich sichtbar das Wort „Verräter“. Reue? Bedauern? Judas ist sich längst bewusst, dass er einen Fehler gemacht hat, weil er als falscher Ankläger dafür gesorgt hat, dass ein Mensch getötet wurde. Aber er ist zu den Hohepriestern zurückgegangen und hat ihnen die 30 Silberlinge vor die Füße geschmissen, wurde jedoch nicht bestraft. Ausreden für seine Tat brauchte er nicht – und hat sich deshalb selbst erhängt. „Doch ich war nur ein Werkzeug, das vom Schicksal geschlagen ist“, buhlt er um Verständnis. „Jemand musste es tun.“ Aber ob Er ihm vergeben hat?

Ganz auf den Spuren von Walter Jens' Stück „Die Verteidigungsrede des Judas“, aber auch schon auf denen des Philosophen Leibniz, zeigt Autorin Lot Vekemans, dass der Verrat heilsnotwendig war, und unternimmt eine Rehabilitation des Mannes, der jahrhundertelang geächtet wurde, gibt ihm, seinen Enttäuschungen und Sehnsüchten, seiner Verzweiflung und Reue eine Stimme. Christoph Rinke aber setzt das in der Inszenierung von Jan Holtappels mit Totaleinsatz auf eine höchst eindrucksvolle Weise um und lässt das Publikum im Altarraum der Jugendkirche, der in mystisches blaues Licht getaucht ist, hautnah am Denken und Fühlen des Verräters Anteil nehmen, ja weiß sogar Sympathie für ihn zu wecken. Am Ende öffnet der ganz einfach die Tür an der vierten Seite des Käfigs, schreitet durch das Publikum und wieder in den Käfig zurück. Der Anfang wiederholt sich: „Mein Name ist Judas Iskarioth, und ich bin stolz auf meinen Namen…“

Die nächsten Vorstellungen von „Judas“ finden am 12., 14., 19. und 26. Juni, jeweils um 20.30 Uhr, in der Jugendkirche „effata!“ (Martinikirche) in der Innenstadt von Münster statt.