Die zweite Chance

Panik, Gewissensbisse. Für Frauen, die sich übereilt für die Einnahme der Abtreibungspille Mifegyne entschieden haben, gibt es Hoffnung. In den USA entwickelten Forscher ein Gegenmittel, das die Wirkung des tödlichen Präparates erfolgreich neutralisiert. Von Alexandra Linder

Abtreibungspille Mifeygyne: Es gibt ein Gegenmittel
Eine rechtzeitige Progesteron-Therapie kann die Wirkung der Abtreibungspille aufheben. Foto: Benjamin Nolte (dpa-tmn)

In dem Moment, als ich sie geschluckt hatte, wusste ich, dass es falsch war.“ Valerie (Name geändert) war in der 7. Woche schwanger und hatte sich für eine chemische Abtreibung mit dem Wirkstoff Mifepriston, entschieden. Unter Aufsicht ihrer Gynäkologin nahm sie eine Pille ein und ging nach Hause. Wissend, dass „die Schwangerschaft beendet wird“ und das Kind in ihr innerhalb der nächsten Tage sterben würde.

Diese Belastung, gepaart mit dem Bewusstsein, „es“ selbst getan zu haben, ist für manche Frauen so groß, dass sie ihre Entscheidung rückgängig machen möchten. Auch dies zeigt, dass eine Abtreibung offensichtlich keine eindeutig selbstbestimmte, freie Wahl ist. Seit Natalie Bayer-Metzler, Krankenschwester und Schwangerschaftskonfliktberaterin in Vorarlberg/Österreich, in einem kleinen Blog im Februar 2018 berichtete, dass man die Wirkung der Abtreibungspille Mifegyne/RU 486 manchmal rückgängig machen könne, hat sie schon 40 Frauen begleitet, die meisten aus Deutschland. „Alle Frauen waren bei der Beratung und haben einen Schein erhalten. Doch sie waren sich überhaupt nicht sicher, haben häufig keine Alternativen zur Abtreibung genannt bekommen und fühlten sich unter Druck gesetzt – sowohl von ihrem Umfeld als auch in Arztpraxen“, berichtet sie.

Knapp 23 000 Mal wurde statistisch erfasst in Deutschland 2018 mit Mifepriston einem Anti-Progesteron, abgetrieben, mit steigender Tendenz. Das Mittel unterbindet die Aufnahme von Progesteron, einem Hormon, das für die Entwicklung der Schwangerschaft und des Kindes unabdingbar ist: Es bereitet die Gebärmutter auf die Aufnahme und Versorgung des Kindes vor, senkt die Kontraktilität der Gebärmutter, festigt den Gebärmutterhals und ist für den mütterlichen Körper das dauerhafte Signal, das Kind zu versorgen. Der Wirkstoff Mifepriston sorgt dafür, dass die Versorgung des Kindes in der Gebärmutter aufhört und es stirbt. Einige Tage nach Einnahme von einer beziehungsweise drei Tabletten (je nachdem, zu welchem Zeitpunkt der Schwangerschaft die Einnahme erfolgt) wird ein weiteres Präparat verabreicht, ein Prostaglandin, das Wehen auslöst und das tote Kind zusammen mit dem Schwangerschaftsgewebe ausstößt. In Deutschland geschieht das normalerweise in der Einrichtung, in der die Frau zuvor die Abtreibungspille eingenommen hat. Im schwedischen Modell der „home abortion“ (Hausabtreibung, analog zu Hausgeburt) verabreichen sich die Frauen das Prostaglandin selbst.

In verschiedenen Dosierungen und zunächst ohne die Kombination mit Prostaglandinen ist die Abtreibungspille seit 1988 auf dem Markt. Wegen der nicht zufriedenstellenden Ausstoßung des toten Kindes wurde die Prozedur durch die Einnahme von Prostaglandinen ergänzt, mit denen man inzwischen eine Ausstoßungsrate von 95 bis 98 Prozent erreicht. In den übrigen Fällen erfolgt nach der Kontrolluntersuchung ein bis zwei Wochen später eine chirurgische Nachbehandlung der Gebärmutter.

In den ersten Jahren wurde Mifepriston zeitweise wieder vom Markt genommen, es gab Proteste. Denn zum ersten Mal wurde ein Präparat vertrieben, das ausschließlich für die Tötung eines Kindes vor der Geburt entwickelt, finanziert und produziert wurde. Außerdem gab es einige Todesfälle (z.B. Nadine Walkowiak 1991, Manon Jones 2005) und es gibt erhebliche Kontraindikationen, was die Einnahme angeht: Frauen mit Nebennieren-Problemen und Lebererkrankung, Blutarmut, Unterernährung oder Asthma bronchiale, Frauen über 35 und starke Raucherinnen sollten Mifepriston nicht anwenden. Die eng begrenzte und frühe Anwendung bis zum 63. Tag der Schwangerschaft, gerechnet vom Zeitpunkt der letzten Periode an, verstärkt überdies den Druck auf die Frauen, die nur sehr wenig Bedenkzeit haben – nach einer Untersuchung des Universitätskrankenhauses von Marseille beträgt diese in rund der Hälfte der Fälle nur etwas mehr als 48 Stunden.

Laut Dr. George Delgado, Leiter der amerikanischen Vereinigung APR (Abortion Pill Reversal – Aufhebung der Abtreibungspille) mit Sitz in San Diego/Kalifornien, der am vergangenen Samstag bei dem Schweizer Verein mamma in Münchenstein bei Basel referierte, bereuen wie Valerie viele Frauen die Einnahme der Pille schon unmittelbar danach. Auch Abtreibungsspezialisten wie Friedrich Stapf in München verweisen auf die psychische Belastung und berichten, dass nicht wenige Frauen in der Praxis anriefen, um zu fragen, ob man das Ganze rückgängig machen könne.

Valerie meldete sich bei Natalie Bayer-Metzler, als sie zufällig auf den Blog stieß: „Ich möchte mein Kind nicht töten! Wie kann ich das rückgängig machen?“ Die Einnahme der Abtreibungspille war erst wenige Stunden zuvor erfolgt, so dass man schnell reagieren konnte: Ein Anruf bei einem bereits bekannten katholischen Krankenhaus in der Nähe von Valeries Wohnort und sie konnte sofort hinfahren und mit der Einnahme von Progesteron beginnen, um die Wirkung des Anti-Progesterons zu bekämpfen.

Was hierzulande gerade erst publik wird und bisher nur wenigen Organisationen wie zum Beispiel vitaL – Beratung für Schwangere bekannt ist, hat in den USA laut Delgado schon 700 Kindern das Leben gerettet. Je früher die Frauen anriefen und je schneller die Gegenmaßnahmen mit Progesteron eingeleitet würden, desto höher sei die Chance, dass das Kind überlebe. Am besten sei die Wirkung, wenn man mit der Behandlung innerhalb von 72 Stunden nach Einnahme der Abtreibungspille beginne. Normalerweise, so Delgado, würden die Frauen bis zum Ende des ersten Schwangerschaftstrimesters Progesteron bekommen, manchmal auch länger. Nach möglicherweise durch die Einnahme der RU 486 verursachten Schäden für die Kinder befragt, verwies er darauf, dass von den 700 bisher geborenen Kindern sieben, also ein Prozent, mit Krankheiten oder Behinderungen auf die Welt kamen, von denen man keine mit der Anwendung der Abtreibungspille in Verbindung bringen konnte. Unterstützt wird diese Erfahrung durch einen Bericht des American College of Obstetricians and Gynecologists (ACOG) in seinem Practice Bulletin von März 2014, in dem darauf verwiesen wird, dass es keine Hinweise auf eine Schädigung des Kindes durch die Abtreibungspille gebe, wenn es überlebe.

Neben der Abtreibungspille in Kombination mit einem Prostaglandin etwa zwei bis drei Tage später lassen sich Abtreibungen auch mit Prostaglandinen alleine auslösen. Prostaglandine werden normalerweise als Medikament bei Magenschleimhautschäden oder Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren verschrieben und nicht für Abtreibungen zugelassen oder vorgesehen. Dennoch werden sie für chemische Abtreibungen verwendet, weil der Wirkstoff den Gebärmutterhals dehnt und ihn weichmacht, Wehen auslöst und veranlasst, dass das Endometrium abstirbt (ischämische Nekrose).

Die Auswertung der rechtzeitigen Gegentherapie durch Progesterongabe, so Delgado, zeige, dass bei vorheriger Verwendung nur eines der chemischen Abtreibungsmittel die Überlebenschance der Kinder zwischen 64 und 68 Prozent liegt – wobei die geringere Dosierung der Abtreibungspille in den USA (200 mg) eine Rolle spiele. Werden beide Mittel in Kombination eingenommen, sinkt diese Rate allerdings signifikant.

Dennoch plädieren die Fachleute aufgrund der Erfahrungen mit betroffenen Frauen dafür, es immer zu versuchen. Die Beratung der Frauen sei ebenfalls wichtig, sagt Natalie Bayer-Metzler: „Auch Frauen, die so spät kamen, dass das Kind nicht gerettet werden konnte, sind zutiefst dankbar für die intensive, individuelle Beratung und die Gespräche, die es teilweise auch noch lange nach dem Tod des Kindes gibt.“

Die Verabreichung von Progesteron ist in der Gynäkologie und Geburtshilfe gängig. Sowohl bei einem Fehlgeburtsrisiko als auch bei Frauen, die durch künstliche Befruchtung schwanger werden, wird Progesteron regelmäßig verwendet, um die Schwangerschaft zu stabilisieren. Dennoch sind die Reaktionen in Krankenhäusern sehr unterschiedlich: Manche katholischen Krankenhäuser verweigern die Behandlung in der Annahme, sie würde die Abtreibung unterstützen, andere Einrichtungen sind unsicher und möchten keine Fehler machen. Bekannt ist die Methode, die Wirkung der Abtreibungspille oder eines Prostaglandins durch eine hohe Progesterongabe aufzuheben, in nur sehr wenigen Einrichtungen. Delgado war der Erste, der die Anwendung und Wirkung der Progesterontherapie in einem wissenschaftlichen Fachartikel zusammenfasste. Inzwischen wird er von vielen Fachleuten unterstützt, so etwa von der American Association of Pro-Life Obstetricians and Gynecologists, die 2 500 Mitglieder hat und die Methode des Abortion Pill Reversal empfiehlt.

Auslöser des Ganzen war die Notlage einer Schwangeren namens Ashley, die 2013 im Alter von 20 Jahren auf Druck des Kindsvaters und gegen ihren eigentlichen Willen die Abtreibungspille eingenommen hatte, das sofort bereute und sich in ihrer Not an Dr. Matt Harrison in Charlotte (North Carolina) wandte. Der kam auf die Idee, mit einer hohen Dosis Progesteron die Wirkung der Abtreibungspille zu überwinden. Allerdings hatte das vorher noch niemand versucht und für Mutter und Kind war der Versuch nicht ohne Risiko. Doch weil das Kind auf jeden Fall gestorben wäre und Ashley alles tun wollte, um das Leben ihres Kindes zu retten – wurde der Versuch gestartet: Und er gelang. Kaylie ist inzwischen sechs Jahre alt. Und auch Valeries Kind hat die Abtreibungspille überlebt.

Der Besuch Delgados in Europa dient neben der Aufklärung über die Methode und die Erfahrungsberichte auch dazu, ein Netzwerk von Praxen und Krankenhäusern nach amerikanischem Vorbild aufzubauen, die schnell reagieren und den Frauen in Wohnortnähe sofort helfen können. Kein schlechter Anlass, um eine echte Versorgungslücke für Frauen im Schwangerschaftskonflikt zu schließen – auch was die offenbar nicht immer umfassende Beratung angeht. Laut Gesetz soll sie Alternativen aufzeigen und dem Schutz des ungeborenen Kindes dienen.