Berlin

Der Polizei einen Schritt voraus

Der dritte Teil von "Haus des Geldes" setzt auf Spannung. Ist die Inszenierung des Bankraubs gelungen, so scheint die politische Grundierung an den Haaren herbeigezogen zu sein.

Haus des Geldes
Sergio Marquina alias "Der Professor" vor einem Modell des (fiktiven) Gebäudes der spanischen Nationalbank, in die er eindringen möchte, um die Goldreserven sowie die Regierung belastende Unterlagen zu stehlen. Foto: Netflix
Haus des Geldes
Sergio Marquina alias "Der Professor" vor einem Modell des (fiktiven) Gebäudes der spanischen Nationalbank, in die er ei... Foto: Netflix

Zusammen mit der US-amerikanischen Serie „Stranger Things“ (DT vom 11. Juli) gehört der spanische Banküberfall-Mehrteiler „Haus des Geldes“ („La casa de papel“) zu den Zugpferden des Online-Streaming-Diensts Netflix. Laut eigenen Angaben ist „Haus des Geldes“ die international meistgesehene nicht-englischsprachige Serie auf Netflix. Ursprünglich als 15-teilige Serie a 70 Minuten im spanischen Fernsehen ab Mai 2017 ausgestrahlt, schnitt sie Netflix für einen internationalen Markt neu. Daraus wurden zwei „Teile“ (statt „Staffeln“) mit 13 beziehungsweise neun Episoden a 40 bis 55 Minuten. Den ersten Teil veröffentlichte Netflix im Dezember 2017, den zweiten Anfang April 2018.

„Haus des Geldes“ ging von einer für das Genre genialen Idee aus: Eine Bank zu überfallen könnte zwar etwas Geld bringen. Richtig „Kohle“ kann man aber da machen, wo Geld, und zwar echtes Geld gedruckt wird, in der Banknotendruckerei. Ein mysteriöser Mann, der sich als „Professor“ (Álvaro Morte) bezeichnet, schart acht Spezialisten um sich, um den größten Raubüberfall in der Geschichte Spaniens in die Tat umzusetzen. Um ihre Identität zu verschleiern, reden sie sich nur unter dem jeweiligen, nach Städten benannten Aliasnamen an: Berlin, Tokio, Rio, Nairobi, Denver, Oslo, Helsinki und Moskau.

Gesucht: Ein ausgeklügelter Plan

Dafür brauchen sie nicht nur einen ausgeklügelten Plan, um mit ihrem schweren Gerät in die Banknotendruckerei hineinzukommen, sondern auch um lange genug die sie sofort umzingelnde Polizei hinters Licht zu führen. Wenn die Druckmaschinen elf Tage lang rund um die Uhr laufen, würden sie eine Milliarde Euro drucken, so ihr Kalkül. Zu den Täuschungsmanövern des Professors, der gleich einem Schachspiel der Polizei immer einen Zug voraus ist, gehört etwa auch, dass sie die Geisel in die gleichen roten Overalls stecken, die sie zusammen mit einer Dalí-Maske selbst tragen – den Trick hat Regisseur Álex Pina wohl bei „Inside Man“ (Spike Lee 2006, DT vom 28.3.2006) abgekupfert, dem wohl besten Banküberfall-Film der neueren Filmgeschichte. Dazu gehört aber auch, dass sie zwei Fluchtwege graben, damit die Polizei ebenfalls getäuscht wird. Am Ende des zweiten Teils spazieren sie aus der Banknotendruckerei mit einer Milliarde Euro her-aus.

Der politische Anstrich, den sie sich als eine Art Robin Hood geben, erweist sich ebenso als Täuschungsmanöver. Sie täten – so betont einmal der „Professor“ – zwar nichts anderes als die Europäische Zentralbank, die immer wieder einfach Geld für die Banken drucke. Das Geld behalten sie jedoch für sich.

Neues Ziel: Die spanische Nationalbank

Der Erfolg der Serie ließ Netflix einen weiteren Teil (eigentlich zwei, denn der dritte und der vierte Teil gehören offenkundig zusammen) in Auftrag geben. Der dramaturgische Kniff, um die Gang wieder zu versammeln: Rio (Miguel Herrán) wird von der Polizei verhaftet und an einem inoffiziellen Gefängnis festgesetzt und auch gefoltert. Nun kommt wieder das zusammen, was von der Bande übrig blieb, denn drei von ihnen wurden beim Überfall auf die Banknotendruckerei getötet. Dazu kommen weitere Charaktere, etwa die ehemalige Polizistin Raquel Murillo (Itziar Ituno), die sich im zweiten Teil in den Professor verliebt und deshalb die Seiten gewechselt hatte.

Um Druck auf die Behörden zu machen, damit sie Rio nach Spanien überstellen, legen die Bankräuber einen Gang zu. Ihr aktuelles Ziel: die spanische Nationalbank. Dort lagern nicht nur die Goldreserven des Landes, sondern auch in besonderen Schließfächern Staatsgeheimnisse, deren Veröffentlichung sowohl die spanische Regierung als auch die verschiedener Länder der Europäischen Union destabilisieren könnte – auch dies ist vom erwähnten Film „Inside Man“ inspiriert.

Chaos als Ablenkungsmanöver

Der dritte Teil von „Haus des Geldes“ beginnt mit einem Paukenschlag: Aus mehreren Zeppelinen regnet es insgesamt 140 Millionen Euro auf belebte Madrider Straßen – das dadurch ausgelöste und übrigens sehr gelungen gedrehte Verkehrs- und sonstiges Chaos soll ein Ablenkungsmanöver sein, damit die Bankräuber überhaupt in die Nationalbank eindringen können. Wie die meisten Online-Serien setzt „Haus des Geldes“ auf Spannung, insbesondere auch durch „Cliffhanger“ am Ende einer jeden Folge, damit sich der Zuschauer den ganzen dritten Teil möglichst als „Serienmarathon“ (neudeutsch „Binge Watching“) anschaut. Zur Dramaturgie gehört das Hin- und Herspringen zwischen zwei Zeitebenen: Die eigentliche Handlung wird immer wieder durch Rückblenden unterbrochen, um die Vorbereitung eines jeden „Schachzuges“ des Professors zu erklären, der dann in der „Jetztzeit“ erfolgt.

Die Inszenierung als Genrefilm kann als weitgehend gelungen gelten. Dass die Außenaufnahmen nicht im richtigen Gebäude der spanischen Nationalbank, sondern in einem in der Franco-Ära errichteten Bau der „Neuen Ministerien“ gedreht wurden, sorgt wohl nur für Madrid-Kenner für eine gewisse Irritation. Allerdings nimmt sich der politische Anstrich als zu weit hergeholt aus. Hier werden angebliche, von der Polizei eingesetzte Foltermethoden für den Widerstand gegen einen „Unrechtsstaat“ vorgeschoben.

Der dritte Teil von „Haus des Geldes“ (acht Folgen mit einer Gesamtlänge von ca. 375 Minuten) ist bei Netflix abrufbar.