WÜRZBURG

Aus den Zeitschriften am 3. Juli 2019

Lessings gefährlicher Relativismus

Die Zustimmung, die Lessings Ringparabel unter Theologen findet, ist erstaunlich. Jüngstes Beispiel dafür ist ein Artikel in den Stimmen der Zeit (6/2019 Verlag Herder Freiburg) von René Dausner, katholischer Systematiker an der Universität Hildesheim. Alle drei Ringe, die der Vater an seine drei Söhne (Judentum, Christentum, Islam) vererbt hat, erweisen sich als Fälschungen, da keiner der Ringträger sich vor den Anderen als der Träger des wahren Ringes auszuweisen in der Lage ist. Nathan der Weise überträgt dies auf die Religionen, die von Seiten ihrer „Gründe“ nicht zu unterscheiden sind, „denn gründen alle sich nicht auf Geschichte? Geschrieben oder überliefert? Und Geschichte muss doch wohl auf Treu' und Glauben angenommen werden?“ Für den Richter in der Parabel sind die drei Erben des betrügerischen Vaters „Betrogene Betrüger! Eure Ringe sind alle drei nicht echt. Der echte Ring vermutlich ging verloren.“ Damit jeder der Erben nicht selbst zum Betrüger wird, bleibt ihm nur übrig, durch sittliches Verhalten „die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag zu legen“.

Für den Verfasser geht es Lessing „um die Überwindung einer auf Tradition basierenden Glaubens- und Offenbarungsvorstellung“. Lessing stellt den Gegensatz von zufälliger Geschichtswahrheit und notwendiger Vernunftwahrheit heraus. Die Offenbarungsreligion, die sich auf unbeweisbare, zufällige Geschichtstatsachen stützt, steht dabei im Gegensatz zur Vernunftreligion, die allein auf notwendigen Vernunftwahrheiten beruht. Erst wenn die Religionen ihren unbegründbaren Absolutheitsanspruch aufgegeben haben, der Hass, Streit und Gewalt hervorbringt, und sich rein durch sozial-caritative Betätigung als für die Gesellschaft nützlich erweisen, haben sie in der Moderne noch eine Berechtigung. Der Verfasser stellt sich voll und ganz auf die Seite Lessings: „Die Antwort einer verobjektivierenden Begründung des Glaubens … wird zurückgewiesen. Lessing macht … deutlich, dass es keine objektive Außensicht auf den Glauben geben kann.“ Dausner hält mit Lessing eine „objektive Begründung des Glaubens“ für unmöglich. Daraus wird gefolgert: „Das entscheidende Kriterium für die Verantwortung des Glaubens … liegt in der Eigenschaft, vor Gott und Menschen angenehm zu machen.“

Zunächst einmal erhebt der Vernunftuniversalismus Lessings ebenfalls einen absoluten Wahrheitsanspruch. Diesem steht der christliche Glaubensuniversalismus gegenüber, der bekennt, dass Gott in Jesus Christus seine Wahrheit über sich und den Menschen endgültig in der Geschichte mitgeteilt hat. Dies meint der christliche Absolutheitsanspruch. Antwort des Glaubens auf die ergangene Initiative Gottes ist das Bekenntnis zum verpflichtenden Dienst an der Wahrheit Gottes. Dafür kann der Glaubende im strengen Sinne keine Beweise erbringen. „Deswegen bedeutet aber mitnichten Glaube Nicht-Wissen; gehören doch weder Gründe noch Beweise in die Definition von Wissen als solchem, sie gelten nur für Wissenschafts-Wissen. Wer zum Glauben kommt, der hat sich überzeugen lassen. Er hat in Freiheit zugestimmt – und doch nicht schlicht aus eigener Kraft. Darum ist er stets doppelt dankbar: einmal dafür, dass sich dieses Wort ihm zugesagt hat, dann dafür, dass er sich hat öffnen können, statt sich in ,Kleinglauben‘ (Misstrauen) zu verschließen“ (Jörg Splett).

Der Wahrheitsanspruch der Ringparabel beruht auf dem deistischen Vorentscheid, dass es in der Geschichte keine Selbstoffenbarung Gottes in einem Menschen geben könne. Der universalistische Relativismus des Richters in der Parabel tritt als objektive Außensicht mit einem absoluten Wahrheitsanspruch auf, den er im Falle der Religionen für die Quelle allen Hasses in der Welt verurteilt. Dieser alleinige Geltungsanspruch der universalen Vernunft mit ihren eigenen (dogmatischen) Vorentscheiden erlaubt dem Christentum nur die Kapitulation in Form der eigenen Selbstrelativierung, verbunden mit der widerspruchslosen Annahme der Rolle, die die Moderne der Religion höchstens im humanitären Bereich vorläufig noch zuzuweisen gedenkt.

Mit der damit eingetretenen funktionalen Religionsbegründung hat sich der Gottesglaube selbst aufgegeben. Und doch schreibt der Verfasser: „Das entscheidende Kriterium für die Verantwortung des Glaubens liegt in der Eigenschaft, vor Gott und Menschen angenehm zu machen.“ Kann es aber vor Gott angenehm machen, ihn als vorsätzlichen Betrüger anzusehen? Heißt es nicht „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen“ und „Rühmt euch seines heiligen Namens“ (Psalm 105)? Diese Konsequenz ist dem Verfasser natürlich aufgegangen. Um trotzdem an Lessings Parabel als Grundlage für ein modernes Christentum festhalten zu können, deutet er den betrügerischen Gott „metaphorisch als Erfahrung des Vertrauensverlustes“ um. Misstrauen gegenüber Gott, Glaubenszweifel, das Schweigen Gottes, Relativismus werden miteinander vermengt und masochistisch zum „Fehlen als ,Erfordernis‘“ stilisiert und zur Tugend erhoben. Glaube hat nun als „Vergessenes in uns und mit uns zu bleiben, als Verlorenes“. Damit ist Gott zur bloßen apersonalen Leerstelle geworden.

Was bleibt vom Glauben unter dem Gesetz der Moderne, wenn die Menschwerdung Gottes in der Geschichte zur Disposition gestellt worden ist und die objektive Tatsache der Trinität zur bloßen Hypothese dem Ergebnis des unabschließbaren Diskurses der Wissenschaft überlassen worden ist: „Keine Objektivierung und somit keine Rechthaberei“ sondern „ein Übertreffen im Guten“. Genau dafür feiert der Verfasser Lessing als „weitsichtigen Theoretiker“ und „unerschöpfliche Quelle der Inspiration“.

Mit Lessing als neuem und einzigem Kirchenlehrer ist „die Zeit eines Glaubens an enthistorisierte, ewig gültige Wahrheiten … vorbei“, wir treten ein „für einen neuen Humanismus“ und vor uns tut sich eine „Welt der Menschlichkeit“ auf.

Das moderne Überlegenheitsgefühl des (dogmatischen) indifferenten Wahrheitsverzichts gegenüber dem unaufgeklärten Credo-Christen und seiner Weigerung, die Glaubensinhalte zur Privatmeinung zu erklären, schlägt schnell in Verachtung und Hass (Fundamentalismusvorwurf) um.

Grundsätzlich ist das Christentum eine Bekenntnisreligion: „Jesus Christus ist der Herr.“ Dass der Christ Sätze als wahr bekennt, macht ihn keineswegs intolerant, weil, wie Jörg Splett gezeigt hat, die Toleranz sich nicht auf das Verhältnis zur Wahrheit, sondern auf das Verhältnis zu anderen Menschen bezieht, die etwas anderes für wahr halten. Lessings Toleranz auf der Basis des gemeinsamen Wahrheitsverzichts läuft darauf hinaus, dass es am anderen nichts mehr zu tolerieren gibt, beziehungsweise geben darf. Im Richterspruch der Parabel heißt es: „Es eifre jeder seiner unbestochnen, von Vorurteilen freien Liebe nach“, um sich beliebt zu machen. Wer am Wahrheitsanspruch des christlichen Glaubens festhält, macht sich in der Moderne allerdings nicht beliebt, auch nicht bei katholischen Theologen.

Foucault zur kirchlichen Sexualmoral

Im Philosophie Magazin (Sonderausgabe 12. Mai 2019, Philomagazin Verlag Berlin) wird auf den aus dem Nachlass des französischen Philosophen Michel Foucault (1926–1984) veröffentlichten vierten Band seiner „Geschichte der Sexualität“ hingewiesen: „Die Geständnisse des Fleisches“ (Suhrkamp Verlag, Berlin 2019). Darin stellt der französische Denker die Sexuallehre der frühen Kirche dar. Es kann hier keine Darstellung oder Bewertung des Buches vorgenommen werden, aber bereits ein Zitat aus dem Vorabdruck zeigt auf erstaunliche Weise, dass die Lektüre dem aktuellen innerkirchlichen Zerrbild der kirchlichen Sexualmoral von unerwarteter Seite entgegenzuwirken in der Lage erscheint: „Im Grunde geht es um die Form der Subjektivität: Die Übung von sich an sich, die Erkenntnis von sich durch sich, die Konstituierung von sich selbst als Gegenstand der Untersuchung des Diskurses, die Befreiung und Reinigung von sich selbst und die Erlösung mittels Operationen, die bis ins Innerste des Selbst Licht (!) bringen und die tiefsten Geheimnisse an das Licht der erlösenden Offenbarung führen.“ Michael Karger