„Auf der Nadelspitze der Behandlung“

Ein Gespräch mit Ursula Schuller-Munteanu, Fachärztin für Psychiatrie, leitende Oberärztin und PJ-Beauftragte an der LVR-Klinik in Bonn, über mögliche Umbrüche in psychiatrischen und psychotherapeutischen Ausbildungswegen der Zukunft. Von Isabella Kügler

Für die Psychiaterin Ursula Schuller-Munteanu spielt Religiosität in der Therapie eine wichtige Rolle. Foto: LVR

Die mediale Aufmerksamkeit war garantiert, als Ende Mai bundesweit junge Menschen in vergissmeinnichtblauen T-Shirts in 16 deutschen Städten protestierten: Sie bezeichnen sich als „PiAs“, das bedeutet normalerweise: „Psychotherapeutin in Ausbildung“, und ihr „Vergissmeinnicht“ richtet sich an die deutsche Politik. Auf dem Logo des Verbandes ist das Wort „Ausbildung“ rot durchgestrichen und durch „Ausbeutung“ ersetzt, ein Wortspiel, das die Forderung nach einer Reform der Psychotherapeutenausbildung deutlich machen soll. Denn, so begründet der Verband auf seiner Internetseite, „die jetzige Fassung des Psychotherapeutengesetzes erlaubt es beispielsweise, dass Psychotherapeutinnen in Ausbildung (PiA), die alle mindestens ein Studium der Psychologie oder Pädagogik abgeschlossen haben, in ihrer praktischen Tätigkeit gar nicht oder nur geringfügig bezahlt in psychiatrischen und psychosomatischen Einrichtungen 1 800 Stunden arbeiten müssen. Obwohl die PiA bereits über einen Hochschul- und Berufsabschluss verfügen, bekommen sie nicht selten die psychotherapeutische Verantwortung für Patientenbehandlungen und werden damit als sehr günstige, hochqualifizierte Arbeitskräfte ausgenutzt.“ Im Juli vergangenen Jahres hatte das Bundesministerium für Gesundheit einen Entwurf für ein Hochschulstudium der Psychotherapie vorgelegt, das mit der psychotherapeutischen Approbation beschließen und teilweise zur Verschreibung von Psychopharmaka befähigen sollte. Doch es gab nicht nur Befürworter.

Heftig kritisiert wurde der Entwurf unter anderem von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Psychiatrie und Nervenheilkunde als mögliche Gefährdung der Patientensicherheit und sogar Abspaltung von psychisch erkrankten Menschen aus dem medizinischen System, da die Pflicht, bei psychischen Diagnosen eine somatische Abklärung, das heißt eine medizinische Routineuntersuchung vornehmen zu lassen, eventuell entfallen würde. Ein berechtigter Einwand, wie Ursula Schuller-Munteanu, Fachärztin für Psychiatrie, leitende Oberärztin und PJ-Beauftragte an der Bonner LVR-Klinik, berichtet: „Fachärztinnen und -ärzte für Psychiatrie behandeln Menschen, die oft mehrfach schwer erkrankt sind – zum Beispiel an Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems, Diabetes, demenziellen Syndromen oder Epilepsien.“

Weiter erklärt die Psychiaterin: „Eine organische Abklärung und Überprüfung, wie sich die Psychopharmaka auswirken, ist somit unverzichtbar – die Patientensicherheit hat hier absolute Priorität, und diese kann ohne eine qualifizierte medizinische Ausbildung wie die Facharztausbildung schlicht nicht geleistet werden. Aktuell beinhaltet die Ausbildung zum Psychotherapeuten nach dem Psychologiestudium ein praktisches Jahr im Krankenhaus. Ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie absolviert erst ein reguläres Medizinstudium – sieben Jahre, davon ein Jahr rein praktische Tätigkeit im Krankenhaus – dann noch vier Jahre Ausbildung in Psychiatrie und ein Jahr neurologische Ausbildung. Unser Hintergrund ist demnach verschieden, aber wir treffen uns auf der Nadelspitze der Behandlung psychischer Erkrankungen.“ Mit Blick auf die Reform sehe sie zwar durchaus, dass „der Entwurf darauf zielt, die Situation psychisch Erkrankter in Deutschland zu verbessern und ihnen eine schnellere und adäquate Behandlung zu ermöglichen.“ Aber es gebe eben auch praktische Vorbehalte. „Wie lange würde das Studium tatsächlich dauern? Welche Praktika müssten dazukommen? Wie sollen die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen an die notwendigen Ressourcen kommen, um die Medikamente sicher zu verschreiben? Das sind alles Fragen, die der bisherige Gesetzesentwurf so nicht beantwortet.“

Wer genauer hinsieht, merkt schnell: Eine eventuelle Reform der Psychotherapieausbildung ist lediglich ein Vorbote des Wandels in einem System, das in vielen Punkten noch abklären muss, wie es mit den Innovationen der digitalen Welt umgehen will, ohne dabei voreilig zu handeln, etwa die Patientensicherheit aufs Spiel zu setzen oder den Verlust von Behandlungsqualität zu riskieren. Auch dann, wenn Psychiater zur geistigen Gesundheit von Personen des öffentlichen Lebens medial Stellung beziehen, wie es jüngst nach der Wahl des US-Präsidenten Donald Trump geschah, oder wenn angesichts des Leistungsdrucks die Zahl psychischer Diagnosen wie Depressionen oder posttraumatischer Belastungsstörungen steigt und gleichzeitig deren Aussagekraft infrage gestellt wird. Schuller-Munteanu kann entwarnen: „Zwar haben beide Blickwinkel zu einem gewissen Grad ihre Berechtigung – sicher gibt es in der heutigen Gesellschaft einen hohen Druck, perfekt zu funktionieren, und das kann daran hindern, psychische Reaktionen auf belastende Ereignisse wie zum Beispiel die Trauer, für die wir früher vielleicht mehr Zeit und Freiheit hatten, richtig zu erleben und auszuleben. Dass aber aus gesunden Menschen durch verfrühte Diagnosen Kranke gemacht werden, entspricht nicht meinen Erfahrungen – eher, dass die Menschen sich aus Scham zu spät in Behandlung begeben. Zudem gibt es sehr klar ausgelegte Diagnosekriterien.“ Zur medialen Debatte um Donald Trump ergänzt sie: „Mir ist da aufgefallen, dass in den Meldungen das Wort ,Diagnose‘ strikt vermieden worden ist. Hinzu kommt, dass man in unserer Öffentlichkeit medial anders mit Persönlichkeitsrechten und medizinischen Fragen umgeht als im anglo-amerikanischen Raum. In Deutschland kann man mit gutem Gewissen sagen, dass der größte Teil der Medien einen sehr respektvollen Umgang mit den einzelnen Personen zeigt – wenn Psychiaterinnen und Psychiater öffentlich auftreten, wird das hauptsächlich dafür genutzt, das Stigma psychiatrischer Erkrankungen abzubauen.“

Ein Wandel in der psychiatrischen Fachwelt könnte derweilen nicht nur durch mediale Aufmerksamkeit oder die Digitalisierung ausgelöst werden – ethische Diskussionen, etwa über die Einbeziehung von Religiösität im therapeutischen Kontext, könnten für die Zukunft des psychiatrischen Berufs ebenso prägend sein. Die Deutsche Gesellschaft für Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde spricht etwa von einem „spiritual turn“ mit Berufung auf die wachsende kulturelle Vielfalt in Deutschland – beinahe ein Fünfte der Einwohner habe aktuell bereits ausländische Wurzeln, die unterschiedlichen religiösen Überzeugungen spielten auch in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung eine immer größere Rolle.

„Spiritualität, egal welcher Konfession oder Religion, kann eine Ressource sein“, betont Schuller-Monteanu. „Das erleben wir sowohl bei Katholiken, als auch bei Evangelischen und Muslimen bis hin zu freien spirituellen Glaubensformen – diese können in einer psychischen Krise einen starken Halt geben. Die Patienten äußern da positive Überzeugungen wie ,Ich habe ein Gefühl, dass etwas Gutes in mir ist, das nicht vergehen kann‘, oder: ,Ich hoffe darauf, dass sich das Leben verbessert oder dass es Werte gibt, die mich überdauern‘. Das kann man sehr gut als Kraftquelle sowohl im psychotherapeutischen Kontext als auch im therapeutischen Kontext allgemein nutzen.“