Alle Fünfe gerade sein lassen?

Worum es beim Mathe-Abitur wirklich geht. Von Barbara Stühlmeyer

Schüler protestieren gegen Mathe-Abitur
Mathematik-Schüler demonstrieren für faires Abitur – aber die Ergebnisse stehen noch gar nicht fest. Foto: dpa
Schüler protestieren gegen Mathe-Abitur
Mathematik-Schüler demonstrieren für faires Abitur – aber die Ergebnisse stehen noch gar nicht fest. Foto: dpa

Das Spektrum der Reaktionen reicht vom bissigen Spott kopfrechenstarker Altvorderer bis zum sozialpädagogisch weichgespülten Verständnis für die Proteste von Schülern, Eltern und Lehrern gegen die Aufgaben des diesjährigen Abiturs im Fach Mathematik. Eher selten hört man dagegen Einlassungen dazu, worum es in diesem Streit wirklich gehen sollte. Eine lobenswerte Ausnahme bildet hier der Deutsche Philologenverband. Er fordert, wie es seinen Grundsätzen und Gewohnheiten entspricht, ein gründliches Nachdenken, um das Problem an der Wurzel zu packen. Denn das Schneeflockenbashing unter dem Motto „nur die Harten kommen in den Garten“, aber auch die allzu entgegenkommende Nachgiebigkeit gegenüber Kevin und Co geht an den eigentlichen Problemen rund ums Abitur vorbei.

Das kreative Denken kommt zu kurz

Hier dreht es sich nämlich nicht darum, ob die Aufgaben zu schwer waren, sondern darum, ob die Art und Weise der Vorbereitung angemessen war und ob das Schulsystem derzeit dazu führt, studierfähige junge Menschen auszubilden.

Jeder, der ein Kind durch das deutsche oder gar das bayerische Schulsystem zu begleiten hatte, weiß, dass dies nicht der Fall ist. Gerade in letzterem setzt der Unterricht – nicht nur im Fach Mathematik – auf die wörtliche Wiedergabe auswendig gelernter Hefteinträge. Bei der Zusammenfassung mit eigenen Worten gibt's Punktabzug. Fazit: Wer selber denkt, wird bestraft. Dass die Schülerinnen und Schüler protestieren, wenn sie ausgerechnet im Abitur an das Wagnis des selbstständigen Schlussfolgerns herangeführt und hinterher darüber belehrt werden, dass es ihnen daran fehlt, wenn der Geist der Zahlen in den fünf Prüfungsstunden nicht über sie kam, ist kein Zeichen mangelnder Anpassungsfähigkeit und Ausdauer, sondern eine logische Konsequenz. Im Studium stehen dieselben Schüler dann in ganzer Breite vor der Herausforderung, anzuwenden, was ihnen nicht vermittelt worden ist, nämlich selbst Wege durch den Informationsdschungel zu entdecken, kreativ Lösungen zu finden und situativ angemessen zu entscheiden. In manch einem Fach ist dies aber ohnehin nicht nötig, denn hier scheint es in unheiliger Nachfolge des schulischen Auswendiglernweges allein darum zu gehen, sich funktionsgerecht in ein bestehendes Wettbewerbssystem zu integrieren. Aber eine Gesellschaft, die junge Menschen heranzieht, denen es an Allgemeinbildung fehlt, die unfähig sind, in gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen durchdachte Positionen einzunehmen, sie argumentativ zu vertreten, sich aber auch infrage stellen zu lassen, schneidet sich von der Möglichkeit zur Selbstreflektion ab. Das schadet dem Wissenschaftsstandort Deutschland dann nicht nur im Fach Mathematik, sondern auf der ganzen Linie. Der Stand der mitunter wirren Diskussion um das Thema Mathe-Abitur zeigt vor allem eins: dass wir in Deutschland die Fähigkeit, die Dinge auf den Punkt zu bringen, längt verloren haben. Einige Beispiele: Joseph Kraus (69), 30 Jahre lang Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, hält die Schüler für verwöhnt. Ihr Protest rühre daher, dass die Aufgaben in den letzten Jahren vergleichsweise leicht waren. Wären die Schüler aber umfassend im Fach Mathematik unterrichtet worden, hätten sie gleichwohl in der Lage sein müssen, die Aufgaben zu bewältigen. Dass dies nicht der Fall ist, zeigt der berechtigte Protest der Universitäten darüber, dass sie das fehlende Vorwissen in Aufbaukursen erst vermitteln müssten. Manch ein Lehrer schiebt die Schuld daran einseitig den faulen und desinteressierten Schülern zu, die lieber am Freitag auf die Demo als in den Matheunterricht gehen. Doch ist das realistisch? Zum einen finden die Fridays for future-Veranstaltungen erst seit kurzer Zeit statt, zum anderen ist es eine unabweisbare Tatsache, dass Kinder gebildeter Eltern, die zuhause mit ihnen trainieren, was sie in der Schule hätten lernen sollen, in unserem Land immer noch signifikant besser abschneiden als solche, die allein dem Vermittlungstalent der Lehrer überlassen sind.

Komplizierte Texte sollten zum Schulalltag gehören

Die Folge: Schüler verlassen sich darauf, sich an den Abituraufgaben der Vorjahre zu orientieren. Wenn die dann leichter sind als das, womit man sich in der Prüfung konfrontiert sieht, wird der eine oder andere gern klagefreudig und plädiert auf Gleichbehandlung. Zu Unrecht. Denn beim Abitur geht es um eine Reifeprüfung, nicht um einen Freifahrtschein auf die Insel der Gleichberechtigten. Dennoch sind unterschiedlich anspruchsvolle Prüfungsaufgaben in den einzelnen Bundesländern kritikwürdig. Hier müssen die Kulturminister der Länder sich die Frage gefallen lassen, ob sie nicht endlich mit anderen europäischen Ländern gleichziehen und auf ihre Partikularstreitigkeiten verzichten möchten.

Und ein letzter Punkt: In der Debatte um das Mathe-Abitur 2019 kam immer wieder zur Sprache, dass die Schüler an den komplexen Texten der Aufgaben gescheitert seien. Hier zeigt sich am deutlichsten, dass es sich um ein weit vielschichtigeres Problem handelt, als um eine Rechenaufgabe. Denn die Lektüre komplexer Texte zu vermeiden ist an deutschen Schulen inzwischen weithin Alltag. Klassiker – überhaupt ganze Bücher – zu lesen gilt vielfach als unzumutbar und der Graben zwischen im Lehrplan vorgesehener und tatsächlicher Lektüre wird immer größer. Es geht in dieser Debatte also definitiv um mehr als um zu viel Stochastik.