Die Kummerkästen Seiner Heiligkeit

In der Betreuung von Pilgern bewies man in Rom schon vor über 250 Jahren erstaunlichen Einfallsreichtum. Von Ulrich Nersinger
Der letzte päpstliche Kummerkasten an der Kirche San Salvatore.
Foto: Ulrich Nersinger | Der letzte päpstliche Kummerkasten an der Kirche San Salvatore.

Im Heiligen Jahr 1750 kam ein Papst auf eine ungewöhnliche Idee und setzte schon damals ein außerordentliches Zeichen gelebter Barmherzigkeit. Benedikt XIV. (1740–1758), mit bürgerlichem Namen Prospero Lambertini, saß in diesem Jubiläumsjahr auf dem Stuhl des heiligen Petrus. Der Papst war ein Mann universeller Bildung, von tiefer Frömmigkeit und großer Volksnähe. Bei den Bewohnern der Ewigen Stadt stand er in höchstem Ansehen, da er sie alle in ihren Anliegen und Sorgen ernst nahm.

Aber auch den zahlreichen Pilgern, die zum Heiligen Jahr nach Rom kamen, galt seine Fürsorge. In der ganzen Stadt ließ der Papst an Gotteshäusern und im Mauerwerk kirchlicher Gebäude steinerne Briefkästen anbringen. In Marmor gemeißelte Inschriften ermahnten Gastwirte, Besitzer von Pensionen und alle Römer, dort immer dann eine Mitteilung hineinzuwerfen, wenn sie von erkrankten oder in missliche Lage geratenen Pilgern wüssten. Die Betreuung der Kästen war der „Venerabile Confraternita della Divina Perseveranza“ anvertraut. Die Mitglieder der „Ehrwürdigen Bruderschaft der Göttlichen Beharrlichkeit“ leerten sie mehrmals am Tag, so dass die Kästen zu einer Art „Notrufsäulen“ des neunzehnten Jahrhunderts wurden.

Später begann man diese karitative Einrichtung, die dem Papst wichtig war, zu missdeuten und als „Denunzierkasten“ zu verunglimpfen. Zu Unrecht. Denn wer sich die Mühe macht, das Staatsarchiv Italiens oder das Vatikanische Geheimarchiv zu konsultieren, wird eines Besseren belehrt. In ihnen stößt man auf eine beeindruckende Zahl von Berichten, die Aufschluss darüber geben, wie viele Pilger dankbar für die päpstlichen Sonderbriefkästen waren. Die Wallfahrer bezeugten in Briefen den Erhalt von Almosen, warmen Speisen, kostenlosen Nachtlagern in Ordenshäuern und der Betreuung von Ärzten des Papstes und der kirchlichen Bruderschaften.

Oft muss man Vorurteile und Hindernisse beiseite räumen, um etwas richtig zu erkennen. So verhält es sich auch mit dem letzten existierenden Briefkasten des Jahres 1750 im historischen Zentrum der Ewigen Stadt. Er ist dort noch immer bei der Kirche San Salvatore in einer Mauer des Vicolo delle Coppelle vorhanden. Manchmal muss man eine große Mülltonne von der Wand des Vicolo verrücken oder hinter einen dicht an der Wand geparkten Lieferwagen schauen, um ihn in Augenschein zu nehmen – und etwas von der gelebten Barmherzigkeit in vergangenen Heiligen Jahren aus erster Hand zu erfahren.

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