Zwei Päpste – zwei Kurien

Franziskus und Benedikt XVI., wobei mancher rätselt, wer den seit sechs Jahren amtierenden Papst aus Lateinamerika so alles berät. Von Guido Horst

Der Titel ist missverständlich. Tatsächlich gibt es zurzeit zwei Nachfolger Petri hinter den Mauern des Vatikans. Der eine, Franziskus, amtiert, der andere, Benedikt, meditiert und schweigt. Aber wenn hier von „zwei Kurien“ die Rede ist, heißt das nicht, dass beide über einen Apparat von Mitarbeitern verfügen. Nein, gemeint sind die beiden Kurien, die Franziskus zuarbeiten. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat einen Privatsekretär – Erzbischof Georg Gänswein, der zugleich Präfekt des Päpstlichen Hauses von Franziskus ist – sowie einige Damen der geistlichen Gemeinschaft der „Memores Domini“, die ihm den Haushalt führen. Aber das ist keine Kurie. Alle zusammen sind im Klösterchen „Mater Ecclesiae“ in den vatikanischen Gärten untergebracht, das Johannes Paul II. 1994 eingeweiht hat und das zunächst von Ordensfrauen bewohnt war. Nach Umbauten im Kloster „Mater Ecclesiae“ kehrte „papa emerito“ Benedikt XVI. am 2. Mai 2013 aus Castel Gandolfo in den Vatikan zurück und bezog das Klostergebäude, wo er bis heute hin und wieder Besucher empfängt, unter anderem den amtierenden Papst Franziskus. Auch wickelt er hier nach wie vor seinen Schriftverkehr ab, aber dafür braucht man keine Kurie. Eine Schreibkraft reicht – und das ist immer noch Schwester Birgit Wansing, die die winzig kleine Schrift des emeritierten Papstes am besten lesen kann.

Also: die beiden „Kurien“ von Papst Franziskus. Das Wort „Kurie“ geht auf die alte Kurie der Römer zurück – das heißt den Senat. Recht gut erhalten ist der aus der Zeit von Kaiser Diokletian Anfang des vierten Jahrhunderts zurückgehende Sitz des Senats, der heute noch im „Forum Romanum“ auf der „Via sacra“ zu sehen ist. In der Verwaltung übernahm die frühe Kirche Roms Elemente der Zentralregierung des Römischen Reichs. Neben Sekretären und Notaren, die dem Papst zur Seite standen, mussten für die Leitung der Gesamtkirche weitere Institutionen geschaffen werden. Im elften Jahrhundert waren die Kardinäle mehr oder weniger zu den wichtigsten Mitarbeitern der Päpste geworden. Schließlich setzte sich die von dem Kirchenlehrer Petrus Damianus (1007–1072) erhobene Forderung durch, die römische Kirche müsse in ihrer Verwaltung die antike Kurie der Römer nachahmen. Daraus entwickelte sich dann die Kurie, so wie man sie heute kennt, das heißt der Vatikan mit seinen Dikasterien – sprich: Behörden –, mit den von Kardinälen geführten Kongregationen, den Päpstlichen Räten oder Vatikan-Gerichten beziehungsweise besonderen Institutionen wie dem Almosenamt oder dem Medien-Dikasterium. Letzteres wird übrigens heute von einem Laien, einem Profi-Journalisten und Fernseh-Fachmann geführt.

Mit der Kurienreform von Paul VI. im Jahr 1967 wurde das Staatssekretariat mit seinen beiden Sektionen für die innere Verwaltung und die Beziehungen zu den Staaten zum Herzstück der Kurie. Es ist das zentrale Exekutivorgan für die Verfügungen, die das Oberhaupt der Kirche trifft, und wird vom Kardinalstaatssekretär, zurzeit ist das der Italiener Pietro Kardinal Parolin, geführt. Bis zu Papst Franziskus koordinierte das Staatssekretariat alle offiziellen Akte und Auftritte der Päpste – von den Audienzen, den Reisen in Italien und ins Ausland über die Ansprachen und die Veröffentlichung von Lehrschreiben bis hin zur Generalaudienz und die Besuche der Päpste in den römischen Gemeinden.

Unter Franziskus hat sich das geändert. Nicht nur, dass er nach seiner Wahl nicht in den Apostolischen Palast eingezogen ist, sondern ein Stockwerk im vatikanischen Gästehaus Santa Marta neben der Audienzhalle bezog. Hier umgab er sich auch mit Vertrauten und einem engeren Beraterkreis, von dem viele rätseln, wer denn nun dazugehört. Zumal Franziskus ein fleißiger Telefonierer ist und nicht gesagt ist, dass alle, denen er Aufträge erteilt oder die er um Rat bittet, in Rom leben müssen.

Rückblick

  1. Päpstliche Orden und Auszeichnungen
  2. Beste Aussichten auf Rom
  3. Der Besuch einer Bar muss einfach sein
  4. Der Ringkuss auf dem Prüfstand
  5. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
  6. Wo die Herzen der Päpste ruhen
  7. Vergessene Sommerfrischen
  8. Die Bischöfin und der Reformer
  9. Wo Caesar zu Boden ging
  10. Als es in Rom drunter und drüber ging
  11. Kommentar: Der Grund der Hoffnung
  12. Eine Oase der Andacht
  13. Wo sich Himmel und Erde berührten
  14. Auf den Spuren einer extravaganten Frau
  15. Mit Paulus in Rom, der Ewigen Stadt
  16. Fotos von und mit dem Papst
  17. Die Kummerkästen Seiner Heiligkeit
  18. Die große Neuheit des Pontifikats
  19. Mit Volldampf nach Castel Gandolfo
  20. Erkundungen im Borgo
  21. Mit Caravaggio durch Rom, der etwas andere Pilgerweg für Kunstliebhaber
  22. Wie dreidimensional vor 430 Jahren
  23. Das Heilige Jahr der Beichte
  24. Die römische Kurie als Dauerbaustelle
  25. Im Schwalbennest am riesigen Dom
  26. Die grünen Herzen Roms
  27. Neros „Goldenes Haus“
  28. Ein „päpstlicher“ Bahnhof
  29. Alte Tradition für die Gegenwart
  30. Franziskus – ein Papst für die Armen und der Peripherie
  31. Das „Küken“, das den Obelisken trägt
  32. Ein Grabmal der besonderen Art
  33. Präfektur des Päpstlichen Hauses - Das Empfangskomitee seiner Heiligkeit
  34. Das Sträßchen der Rosenkränze
  35. Roms Uhren: Wem die Stunde schlägt
  36. Santa Maria della Vittoria - Maria zum Siege
  37. Der „Königsweg“ zum Papst
  38. Die Papstmessen: Wie sie ihren Anfang nahmen
  39. Was ist eine Basilika?
  40. Kommentar: Wenn die Synode ruft