Wo die Herzen der Päpste ruhen

Über einen alten Brauch in der Kirche Ss. Vincenzo e Anastasio beim Trevibrunnen. Von Ulrich Nersinger

Kirche Ss. Vicenzo e Anastasio am Trevibrunnen.
Von 1590 bis 1903 wurden hier die Herzen und die inneren Organe der Päpste bestattet: In der Kirche Ss. Vicenzo e Anastasio am Trevibrunnen. Foto: Archiv

Wer Roms wohl berühmtestem Brunnen, der „Fontana di Trevi“, einen Besuch abstattet, wird zur Rechten des vielbesuchten Platzes, auf dem er sich befindet, eine Kirche wahrnehmen. Schon im zehnten Jahrhundert stand an dieser Stelle ein kleines Gotteshaus. Eine Bulle Papst Johannes' XII. aus dem Jahre 962 kennt es unter dem Namen „S. Anastasio“ als eine der Filialkirchen von San Silvestro in Capite, später wurde das Patronat der Kirche um San Vincenzo erweitert. Sein heutiges Aussehen verdankt das Gotteshaus umfassenden Baumaßnahmen, die Kardinal Jules Mazarin zum Heiligen Jahr 1650 vornehmen ließ. Der französische Purpurträger und Staatsmann hatte nie eine römische Diakonie oder Pfarrei als Titel in Besitz genommen. Er erwählte sich Ss. Vincenzo e Anastasio zur „Kardinalskirche“ – und als Grablege für seine aus Italien stammende Familie. Die Kirche zeigt viele offene und versteckte Anspielungen auf Mazarin und Frankreich, so das Wappen des Kardinals: ein Liktorenbündel und ein Querband mit drei Sternen. Für die Frauenbüste an der Außenfassade der Kirche soll die Nichte der Eminenz, Maria Mancini, eine Mätresse Ludwigs XIV., Modell gestanden haben. Als sich die Päpste gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts auf dem Quirinalshügel eine weitere Residenz erbaut hatten, war Ss. Vincenzo e Anastasio zur päpstlichen Pfarrei erhoben worden. Sixtus V. (1585–1590) hatte bestimmt, dass in dieser Kirche die „Praecordia“, das Herz und die Eingeweide eines jeden verstorbenen Papstes, in Zinkbehältern beizusetzen seien. Fast 53 Jahre später errichtete Leo XII. (1823–1829) im Quirinalspalast selbst eine Pfarrei; er legte jedoch eigens fest, dass die „Praecordia“ weiterhin in Ss. Vincenzo e Anastasio aufbewahrt werden sollten. Wenn der päpstliche Leibarzt den Tod des Pontifex festgestellt hatte, wurden dem Leichnam des Verstorbenen das Herz und die inneren Organe entnommen und in ein Gefäß gelegt. Das aus Zink bestehende Behältnis verschloss man sorgfältig und versah es mit den Siegeln des Kardinalkämmerers der Heiligen Römischen Kirche und des Präfekten der Apostolischen Sakristei. Die Aufgabe, die „Praecordia“ in die Kirche von Ss. Vincenzo e Anastasio zu überführen, kam dem ersten Geheimkaplan des Papstes zu. Eine Abteilung der aristokratischen Leibgarde des Pontifex, die laut ihrem Reglement bis zur Beisetzung ihres obersten Dienstherrn nicht von dessen sterblichen Überresten zu weichen hatte, gab das Ehrengeleit.

Die letzten in Ss. Vincenzo e Anastasio beigesetzten Praecordia eines Papstes sind die von Leo XIII. (1878–1903). Pius X. (1903–1914) verfügte dann, diesen Brauch nicht weiter fortzusetzen. Im Chor des Gotteshauses, an der rechten Seitenwand, befindet sich eine große Marmortafel, die dem Besucher in lateinischer Sprache mitteilt, von wessen Oberhirten der katholischen Kirche an dieser Stelle die „Praecordia“ beigesetzt sind.

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