Ein Anziehungspunkt

Priesterseminar Leopoldinum und Hochschule Benedikt XVI.: Räumliche Nähe und harmonische Ergänzung. Von Mag. Theol. Martin Leitner

Vereint im Studium des Glaubens: Seminaristen und Laienstudenten.
Vereint im Studium des Glaubens: Seminaristen und Laienstudenten. Foto: Susanne Hammerle

Über das Priesterseminar Leopoldinum in Heiligenkreuz, seit 2007 als Überdiözesanes Seminar unter Aufsicht der Österreichischen Bischofskonferenz geführt, hervorgegangen aus dem Collegium Rudolphinum, das unter Leitung des Bistums Regensburg stand, ist anlässlich des 40-jährigen Bestehens vor drei Jahren viel geschrieben worden. Dieser Artikel soll das Miteinander und Zueinander von Priesterseminar und Hochschule beleuchten, wie es sich in diesen mehr als vier Jahrzehnten des gemeinsamen Bestehens entwickelt hat.

Wer heute den Campus der Hochschule Benedikt XVI. betritt, sieht einen einladenden Innenhof, gepflegte Gartenbeete, saubere Fassaden. Prägend und gleichsam als Mitte des Areals die Statue der Jungfrau Maria, der großen Schutzfrau und Fürsprecherin. Ebenso prägend die überlebensgroße Bronze-Skulptur von Papst Benedikt XVI., der einladend die Hand öffnet, um den Studierenden den Weg in die Aula der Hochschule zu weisen.

Fast versteckt in der linken Ecke findet man über einer Eingangstüre aber auch die Aufschrift „Priesterseminar Leopoldinum“. Schon im baulichen Befund zeigt sich das Miteinander, vor allem auch die räumliche Nähe von Seminar und Hochschule. Dies bedeutet für die Seminaristen kurze Wegstrecken zwischen Kapelle und Hörsaal, zwischen Institutsraum und Refektorium, zwischen Rektorat und eigenem Wohnraum.

Betritt man das Priesterseminar durch die genannte Türe, so gelangt man sogleich zum „Herz des Seminars“, der Katharinenkapelle. Seit 2002 ist sie der Ort des gemeinsamen Betens und Feierns der Seminaristen, aber auch der Studierenden der Hochschule. Seit mehr als drei Jahren wird Montag für Montag die Hl. Messe aus der Katharinenkapelle auch live in verschiedenen Medien übertragen, etwas später begann die wöchentliche Anbetung „Wir beten für Sie“ am Dienstagnachmittag, getragen von den Studenten, ebenso live über Fernsehen, Radio oder Livestream zu verfolgen. Was sich heute im Miteinander und Zueinander der derzeit 36 Seminaristen aus 20 verschiedenen Seminaren beziehungsweise Ordensgemeinschaften aus vier Kontinenten und der weiteren etwa 260 Studierenden, darunter mehr als 120 Priesteramtskandidaten, abbildet, lässt ein wenig auf das Entstehen von philosophisch-theologischer Hochschule und Priesterseminar zurückblicken.

Wertschätzung für die Berufungen

Die Etablierung eines „Studienhauses“ für Spätberufene durch den damaligen Regensburger Bischof Rudolph Graber im Jahr 1975 setzte den Anfang. Die kleine Hauslehranstalt der Zisterzienser, seit 1802 in Heiligenkreuz in Betrieb, erhielt so einen neuen Schwung. Wäre Bischof Graber nicht mit seinen Seminaristen nach Heiligenkreuz gekommen, wer weiß, ob die Hochschule heute noch existierte.

Der alte Kindergarten der Gemeinde Heiligenkreuz wurde adaptiert, er ist heute noch das Hauptgebäude des Priesterseminars, in dem Speisesaal, Frühstücksraum, Direktion und Sekretariat sowie die Wohnung des Vizedirektors und einige Seminaristenzimmer vorzufinden sind. Aus dem ehemaligen Meierhof des Stiftes wurde ein Trakt ebenfalls für Seminaristenzimmer adaptiert, ein weiterer Teil für die Hörsäle und andere Räumlichkeiten der Hochschule. Eine Luftaufnahme aus den 60er Jahren, die heute im 1. Stock der Hochschule zu betrachten ist, zeigt noch gut, wie viel Arbeit und Einsatz nötig waren, um diesen Anfang 1975 und die Jahre danach zu bewerkstelligen. Unzählige Generationen an Seminaristen haben diese Mauern schon erlebt. Eine stetige Zahl von etwa 20–25 Seminaristen wurde in den Jahren von Direktor Herrmanns, danach P. Michael Hösl CP im Collegium Rudolphinum betreut. Ich durfte von 1994 bis 1996 einer davon sein, der als Kandidat des Wiener Priesterseminars in Heiligenkreuz studierte.

Schon in den Jahren, die ich selbst als Student in Heiligenkreuz verbringen durfte (zuerst als Mitglied des Collegium Sanctissimae Trinitatis in Mayerling, dann als freier Student, zuletzt eben als Angehöriger des Collegium Rudolphinum) war ich beeindruckt von der Wertschätzung, welche die Professoren den Seminaristen und ihrer Berufung entgegenbrachten. Auch die Seminaristen heute schätzen dieses Klima an der Hochschule. Sie schätzen es, dass sie „katholisch sein dürfen“, dass es Respekt gibt vor der hohen Berufung, die ihnen der Herr zuteilwerden lässt. Ich persönlich darf auf eine Gesamtzahl an Studierenden in den 90er Jahren von etwa 50–60 zurückblicken. Ich erinnere mich sehr gerne an die Vorlesungen der Dogmatik eines damals noch „jungen Paters“, der 1988 geweiht wurde und in den 90er Jahren „Sub auspicis Praesidentis“ an der Uni Wien promovierte, P. Karl Wallner OCist. Als ich zu Weihnachten 1988 „Kloster auf Zeit“ in Heiligenkreuz machte, lernte ich diesen quirligen, fröhlichen Menschen kennen, der nie um eine humoristische Antwort verlegen war. So manche seiner Predigten als Neupriester sind mir gut in Erinnerung, wo er mit markigen Formulierungen die Menschen aufrüttelte. Es gehört schon Einfallsreichtum dazu, die Beichtstühle der Kirche als „Schönheitssalons“ zu bezeichnen! P. Karl legte in meine Hände das Pfadfinderversprechen ab, ich absolvierte bei ihm 1997 meine Diplomprüfung.

1999 übernahm er das Amt des Rektors der Hochschule. Durch sein Wirken, seinen Einsatz, seine Unermüdlichkeit ist jenes kleine Wunder möglich geworden, auf das wir heute in Heiligenkreuz dankbar schauen können. Stetig steigende Hörerzahlen an der Hochschule ab der Jahrtausendwende zeugen von diesem Wirken des Rektors und aller, die in diesen Jahren in Hochschule und Seminar ihren Beitrag dazu geleistet haben. Unbestrittener Höhepunkt war selbstverständlich der Besuch von Papst Benedikt XVI. am 9. September 2007 in Heiligenkreuz.

Das Jahr 2007 war zugleich aber auch das Jahr der großen Veränderungen auch im Collegium Rudolphinum. Die Patronanz durch das Bistum Regensburg endete, das Überdiözesane Priesterseminar Leopoldinum wurde gegründet, mit Statuten versehen und unter dem Protektorat dreier Diözesanbischöfe (Wien, St. Pölten, Graz-Seckau) mit dem Abt des Stiftes Heiligenkreuz als Ordinarius etabliert. Nach zwei Zisterziensern (P. Alkuin Schachenmayr OCist und P. Pirmin Holzschuh OCist) und dem Passionistenpater Anton Lässer CP wurde mir die Leitung des Priesterseminars mit Wintersemester 2016 übertragen, nachdem ich bereits ab 2008 als Spiritual regelmäßig das Haus besucht und die Seminaristen betreut hatte. Was ich selbst als Seminarist in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts erfahren habe, das setzt sich kontinuierlich fort. Wenngleich die Zahl der Studierenden heute fünfmal so hoch ist wie zu meiner Studienzeit, ebenso die Zahl der Seminaristen im Leopoldinum sich fast verdoppelt hat, wenn auch die Zahl der Hörsäle gestiegen ist, die technische Ausstattung unvergleichbar höher und die Möglichkeiten für die Studierenden ungleich größer geworden sind, der Charakter einer Hochschule und eines Priesterseminars, die gemeinsam wie eine große Familie funktionieren ist heute wie damals spürbar.

Heute sind es drei Wohneinheiten, die zum Priesterseminar gehören, der „Altbau“ (das Hauptgebäude), der „Hochschultrakt“ und das „Haus Pax“, das vor nunmehr drei Jahren von Kurienkardinal Müller gesegnet und seiner Bestimmung übergeben wurde. Die räumliche Nähe gibt den Seminaristen die Möglichkeit, sich über den normalen Vorlesungsbetrieb hinaus intensiv an den Aktivitäten der Hochschule zu beteiligen. So wechseln sich Studenten und Seminaristen beim Dienst im Fernsehstudio während der Live-Übertragungen ab, sind es Studierende und Seminaristen gemeinsam, die den Ministrantendienst bei der „Montagsmesse“ übernehmen oder ihren Einsatz leisten bei Festen und Feiern, bei Tagungen und größeren Veranstaltungen. Seminaristen und Studierende arbeiten als „Schutzengel“ für Gastprofessoren, übernehmen Chauffeursdienste und Flughafentransfer, führen durch Hochschule und Priesterseminar an Tagen der Offenen Türe oder bei Patenfesten, wo all jenen unzähligen Wohltätern gedankt wird, die durch ihr Gebet und ihre finanzielle Unterstützung den Betrieb des Seminars und der Hochschule mittragen und es möglich machen, dass auch Seminaristen als Ländern bei uns studieren können, für die ein Aufenthalt in Österreich und ein Studium finanziell sonst nicht leistbar wäre.

Wir dürfen heute auf über 300 Studierende an der Hochschule schauen, auf ein Priesterseminar mit stetig steigender Anzahl an Seminaristen (im Wintersemester wird die 40er Zahl erreicht). Wir dürfen auf ein Miteinander schauen, das den Seminaristen aufgrund der räumlichen Nähe Möglichkeiten eröffnet, die anderweitig nicht vorhanden sind, zugleich aber auch der Hochschule eine Strahlkraft als Priesterausbildungsstätte verleiht, die anziehend ist für junge Menschen aus aller Welt.

Der Autor ist Direktor des Überdiözesanen Priesterseminars Leopoldinum.

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