Hochschule als Familie

Ein Einblick in das Leben eines Studenten: Marcel Urban, 25 Jahre alt, studiert Theologie an der Hochschule Heiligenkreuz

Marcel Urban mit Studenten der Hochschule Heiligenkreuz
Marcel Urban (2.v.r.) ist überzeugt: Heiligenkreuz ist nicht nur Hochschule, sondern auch eine Lebensschule für die heutige Zeit.
Marcel Urban mit Studenten der Hochschule Heiligenkreuz
Marcel Urban (2.v.r.) ist überzeugt: Heiligenkreuz ist nicht nur Hochschule, sondern auch eine Lebensschule für die heut...

Ich dachte, dass ich hier, umgeben vom Wienerwald, eine ruhige und zugegeben etwas langweilige Studienzeit erleben werde – mitten in der Natur und etwas abgeschnitten von der Außenwelt. Ich hatte nicht wirklich eine Verbindung zu diesem Ort. Bei einem Kongress hatte ich den Vortrag von einem Priester, der anscheinend Rektor der Hochschule Heiligenkreuz ist, gehört. Mehr wusste ich darüber nicht. Dass ich dort jemals studieren würde, hätte ich mir bis dahin niemals vorstellen können.

Wie kam ich als Deutscher überhaupt an diesen Ort? Ein Seminarist aus meiner Heimatstadt in Deutschland riet mir dazu, niemals Theologie zu studieren, wenn ich nicht Priester werden möchte. So entschied ich mich eine Woche später, mitten in der heißen Prüfungsphase meiner Abiturprüfungen dazu, meine Pläne, Wirtschaft zu studieren, über Bord zu werfen und genau das zu machen, wozu mir der Priesteramtsanwärter nicht geraten hatte: Theologie zu studieren. Auf einer Informationsveranstaltung meiner Diözese über die Berufe in der Kirche hatte ich sofort Feuer für die Jugendarbeit gefangen. Ich hatte selbst nicht wirklich eine vorbildliche Jugend geführt und wollte anderen helfen, dass auch sie noch die Kurve kriegen können. So war mein ursprünglicher Plan, Theologie zu studieren, um anschließend der Kirche als Pastoralreferent zu dienen.

Prof. P. Dr. Karl Wallner OCist, dessen Name sich im Laufe meines Studiums zu „P. Karl“ verkürzt hatte, war etwas verwundert darüber, dass ich ausgerechnet in Heiligenkreuz studieren wollte. In erster Linie war und ist dieser Ort eine Ausbildungsstätte für Priester. Als ich beim Vorstellungsgespräch die vielen jungen Theologiestudenten sah, war ich mir sicher, dass ich selten so viele Menschen an einem Ort gesehen habe, die für den Herrn brennen und sich ganz in seinen Dienst stellen möchten. Was viele nicht wissen – und ich wusste das damals auch nicht – ist, dass P. Karl Gemeinschaften für männliche Studenten der Hochschule geschaffen hat. Dort gibt es die Möglichkeit zum Stundengebet und zur täglichen heiligen Messe. Der Studentenseelsorger, ein Priester des Stiftes Heiligenkreuz, begleitet die Männer auf der Suche nach ihrer Berufung. Er kommt dazu in die Studentenheime, um dort das Allerheiligste auszusetzen, gemeinsam zu beten und während der Anbetung das Sakrament der Versöhnung anzubieten. Danach saßen wir dann immer zusammen und er erzählte von seinen Erlebnissen als Priester.

Ich durfte Teil einer dieser Studentengemeinschaften werden und hatte jede Woche einen anderen Dienst im Haus zu übernehmen. So lernte ich, wie aus den gespendeten Lebensmitteln, die sonst von den Supermärkten entsorgt werden, ein Abendessen für die Gemeinschaft zubereitet wird. Andere hatten in der Woche den Liturgie- oder Putzdienst und die Erstsemestler bekamen die „Älteren“ bei den Diensten immer zur Seite gestellt.

Für die Studenten, die weder im Priesterseminar noch im Kloster oder in einer Studentengemeinschaft sind, hat der Studentenseelsorger an der Hochschule ein Zimmer für Beichte und geistliche Gespräche zur Verfügung, das erst umgebaut werden musste, damit auch die Wartenden Plätze haben. Ein damaliger Mitbewohner – und mittlerweile Absolvent – gründete nach dem Studium in Klagenfurt eine Studentengemeinschaft mit dem Namen „Oremus-WG“ nach dem Vorbild, wie er es in Heiligenkreuz mitgelebt hat. Als Ort dient ihm ein leer stehender Pfarrhof und er träumt davon, dass es an vielen weiteren Universitätsstädten solche Orte der Berufungsfindung gibt. Allein in meiner vierjährigen Zeit in Mayerling sind aus meiner Hausgemeinschaft vier Kommilitonen in das Stift Heiligenkreuz eingetreten, zwei weitere sind bereits als Diözesanpriester tätig und sieben Seminaristen befinden sich noch in der Ausbildung.

Nach dem Studienjahr musste ich in meinem Studium pausieren und zurück nach Deutschland ziehen, um mich dort gemeinsam mit meiner Mutter um meinen krebskranken Vater zu kümmern. Nach seinem Tod wusste ich es sehr zu schätzen, dass ich mein Studium an der Hochschule ohne Probleme fortsetzen konnte. Ich kam wieder und hatte das Gefühl, nie weg gewesen zu sein. Die herzliche Atmosphäre, die Professoren, die am Abend die Studentenheime besuchten, um mit ihnen zu plaudern oder mit ihnen in der Mittagspause zusammenzusitzen – es hat seinen Charme von einer Oase nicht verloren. Eine Oase, in der ich eine hohe Theologie lernen, meine persönliche Beziehung zum Herrn vertiefen und die Freude am Glauben in einem wunderschönen Klima leben kann. Für uns Studenten war immer klar, dass die Hochschule zwar unsere Basis ist, Glaubensverkündigung aber immer dazugehört. Inspiriert vom heiligen Philipp Neri verstanden wir, dass Mission schon nach der eigenen Fußmatte beginnt, so wie der humorvolle Heilige erfahren hatte, dass „sein Indien“ Rom ist. Die Studenten suchen daher immer wieder gezielt den Kontakt mit den Bewohnern aus dem Ort selbst – ob bei Hausbesuchen oder bei der Freiwilligen Feuerwehr.

Ich stehe jetzt kurz vor dem Ende meines Studiums und hatte dafür meinen Freundeskreis in meiner Heimat aufgegeben, um einen noch viel größeren geschenkt zu bekommen. Ein Freundeskreis, der vor allem aus Priestern und Seminaristen besteht, die in Österreich, Deutschland, der Schweiz, aber auch an anderen Orten der Welt wirken werden. Natürlich haben mich vor allem die Kommilitonen beeindruckt, die parallel zu ihrem Studium Chinesisch gelernt haben, um von ihrer Gemeinschaft aus dort den Glauben weiterzugeben. Für mich sind die Lehrenden an der Hochschule, die alle kein Gehalt bekommen und für Gotteslohn lehren, nicht nur Professoren. Sie sind Vorbilder, die das vorleben, was sie lehren. Männer und Frauen, die sich Tag für Tag vor dem Herrn kleinmachen und wahrlich eine knieende Theologie vermitteln. Das sind die Professoren, zu denen wir Studenten aufblicken dürfen.

Am Beginn meines Studiums studierten noch 200 Studenten, jetzt sind es mehr als 300. Während meiner Zeit in Heiligenkreuz musste P. Karl Spenden sammeln, um die Hochschule erweitern zu können, um mehr Studenten das Studium ermöglichen zu können. Ich erlebte nicht nur den Ausbau des Hochschulgebäudes, sondern auch den Erweiterungsbau des überdiözesanen Priesterseminars Leopoldinum. P. Karl war es immer wichtig, dass nicht Priester für das 20. Jahrhundert, sondern für das 21. Jahrhundert ausgebildet werden. So gründete er das Medienzentrum „Studio 1133“. Zum einen werden die Studenten professionell geschult, um die Medien zu nutzen und mit ihnen umzugehen. Zum anderen ist es eines der modernsten Medienapostolate des deutschen Sprachraums. So wird zum Beispiel die Montagsmesse der Studenten jede Woche live im Fernsehen, Radio oder über Livestream übertragen. Diese Möglichkeit der Teilnahme an der hl. Messe nutzen über 35 000 Menschen.

P. Karl hat nicht nur eine Hochschule, sondern damit auch eine Lebensschule für die heutige Zeit aufgebaut, die den jungen Studenten die Möglichkeit gibt, an ihrer Persönlichkeit zu reifen, in ihrem Glauben gestärkt zu werden und vor allem eine qualitative Theologie studieren zu können, um für die Mission in der Welt vorbereitet zu sein. Selbstverständlich werde ich wehmütig, wenn ich daran denke, dass P. Karl nun nicht mehr Rektor der Hochschule ist. Er kannte nicht nur alle Studenten beim Namen, sondern auch deren Weg, Zweifel und Sorgen. P. Karl hat uns Studenten geprägt und uns wie ein Vater auf unserem Weg des Studiums begleitet. Nach allem, was er aufgebaut hat, verlor er nie seine Demut, Einfachheit und Bescheidenheit. Er sah alles nie als sein Werk, sondern als Wunder Gottes an. Nun ist es die Aufgabe von P. Johannes Paul Chavanne OCist, der jetzt für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, Spenden zum Fortbestand der Hochschule zu sammeln. Es ist weder der Kirchenbeitrag noch ein Zuschuss des Staates, sondern die kleine Spende der Gläubigen, die gemeinsam diese kostbare Hochschule am Leben erhält. Ich freue mich daher für das Team von Missio Österreich, dass P. Karl nun dort als Nationaldirektor eine neue Aufgabe erhalten hat. Alle Studenten der Hochschule haben P. Karl etwas zu verdanken, ob es allgemein die Hochschule als Oase des Glaubens ist oder ob es ein persönliches Gespräch war – er war für uns immer da, wenn wir ihn brauchten, und wir werden ihn mit unserem Gebet auf seinem weiteren Weg begleiten.

Lieber P. Karl, großes Vergelt's Gott für alles, was Du für uns Studenten geleistet hast. Dank Dir ist die Hochschule nicht nur ein Gebäude, sondern auch eine Familie geworden.

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