„Expedition nach der Wahrheit“

Zum Auftrag der Heiligenkreuzer Hochschule. Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

Bibliothek der Hochschule Heiligenkreuz.
Der Herr ist unsere Aufklärung. Diese zu betreiben, ungeachtet und gerade wegen des religiösen Zwielichts in der gegenwärtigen Kultur, ist Auftrag der Hochschule Heiligenkreuz. Foto: Susanne Hammerle

Sobald wir uns genau und gründlich über irgendein vielseitiges kompliziertes Thema unterrichten wollen, müssen wir uns an den lebendigen Menschen wenden und seine lebendige Stimme hören. (...) Vielleicht liegt es daran, dass kein Buch den Geist und die Feinheit seines Gegenstandes mit jener Schnelligkeit und Sicherheit wiedergeben kann, die allein der unmittelbaren Verbindung von Geist zu Geist vorbehalten ist, wo Auge, Blick, Ton und Gebärde die flüchtigste Äußerung und die ungesuchte Wendung im Gespräch beleben und erhellen.“

So der große Theologe John Henry Newman, den Papst Benedikt XVI. 2010 seligsprach, in seinem Essay von 1854 zur Frage „Was ist eine Universität?“, als in Dublin eine Katholische Universität gegründet werden sollte. Nach der Erfahrung des Oxford-Gelehrten genügen Bücher – oder heute: elektronische Medien, Skype, Tele-Lernen, Fern-Universitäten – nicht, um in das vielfältige und verworrene Gewebe des Daseins einzuführen, es bedarf des lebendigen Wortes, welches das zeugende Gespräch anleitet, ja, es bedarf des lebendigen Lehrers, der mit seiner Person einsteht – wofür? Sinnvoll ist nur die Antwort: für Wahrheit.

Seit Athen der Welt die Wahrheitssuche schenkte, gibt es auch den Ort, der ihr den Namen gab, Es war ein Ort, etwas abseits der Stadt gelegen in einem Hain, der einem Gott geweiht war: Akademos. Darin gab es Unterricht, Gespräch, kämpferische Streitrede und zuhörenden Gehorsam, Schüler und Lehrer des Wortes, das logos hieß im Unterscheid zu den Mythen und den wirren Meinungen des Volkes. Seitdem gibt es auch die „Expedition nach der Wahrheit“: Das Reizwort stammt von Franz Kafka in seinem berühmten „Bericht über eine Akademie“.

Abseits der Großstadt liegt auch die einzige Zisterzienser-Hochschule der Welt, mitten im Wienerwald. Aber sie zieht nicht allein aus Wein, sondern aus vielen europäischen Ländern Studierende an, darunter die auffällig vielen Theologiestudenten, die Priester werden oder in einen Orden eintreten wollen, so dass Heiligenkreuz zur größten deutschsprachigen Ausbildungsstätte für Priesteramtskandidaten in Europa geworden ist. Woher stammt diese erstaunliche Dynamik? Nach dem Willen ihres Patrons, des Papstes Benedikt XVI. (häufig liebevoll B16 genannt) treffen sich in der Hochschule Heiligenkreuz Wissenschaft und Christentum, Intellektualität und Glaube: in der redlichen Wahrheitssuche. Denn das gegenseitige Sich-Aussetzen von Wissenschaft und Glauben ist unbedingt nötig, freilich mit einem dringlichen Anspruch an die christliche Seite: das zu sagen, was sich die Wissenschaft nicht selbst geben kann. Und zwar soll der Glaube es nicht bloß probehalber mit der „Wissenschaft“ versuchen und diese einmal gönnerhaft mit dem Glauben.

Papst Benedikt, der Namensgeber der Hochschule, der sie 2007 durch seinen Besuch auszeichnete, ist in einer sitzenden Bronzefigur am Eingang zu den Hörsälen durch den Künstlermönch P. Raphael Statt OCist vergegenwärtigt. Er hat in seinem Lebenswerk die Aufgabe vorgezeichnet, die die Hochschule anzupacken hat. Daher ein kurzer Blick auf Benedikts Einsicht, die bis nach Athen und zugleich bis nach Jerusalem zurückführt und die der heutigen Hochschule das Maß vorgibt.

Wie vernünftig darf der Glaube sein?

In dem erfolgreichen Buch des Tübinger Professors Ratzinger, Einführung in das Christentum von 1968, lautet eine Überschrift „Die Vernunft des Glaubens“. Dieses Thema wurde schon in der Antrittsvorlesung des jungen Bonner Fundamentaltheologen 1960 intoniert, die einen fulminanten Widerspruch gegen die damals übliche Enthellenisierung des Neuen Testaments einlegt: „(...) die von den Kirchenvätern vollzogene Synthese des biblischen Glaubens mit dem hellenistischen Geist als dem damaligen Repräsentanten des philosophischen Geistes überhaupt (war) nicht nur legitim, sondern notwendig (...), um den vollen Anspruch und den ganzen Ernst des biblischen Glaubens zum Ausdruck zu bringen. Dieser volle Anspruch beruht ja gerade darauf, dass es den Bindestrich zum vorreligiösen, philosophischen Gottesbegriff gibt.“

Noch herausfordernder: „Religion, die nicht rationalisierbar ist, kann im Grunde auch nicht dogmatisch sein, wenn anders Dogma eine rationale Aussage über religiöse Gehalte sein soll.“ Jahrzehnte später wird Papst Benedikt XVI. das Wort des Alten Testaments vom „Vorhof der Völker“ aufgreifen. Dieser Vorhof erschloss den nichtjüdischen Pilgern guten Willens einen zugänglichen Bereich vor dem unbetretbaren Heiligtum des Jerusalemer Tempels. Das programmatische Wort verweist deutlich auf Ratzingers Überzeugung von einem in seiner Tiefe transzendenzoffenen Denken. Gibt es doch „keine große Philosophie, die nicht von der religiösen Überlieferung her Erhellungen und Wegweisungen empfangen hätte, ob wir an die Philosophien Griechenlands und Indiens denken oder an die Philosophie, die im Inneren des Christentums sich entfaltet hat, oder auch an neuzeitliche Philosophien, die von der Autonomie der Vernunft überzeugt waren und diese Autonomie der Vernunft als letzten Maßstab des Denkens einschätzten.“ (Glaube – Wahrheit – Toleranz, 2003).

Der Vorhof der Völker könnte daher – mit einer großen und großzügigen Füllung des Begriffs – ebenso „Vorhof der Vernunft“ heißen. Getragen ist die Zuversicht des Papstes auf einen gemeinsamen Denk-Raum von einem schönen (anonymen) Wort: „Alle Lampen Griechenlands brennen für die Sonne, die Christus heißt.“

Ein solches Vertrauen auf die gemeinsame Vernunft vor der Schwelle des Heiligen mag erstaunen; es enthält jedoch letztlich verhüllt den Kern christlicher Lehre vom Logos. Denn der Logos zerstört zwar die menschlichen logoi, das Wort sprengt die Wörter, so wussten die Väter, aber, menschgeworden, befruchtet er sie auch, ja spornt sie an und setzt sie frei. Schon die vier Evangelien und die Apostelbriefe sind Versuche, den Unfasslichen doch zu fassen. Für diese parrhesia, die paulinische Zuversicht, stand bereits ein Instrumentarium zur Fassung bereit: die großen Denkanstrengungen der griechischen Philosophen und ihrer durchgebildeten Sprache.

Diese Erkenntnisse ließen sich fruchtbar mit dem „neuen Weg“, dem ersten Namen für den neuen Glauben, verbinden. „In diesem Sachverhalt gründet auch das durch nichts aufzuhebende Recht des Griechischen im Christlichen. Ich bin der Überzeugung, dass es im tiefsten kein bloßer Zufall war, dass die christliche Botschaft bei ihrer Gestaltwerdung zuerst in die griechische Welt eintrat und sich hier mit der Frage nach dem Verstehen, nach der Wahrheit verschmolzen hat.“ (Einführung in das Christentum)

Theologie im Knien, nicht im Sitzen

Soweit der Namensgeber der Hochschule. Die Heiligenkreuzer Hochschule nimmt solche Einsichten ernst – daraus mag sich ihre Anziehungskraft erklären. Tun das aber nicht auch andere theologische Fakultäten weltweit? Selbstverständlich, in je anderer Weise. Und dennoch gibt es noch einen Unterschied, der nachdenklich machen muss für alle, die sich mit stagnierenden Studentenzahlen herumschlagen.

Denn die Denkanstrengungen sind eingebettet in etwas, was eine Universität normalerweise nicht leisten kann. Theologie wird üblicherweise in der Perspektive des Denkens, des Beobachtens betrieben, und das ist richtig so. Aber sie wird nicht (mehr) in der Perspektive des Beteiligten, des Ergriffenen, des Glaubenden vollzogen, und das ist fragwürdig. Schon Franziskus von Assisi war der Überlieferung nach gegen ein Theologiestudium seiner Brüder mit der Begründung: Theologie müsse auf den Knien und nicht im Sitzen betrieben werden. Und so gibt es hier die große Möglichkeit des Klosters: in das Stundengebet einzuladen, morgens, mittags und abends nach der Arbeit mit dem Kopf. Und dazu muss man nur zwei Höfe überqueren, um in das sammelnde Dunkel und die Kühle der wunderbaren romanischen Kirche im Sommer oder in die bergende kleinere Bernhardi-Kapelle im Winter einzutreten und sich dem tragenden Rhythmus des lateinischen Chorals zu überlassen. Eine betende Theologie – denn hier stehen gerade auch die Professoren, die Dozenten, die zuvor am Pult standen, nun im Chorgestühl. Und so ergänzen, vielmehr befruchten sich Kopf und Herz zu einer betend denkenden Theologie. Diese Besonderheit ist in der Tat fast einzigartig. Sie hat Heiligenkreuz nicht selten auch den unterschwelligen Vorwurf des „Konservativen“ eingebracht. Man sollte dagegen jedoch fragen, ob sich die häufig geübte deutliche Distanz „kritischer Theologie“ zu ihrem Stoff nicht als deutliche Abkühlung des Glaubens an das Gesagte niederschlägt, als eine Art „saurer Regen“, der kein wirkliches Verhältnis zum biblischen Wahrheitsanspruch aufkommen lässt.

Es gibt eine Herausforderung der Hochschule, der sie nicht ausweichen kann: Sie muss viele ansprechen, die Voraussetzungen zur Teilnahme breit formulieren; damit wird sie auf die vielen Varianten des Zeitgeistes stoßen. Gerade wo viele sind, entsteht aber gerne ein Vielerlei. Wo Relatives aufeinandertrifft, bleiben oft nur ermüdend ausgetauschte Meinungen. Wahrheit wird relativ. Dagegen hilft auch hier nur, sich dieses Sachverhalts bewusst zu sein und sehenden Auges in den Drachenwald der Subjektivität, Pluralität, des Nihilismus und aufgeklärten Relativismus zu gehen. Immerhin sind die Drachen bekannt, dann lässt sich auch Kraft dagegen setzen. Diese Kraft lautet hier: die Annahme katholischer Dogmatik. Nämlich im Sinn Guardinis: „Der dogmatische Gedanke macht frei von der Knechtschaft des Gemütes, von der Verschwommenheit und Trägheit des Gefühls.“ (Vom Geist der Liturgie)

So sieht die Hochschule es nicht als Aufgabe, vor dem Gewinnen eines Maßstabes zurückzuschrecken, vielmehr ihn groß genug aufzuzeigen und sich letztlich selbst darunterzustellen. Ein solcher Maßstab kann nur die Wahrheit sein. Und Wahrheit lässt sich konkreter denn je ablesen an der Offenheit oder Taubheit für das Göttliche. Offenbar öffnet die Hochschule jungen Leuten den Sinn dafür – das zeigt sich in den Berufungen. Dass Wahrheit sich in Auge, Blick, Ton, kurz, im lebendigen Menschen (hier in den Mönchen selbst) vermittelt, wie Newman sagte, ist die „Hausmacht“ der Hochschule, auf die sie baut. Über dem Eingang zur Universität Oxford steht das Psalmwort: Dominus illuminatio nostra, der Herr ist unsere Erleuchtung. Man könnte auch übersetzen: Der Herr ist unsere Aufklärung. Diese zu betreiben, ungeachtet und gerade wegen des religiösen Zwielichts in der gegenwärtigen Kultur, ist Auftrag der Hochschule Heiligenkreuz.

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