Camboriú / Nova Trento (Brasilien)

Für neue Zuversicht

Brasiliens erste Heilige, Santa Paulina, hat jetzt ihren eigenen Pilgerweg. Der bietet Urwald, Weinberge - und italienisches Flair.

Die der Heiligen gewidmete Wallfahrtskirche in den bewaldeten Hügeln von Nova Trento ist ein Besuchermagnet. Foto: Horat

Brasilianer sind – und waren seit jeher – Fans des Jakobs-Pilgerweges im Norden Spaniens. Und sie waren insgeheim wohl auch etwas neidisch auf diesen Pfad und die Möglichkeit, ein gemachtes Versprechen einzulösen. Denn während uns heutige Europäer Wallfahrtsgelübde eher an Mittelalter, Pestzeiten oder Seenot denken lassen, sind solche in lateinamerikanischen Ländern nach wie vor sehr angesagt. Ein ganzes Reisebusiness – der religiöse Tourismus – lebt gut davon. „Pagar promessas“ scheint eine nationale Passion. Auch wer nichts zu büßen oder zu begleichen hat, macht sich gerne auf den Weg, verspricht eine Wallfahrt doch Abenteuer und einen attraktiven Mix aus Kultur, sportlicher Herausforderung, Begegnungen, Emotionen und Glaubenserfahrungen. Und nicht selten verschafft sie neue Zuversicht und Lebensmut.

Ob in der Pilgergruppe organisiert oder alleine: Der Aufstieg durch die Mata Atlantica, den ursprünglichen Küstenurwald,... Foto: Fotos: Karl Horat

Seit kurzem hat Brasilien seinen eigenen Pilgerweg, eine Route zum Wallfahren im eigenen Land. „Er ist zugleich auch ein Training, eine Vorstufe für Pilger, die den Camino de Santiago de Compostela gehen möchten“, sagt Promotor Marcos Pagelkopf. Gut 60 Kilometer sind zu bewältigen auf dem „Caminho de Santa Paulina“ im Bundesstaat Santa Catarina. Von Camboriú, einer von Hochhäusern geprägten Küstenstadt am Atlantik, führt er bis ins idyllische Nova Trento im Landesinneren. Es ist der Weg, den auch die Nonne Paulina vor 120 Jahren ging, um die Garcia-Kapelle in Camboriú zu eröffnen. Natürlich gibt es auch hier das „Peregrino-Kit“ mit dem Pilger-Pass – zum Sammeln von Stempeln unterwegs, damit bei der Ankunft bei Santa Paulina in Nova Trento das goldgeränderten Diplom als Leistungsausweis in Empfang genommen werden kann.

Drei Etappen à 20 Kilometer

Die meisten Wanderer bewältigen die Strecke in drei Etappen zu je etwa 20 Kilometern. An guten Gasthäusern, Herbergen und Hostels am Wegesrand (hier „Pousadas“ genannt) fehlt es nicht. Und jede dieser drei Wegstrecken bildet in sich eine eigene Erlebniswelt. Am ersten Tages heißt diese „Mata Atlantica“. Es geht zwar recht markant bergauf durch den Küstenurwald, dafür werden die Wallfahrer aber mit prächtigen Ausblicken, exotischen Gerüchen aus dem grünen Dschungel und mit einer bezaubernden Flora belohnt – sowie mit unzähligen farbenprächtigen Vögeln und Schmetterlingen.

Am zweiten Tag folgt der „Weg der Immigranten“: Die Route verläuft durch Dörfer und Weiler, die an Italien erinnern. Kleine Höfe und Trockensteinmauern säumen den Weg – und nach jeder Wegbiegung tauchen Bildstöcke auf. Durch Felder mit Mais, Bohnen, Kartoffeln, durch Haine mit Passionsfrüchten, Orangen und Mandarinen wird gewandert. Nicht nur die Landschaft mutet italienisch an: Die meisten Anwohner hier haben auch italienische Vorfahren – und die Gastronomie in den Tavernen und Lanchonettes ist entsprechend mediterran.

Am Tag darauf folgt die Schlussetappe durch die Weinberge, die „Vinhedos Vigolo“. Die Pilger halten hier Ausschau nach dem Holzhaus des betagten Atílio Visintainer (ein Schild mit seinem Namen hängt an der Hausfassade). Er ist ein Neffe von Santa Paulina, feierte im März dieses Jahres seinen 101. Geburtstag und sitzt – wenn das Wetter es erlaubt – gerne draußen und hebt für alle die Vorbeigehenden auf dem Weg zu seiner seligen Tante grüßend und segnend die Hand.

Österreicher, Italiener, Deutsche und Polen

Seine Vorfahren kamen im Jahre 1875 nach Brasilien. Hier in dieser Gegend von Santa Catarina ließen sich nebst vielen Österreichern und Italienern ebenso Einwanderer aus Deutschland und Polen nieder. Im Treck der österreichischen Einwanderer kamen auch Familien aus dem Trentino in die Region – Familien, wie jene der zehnjährigen Amábile, streng katholisch – und sehr arm. Es war eine lange Reise aus dem kleinen Dörfchen Vigolo Vattaro, unweit von Trient und dem Caldonazzo See, über den Atlantik ins damals noch unwegsame brasilianische Innenland. Kaum war in der neuen Siedlung Trento die kleine Holzkapelle Sao Jorge zusammengezimmert, feierte Amábile, die zweite Tochter von Antônio Visintainer Anna Pianezzer, hier Erstkommunion.

Die der Heiligen gewidmete Wallfahrtskirche in den bewaldeten Hügeln von Nova Trento ist ein Besuchermagnet. Foto: Horat

Amábile und ihre gleichaltrige Freundin Virgínia Nicolodi waren bald unzertrennlich – unisono auch in ihrer erst noch kindlichen Frömmigkeit und später im Engagement für das pastorale und soziale Leben im kleinen Nova Trento. Im Alter von 24 Jahren gründete sie zusammen mit ihrer Freundin die „Kongregation der kleinen Schwestern der Unbefleckten Empfängnis“. Sie kümmerten sich aufopfernd um Angela Viviani, eine alte Frau mit Krebs im Endstadium, in einem Häuschen, das sie zu einem kleinen Spital machen wollten. Nach dem Tod der Patientin kam noch Teresa Anna Maule zu ihnen. Im Jahr 1903 wurde Paulina – wie sie sich nun nannte – zur Generaloberin des kleinen Ordens auf Lebzeiten gewählt.

Die katholische Kirche suchte zu dieser Zeit Betreuung für alte, ehemalige Sklaven und Waisenkinder von Sklaven (die Sklaverei war erst 15 Jahre zuvor abgeschafft worden) in Sao Paulo. Und so reiste Schwester Paulina noch im selben Jahr in den Stadtteil Ipiranga, um für diese verelendeten Menschen eine Betreuung aufzubauen. Die kleine Gemeinschaft wurde größer und wirkte überaus erfolgreich. Aber wo Erfolg ist, sind meist auch Intrigen nicht weit. Eine solche – inszeniert von einer reichen Sponsorin des jungen Ordens – führte dazu, dass Schwester Paulina 1909 von der kirchlichen Autorität, Erzbischof Leopoldo Duarte e Silva, abgesetzt und als einfache Krankenschwester nach Bragança Paulista ins Hospital Santa Casa de Misericórdia geschickt wurde. Sie akzeptierte ihre Herabsetzung mit heroischer Demut und sagte, ihre Aufgabe bestehe darin, zu dienen, nicht zu herrschen. Neun Jahre lang wirkte sie in diesem Armen-Hospital. Dann durfte sie ins Mutterhaus in Sao Paulo zurückkehren. Eine Diabeteserkrankung machte ihr in der zweiten Lebenshälfte schwer zu schaffen. Deswegen musste ihr sogar ein Arm amputiert werden.

Gläubigkeit gepaart mit Sorge und Liebe

In der Kongregation des Mutterhauses gelangte sie in den folgenden Jahren wegen ihrer Gläubigkeit gepaart mit Sorge und Liebe zu allen Menschen und dank ihres charismatischen Wesens in den Nimbus der Heiligkeit.

Paulina starb 1942 im Alter von 76 Jahren und war schon zu diesem Zeitpunkt hochverehrt. 60 Jahre später, am 19. Mai 2002, wurde sie von Papst Johannes Paul II. auf dem Petersplatz im Vatikan heiliggesprochen – als erste Brasilianerin – und durfte von nun an Santa Paulina genannt werden. Wegen ihres eigenen Leidensweges wenden sich viele Diabetes-Kranke im Gebet hilfesuchend an sie. Der Pilgerweg zu ihr birgt reichlich Anregungen für Gedanken und Reflexionen.

Selbst Pilger der sportlichen Top-Liga kehren vor ihrem Andachtsraum ein. So der 28-jährige Techniker Flávio Geraldo – er hat den Weg zu Madre Paulina in nur einem Tag bewältigt! Er startete um 3 Uhr morgens in Camboriú und kam um 19 Uhr am Ziel an, begleitet von zwei ebenso sportlichen Freunden. Die Drei haben eine „Promessa“ zu begleichen. „Er ist nicht zu beschreiben, dieser Moment, an dem du ankommst auf deinem Weg, völlig erschöpft, aber es ist eine unvergleichliche spirituelle Erfahrung“, bilanziert Flávio.