Männer im Mauseloch

In München explodieren die Mietpreise. Im Ledigenheim wohnen nur Männer auf sieben Quadratmetern – Alleinstehende, die sich keine richtige Wohnung leisten können oder wollen. Von Benedikt Winkler

Volker Käsling (71) wohnt mit knapp vierhundert anderen Männern im Münchner Ledigenheim. Foto: Winkler

Siebeneinhalb Quadratmeter, möbliert, 195 Euro, warm. Im denkmalgeschützten Backsteingebäude in der Münchner Bergmannstraße wohnen nur alleinstehende Männer. Tür an Tür leben hier Geringverdiener aus 51 Nationen unter einem Dach. Die einzigen Frauen, die hier offiziell ein- und ausgehen, sind die Objektleiterin Frau Bethcke und die acht Reinigungskräfte, die jeden Tag knapp 400 Zimmer und sämtliche Flure sauber machen und nebenbei aufpassen, dass niemand Drogen nimmt, sich im Zimmer verbarrikadiert oder mit dem Bunsenbrenner kocht.

In Zimmer 389 grinst ein Mann mit Hut und Zigarre von der Wand, die vollgepflastert ist mit bunten Souvenirs und Urlaubstrophäen. Bilder von der Copacabana, Fotos von nackten Frauen und Blechschilder, auf denen in gelben Lettern der Name „Volker“ eingestanzt wurde. Manche Bilder erinnern an die Frauen auf Tahiti, die Paul Gauguin malte, als er seiner Zeit der paradiesischen Unschuld nachjagte. „Ich war fünf Jahre verheiratet, habe drei Kinder gehabt, das letzte war kohlrabenschwarz und das von einer weißen Frau.“ Volker Käsling sitzt auf dem einzigen Stuhl in seinem Zimmer. Er spricht langsam, als würde seine Lymphdrüse am Hals, welche ein großes Pflaster bedeckt, ihn beeinträchtigen. In Wirklichkeit erinnert sich der 71-Jährige nur ungern an den Tag, als ihm die „schneeweiße Türkin“, mit der er fünf Jahre verheiratet war, die Scheidung einreichte. „So Schatz, ich habe eine Wohnung gefunden – und was machst Du?“, sagt Volker, die Stimme seiner Ex-Frau nachäffend. Plötzlich stand er da, „wie Pik-Sieben, bestellt und nicht abgeholt, mit einem Haufen Schulden“. Volker kramt einen gelben Zettel hervor, der an der Innentür seines kleinen Wandschranks klebt. „Am 11.07.1983 bin ich hier eingezogen“ steht handgeschrieben darauf. Seit diesem Datum bewohnt der gelernte Bäcker und Konditor das Ledigenheim. Volkers Devise: Halbes Jahr backen, halbes Jahr reisen. Der Karneval von Rio oder die 9 000-Kilometer-Tour durch Thailand 1988 mit seinem Trauzeugen Erwin – davon schwärmt der Rentner bis heute. Die exotischen Reisen waren die Highlights, mit denen Volker seine Unabhängigkeit feierte. Wo andere mit dem „Bumbsbomber“ nach Bangkok nur zum „Rattern“, wie er es nennt, geflogen sind, hat sich Volker auch für Land und Leute interessiert. Unzählige Diavorträge hat er seitdem gehalten. Über den Buddhismus, die Landschaft und die Menschen. Ein paar vergilbte laminierte Folien und eine Postkarte erzählen Geschichten von den vielen Paradiesen, die Volker eroberte. „Das Land und das Wetter sind zwar toll, aber ohne dich ist es nur halb so viel wert. Ich vermisse deine zarten Hände und die Nächte in Rio, viele liebe Küsse, Nelly.“ Zwei Jahre dauerte die Beziehung mit der blonden Brasilianerin. Dann war wieder Schluss. Heiraten möchte Volker nicht mehr.

Im Foyer rotiert die hölzerne Drehtür im Akkord. Männer zwischen 18 und 80 Jahren, Afrikaner, Deutsche, Italiener, Osteuropäer, Christen und Muslime kommen und gehen. Immer wieder weht eine Brise durch die Eingangstür. An einem Tisch sitzt ein übergewichtiger Kroate im Rentenalter. Über seine Lippen rutschen ein paar Wörter auf Deutsch. „Ein Mauseloch ist das. Essen, kochen, schlafen, furzen.“

Zimmer 226B. „Die Amygdala ist für Angst und Wut zuständig. Ich komm da gleich in meiner Biografie drauf.“ Ängstlich und wütend scheint Jan Eppelsheimer nicht mehr zu sein. Wenn er einmal ins Reden kommt, hört er nicht mehr auf. Der Mann mit den längeren, nach hinten gekämmten Haaren sitzt entspannt mit einer schwarzen Jogginghose auf seinem Bett. Neben ihm flimmern Szenen aus seinem Leben über einen Flachbildfernseher, die der Bayerische Rundfunk zusammengeschnitten hat. Jans Vater war Lyriker und Geisteswissenschaftler. „Weil er nur ein Bein hatte, haben wir nicht Fußball gespielt, sondern Gedichte auswendig gelernt“, erinnert sich der 48-Jährige. Aus Jähzorn und Angst schlug er manchmal seinen Sohn. Jan hat seinen Vater dafür nie richtig gehasst, aber die Versöhnung fand erst Jahre später bei einem Retreat in Mexiko statt. Gefühle und Gedanken sind wie Wolken, die kommen und gehen, meint er. Mit zwanzig Jahren hat Jan das Herzensgebet kennengelernt, welches er bis heute praktiziert. Wenn Jan als Taxifahrer in München arbeitet, durch die Welt reist, Bilder malt oder Geige spielt, meditiert er den Namen Jesu. „Dadurch begann eine schrittweise Wahrnehmung der Ruhe und des Friedens in mir.“ Das Ledigenheim, in dem Jan seit 2005 wohnt, ermöglichte ihm, dass er sich immer wieder ein halbes Jahr Zeit nehmen konnte, um sich um seine Seele zu kümmern. Besonders hart traf es ihn, als sich sein Vater das Leben nahm und vor die Münchner S-Bahn lief. Heute sieht sich Jan als Friedensbotschafter, dem es gelungen ist, den Kreislauf der Gewalt, die Nazi-Gewaltherrschaft, unter der sein Vater litt, zu durchbrechen. So erinnert sich der Münchner, dass er einmal in Goa unter einer Palme saß, frei mit der Geige improvisierte und lernte, mit dem Herzen zu spielen. Dabei weinte er – Violinenspiel ist die beste Therapie. Jan war einmal verheiratet, nur wenige Wochen. Seine Ex-Frau war eine schizophrene Halbjüdin. Eine Familie gründen, das sei in München mit zehn Euro netto nicht drin, sagt er.

In der Küche wird gekocht. Jeder Bewohner hat sein Lebensmittelfach. Nach einem langen Arbeitstag steht ein Afrikaner an einer der Kochstellen und rührt in einem Topf. Missmutig blickt der Kroate über seine serbische Zeitung auf jene Männer, die Lebensmittel ins Haus tragen und Geld in ihre Heimatländer, nach Somalia oder in den Kongo, schicken. „Deutschland gibt‘s nicht mehr. Zu viele Afrikaner“, meint er.