Zwischen Wundersucht und Rationalismus

Inspiration für Glauben und Kunst: Franz Werfel und Emile Zola haben ihre Lourdes-Erlebnisse literarisch verarbeitet

Man spricht von künstlerischer Freiheit, wenn ein Schriftsteller Tatsachen nicht der Wirklichkeit entsprechend wiedergibt, sondern sie in seinem Werk nach den Desideraten seiner Dramaturgie frei abwandelt. Und doch provoziert ein solch freier Umgang mit belegten Fakten auch die Frage nach der Intention des Autors. Mitunter wird gar der Verdacht erhoben, dass die Realität nach der Wunschvorstellung des Autors zurechtgebogen wurde, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Diesen Vorwurf muss sich auch der französische Schriftsteller Emile Zola (1840–1902) mit seinem Erfolgsroman „Lourdes“ gefallen lassen.

Im Frühsommer 1891 kommt Zola bei einer Reise durch Südwestfrankreich auch nach Lourdes und ist tief ergriffen von den Menschenmassen bei den großen Wallfahrten sowie vom Anblick der zahlreichen Leidenden. Er fasst den Entschluss, einen Roman über Wunderheilungen und allgemein über Glaubensprobleme zu schreiben. Sofort beginnt er mit seinen Aufzeichnungen, benötigt aber für die gesamte Niederschrift von „Lourdes“ fast drei Jahre. Dieser für Zolas Verhältnisse ausgesprochen langer Zeitraum wird erklärbar durch die Fülle des Materials, das er hier verarbeitet. Neben den geschichtlichen Hintergründen und dem breit geschilderten Wallfahrtsbetrieb mit all seinen Begleiterscheinungen lässt Zola auch persönliche Erlebnisse mit einfließen und hat sich eingehend mit einigen Heilungsberichten beschäftigt.

Zwei Tuberkulosekranke werden geheilt

So trifft er auch Marie Lemarchand und Marie Lebranchu, die beide im August 1892 an der Nationalwallfahrt nach Lourdes teilnahmen und dort geheilt wurden (beide Heilungen wurden 1908 durch den Erzbischof von Paris anerkannt). Beide Frauen litten an Lungentuberkulose im Endstadium; Marie Lemarchand hatte zudem noch geschwulstartige Wunden im Gesicht. In Zolas Roman trägt sie den Namen Elise Rouquet. Auch das Schicksal von Marie Lebranchu wird in „Lourdes“, wo sie den Namen La Grivotte trägt, ausführlich beschrieben. Nach ihrer Heilung jedoch lässt der Schriftsteller in seinem Roman die Krankheit auf dem Heimweg zurückkehren. Mit dieser Sterbeszene und einer daran anschließenden Reflektion des zweifelnden Priesters Pierre Froment endet der Roman. In Wirklichkeit hat Marie Lebranchu völlig gesund noch bis 1920 gelebt.

Die katholische Leserschaft der damaligen Zeit wartete mit Spannung auf diesen Roman. Die Tatsache, dass der als ungläubig geltende Zola lange Zeit in Lourdes weilte, dort an Gottesdiensten und Prozessionen teilnahm und dann ein Buch über diesen Wallfahrtsort schrieb, weckte große Erwartungen. Die Enttäuschung auf kirchlicher Seite bei Erscheinen des Buches 1894 war daher umso größer.

Grundsätzlich lässt Emile Zola kein Wunder gelten. Er akzeptiert höchstens eine Heilung als Ergebnis eines psychosomatischen Prozesses, bei dem die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert wurden. Ein Eingreifen einer überirdischen Macht hält er jedoch für ausgeschlossen. Für seine umfangreiche Beschreibung des Wallfahrtsbetriebs in Lourdes hat Zola auch all jene negativen Aspekte thematisiert, die dem Ungläubigen oder Fernstehenden einen Zugang zum Glauben erschweren können. Eine Wundersucht mag Zola damals tatsächlich vorgefunden haben; heute jedoch ist diese Fehlform des Glaubens sicherlich nicht mehr weit verbreitet. Andere Aspekte mögen aber auch heute noch zurecht kritisiert werden: ein Devotionalienhandel, der den Kitsch fördert, oder eine Ausbeutung des Wallfahrtsortes durch die Profitgier der ortsansässigen Unternehmen. Auch ein quantitatives Gebetsverständnis oder ein religiöses do-ut-des-Denken bleibt tadelnswert. Dennoch versucht der Schriftsteller sowohl der Seite des Glaubens als auch der Seite des Zweifels eine Stimme zu geben. Der Zweifel geht bei ihm stets mit Wissenschaftsgläubigkeit einher. Er ist davon überzeugt, dass Glaube und Wissenschaft sich im Letzten als Feinde gegenüber stehen. Sein „alter ego“ im Roman, der Priester Pierre Froment, hat den Priesterberuf nur halbherzig gewählt, da seine Jugendliebe Marie de Guersaint schwer erkrankte. Nach und nach beginnt sein Glaube zu wanken; er hofft, ihn in Lourdes wiederzufinden, doch er verliert ihn dort für immer. Marie wird geheilt, doch Pierre kann diese Heilung nicht als echte Heilung anerkennen. Für ihn steht das geistliche Klima in Lourdes nicht nur in Widerspruch zum Willen Gottes, sondern sogar in Widerspruch zur Intention Bernadettes.

Der entscheidende Schritt blieb zeitlebens aus

Emile Zola war schon auf dem Gipfel seines Erfolgs und hatte mit seiner Romanserie „Les Rougan-Marquart“ ein breit angelegtes sozioanalytisches Epos geschaffen, als er sich der religiösen Thematik zuwandte. „Lourdes“ ist der erste Teil von Emile Zolas Drei-Städte-Zyklus. Sieht man den Roman im Zusammenhang mit den weiteren Werken dieses Zyklus, kann man eine klare Linie erkennen: Wird in „Lourdes“ (1894) der Glaube an Wunder, der mit dem katholischen Glauben gleichgesetzt wird, angegriffen, so erfolgt in „Rom“ (1896) ein Angriff auf das Christentum, der sich schließlich in „Paris“ (1898) zu einem Generalangriff auf die Religion schlechthin ausweitet. Für Zola gibt es neben der Naturwissenschaft nur eine Soziallehre. Im Sozialen liegt gewiss auch die große Stärke Zolas; religiös war er zwar ein Fragender und Suchender, aber der entscheidende Schritt blieb bei ihm zeitlebens aus.

So kann der Lourdes-Roman von Zola dem Gläubigen eine interessante Horizonterweiterung bieten, indem er facettenreich die Lourdes-Wallfahrt schildert und einen Diskurs mit Lourdes-Kritikern eröffnet. Wer jedoch ein bekenntnisreicheres Werk in der klassischen Literatur sucht, dem sei ein Werk empfohlen, das fast sechzig Jahre später entstand: „Das Lied von Bernadette“, ein Roman von Franz Werfel (1890–1945).

Damit keine Missverständnisse entstehen, stellt Werfel im Vorwort eigens heraus, dass er kein Katholik, sondern Jude ist. Dennoch hat kein Katholik eine vergleichbare Hommage an den südfranzösischen Wallfahrtsort und seine Seherin verfasst. Das Verbindende zwischen Judentum und Christentum wird gerade in diesem Werk sichtbar. Werfel beschäftigt sich intensiv mit dem Verhältnis von Glauben und Wissen und wendet sich deutlich gegen den Agnostizismus. Er will, wie er im Vorwort schreibt, „das göttliche Geheimnis und die menschliche Heiligkeit“ verherrlichen. Vor allem ist „Das Lied von Bernadette“ ein persönliches Glaubenszeugnis, dessen Entstehungsgeschichte bereits Zeugnischarakter hat. Auf der Flucht vor den deutschen Truppen gelangte Werfel im Juni 1940 nach Lourdes.

Hier gelobte er, sofern er gerettet wird, die Geschichte des Mädchens Bernadette Soubirous (1844–1879) und die Heilungswunder in Lourdes zu „besingen“. Dieser Roman, der schon 1941 erschienen ist und Werfels größten literarischen Erfolg darstellt, ist also von Anfang an als Lobpreis angelegt. Er selbst nennt es „ein epischer Gesang“. In Analogie zum Rosenkranz ist er in fünf „Reihen“ mit je zehn Kapiteln aufgeteilt. Wie Zola so lässt auch Werfel unterschiedliche Reaktionen auf die Wunderheilungen zu Worte kommen. Immer jedoch zeigt sich, dass die Vernunft allein vor dem überwältigenden Eindruck des Wunders verstummen muss. Franz Werfel stellt deutlich die Kraft des Glaubens heraus, der immer ein Wagnis bleibt. So kritisiert er auch jene Gläubige, die für die Wunder letzte Beweise suchen und eben dadurch zu erkennen geben, dass auch sie ebenso wie die Rationalisten nur nach Sicherheit verlangen. Das Wunder ist also in Werfels Augen keine Glaubensgarantie, sondern eine Herausforderung zur persönlichen Auseinandersetzung – und zwar unabhängig davon, „ob's nun anerkannt wird oder nicht“.

Von außen wird der Glaube daher nie beweisbar oder erklärbar sein. Er erschließt sich vielmehr in Hingabe und Liebe. Ausführlich thematisiert Werfel auch das Leiden Bernadettes, die trotz zahlreicher Anfechtungen der Gottesmutter die Treue hält. Sie stirbt mit den Worten „J'aime – ich liebe“. Auch Werfel, der in seinem Vorwort hervorhebt, der Roman sei keine Fiktion, bedient sich allerdings der künstlerischen Freiheit, wenn er Unterredungen Bernadettes mit ihrer Novizenmeisterin Mere Marie Therese Vauzous konstruiert, die Bernadette zunächst um ihre Erscheinungen beneidet, dann aber durch Bernadettes Haltung erkennen lernt, das Gottes Handeln immer reine Gnade ist und dass allein die Liebe und das Ja zum Willen Gottes entscheidend ist. Bei Werfel wird aber nur der Handlungsstrang passend ergänzt, bewiesene Fakten werden nicht abgeändert.

Mehr als fromme Erbauungsliteratur

„Das Lied von Bernadette“ wurde bereits 1943 verfilmt und erlebte als Buch hohe Auflagen in zahlreichen Übersetzungen. Mit seiner tiefen Spiritualität ist dieses persönliche Glaubenszeugnis Franz Werfels nach wie vor bestens geeignet, sich mit der Thematik von Lourdes auseinanderzusetzen. Es ist mehr als fromme Erbauungsliteratur. Wie schon Emile Zola bietet Franz Werfel eine Auseinandersetzung mit den kritischen Einwänden zum Phänomen Lourdes. Die seit der Aufklärung geführte Diskussion über das Verhältnis von Wissenschaft und Glaube wird in beiden Romanen ausgiebig entfaltet. Während Zola „religiös unmusikalisch“ bleibt, zeigt Werfel auf, dass die Naturwissenschaft und die Vernunft allein nur einen Teil der Wirklichkeit beschreiben können.

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