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„Wir müssen die Mission lernen“

Experten sprechen über die Verkündigung im 21. Jahrhundert. Von Stefan Meetschen
Im Gespräch mit Bischof Algermissen, Pater Karl Wallner, Gabriele Kuby, Matthias Pankau und Birgit Kelle
Foto: Dombrowski | Klartext oder Konsens? Oliver Maksan im Gespräch mit Bischof Algermissen (v.l), Pater Karl Wallner, Gabriele Kuby, Matthias Pankau und Birgit Kelle.

Hohe Austrittszahlen, interne Streitereien zwischen „Progressiven“ und „Konservativen“, ein Missbrauchsskandal, der die Grenzen sprengt – um das Image und den Zustand der Kirche steht es zurzeit nicht besonders gut. Weder in den Medien noch in der Realität. Für „Die Tagespost“ ein Anlass, bei der 70. Geburtstagsfeier im Rahmen eines Experten-Podiums nach Ursachen und Gründen für die Negativentwicklung zu forschen. Denn: so feierlich man ein solches Jubiläum zwischen Wein, Weihrauch und Gesang auch begehen mag, für eine Zeitung, die dem Herz Jesu geweiht wurde, steht die Gesundheit der Kirche an erster Stelle.

Unter dem Titel „Klartext, Konsens, Zeitgeistfalle – Verkündigung im 21. Jahrhundert“ diskutierte Chefredakteur und Verlagsgeschäftsführer Oliver Maksan in der Würzburger Festung Marienberg mit dem ehemaligen Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen, den bekannten katholischen Publizistinnen Birgit Kelle und Gabriele Kuby, dem österreichischen Missio-Direktor und Zisterzienser-Starmönch Karl Wallner sowie idea-Chefredakteur Matthias Pankau darüber, wie man aus der Krise herauskommen könnte. Immerhin sind christliche Werte in der modernen Gesellschaft durchaus beliebt und auch andere Errungenschaften der christliche Kultur, wie etwa die Toleranz, erfreuen sich anhaltend breiter Popularität. Warum also sinkt das Interesse an der Kirche, ihre Ausstrahlungskraft im deutschsprachigen Raum trotzdem steil und stetig?

Der „gewaltige Apparat“ sei das Problem, ist Bischof Algermissen überzeugt. Vor lauter kirchlicher Einrichtungen und einer quantitativ enorm hohen Zahl kirchlich Beschäftigter sei die Präsenz „missionarischer Menschen“ in der Kirche verloren gegangen. „Wir müssen die Mission lernen“, so der 75-Jährige. Denn: Es gehe um Geist nicht nur um Geld. Doch bei aller Krisenerfahrung dürfe man auch nicht vergessen, dass die Kirche nicht „unser Machwerk“ sei. „Herr, was hast Du mit dieser Kirche vor?“ Dieses fragende Gebet ist ihm abends in der Kapelle bei der Tagesbetrachtung als amtierender Bischof oft in den Sinn gekommen. Man spürt: So spricht jemand, der seinen Hirtendienst und den Glauben an Jesus Christus immer ernst genommen hat und mehr sein wollte als nur ein effizienter Krisenmanager.

Mit Sorge sieht auch die Publizistin Gabriele Kuby die Situation der Kirche. Die Autorin, deren Buch „Die globale sexuelle Revolution“ mittlerweile in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde und die permanent auf Vortragsreisen quer durch die ganze Welt zu sein scheint, konstatiert mit dramatischer Nüchternheit, apokalyptischer Sensibilität und wohl nicht nur auf die deutschsprachige Kirche bezogenem Realismus: „Wir sind im freien Fall!“ Die Autorität zerfalle. Es sei in der Kirche nun „Standhaftigkeit“ gefragt, jeder gläubige Mensch werde „bis ins Extrem geprüft“. Der Ausdruck „Mission“, so die Autorin, die vor mehr als 20 Jahren katholisch und – damals ein Schimpfwort – „papsttreu“ wurde, sei mittlerweile allerdings ein „hohles Wort“ geworden. „Homo-Sex“, meint Gabriele Kuby, sei das zentrale Problem in der Kirche.

Auch die Publizistin Birgit Kelle ahnt Düsteres, wenn es mit der Kirche so weitergehe wie bisher: die schlagfertige Konvertitin („Ich hatte nie das Gefühl, missioniert zu werden“) brachte bei der Diskussion, die vor Förderern und Freunden der „Tagespost“ stattfand, eine Reform der Kirchenfinanzierung ins Spiel. Man sollte als gläubiger Mensch und Steuerzahler zukünftig Wahlfreiheit haben, welche ehrenamtlichen christlichen Projekte man fördern wolle. „Ich habe keine Lust, sinnlose Strukturen zu unterstützen.“

Dabei nannte Kelle auch katholische Kindergärten und Schulen, deren inhaltliche Ausrichtung aus ihrer Sicht zu beliebig geworden ist. Eine Kritik, die Bischof Algermissen („Das ist doch Unsinn“) entschieden zurückwies. Kelle baue einen „Popanz“ auf, konterte der Oberhirte, der zu den Bischöfen gehört, die sich in den vergangenen Jahren mutig für den Schutz des Lebens und der Familie engagiert haben.

Doch auch der charismatische Wissenschaftler und neue Missio-Direktor Österreichs, Professor Pater Karl Wallner, sieht Handlungsbedarf, wenn es um die finanzielle Gewichtung von kirchlichen Projekten geht. Man müsse Geld für die „Zukunft der Kirche investieren“, also genau überlegen, wo das Geld hinfließen solle, hob der Ordensmann hervor. Ein „nettes Schreiben“ von einer nationalen Bischofskonferenz für missionarische Vorhaben sei zu wenig.

Er selbst hat in seinem Missio-Team, wie er berichtete, eine Christin aus einer Freikirche angestellt, weil es offenbar auch in Österreich nicht so einfach ist, katholische Mitarbeiter zu finden, bei denen Kompetenz und durchgeistigter katholischer Glaube zusammenkommen. Dabei bediente sich Wallner durchgängig einer Bildsprache des Untergangs: „Etwas muss sterben, damit Neues kommen kann.“ Ansonsten drohe „Finis ecclesiae“.

Von den Freikirchen lernen – eine Erfahrung, die auch Matthias Pankau, der neue Chefredakteur der evangelikalen Nachrichtenagentur „idea“ kennt, die – wie Maksan unterstrich – zu den „befreundeten Medien“ der „Tagespost“ zählt. Im Osten aufgewachsen, ist der studierte Pastor der evangelischen Landeskirche davon überzeugt, dass es bei vielen Menschen auf dem früheren Gebiet der DDR etliche gäbe, die über eine „Gottessehnsucht“ verfügten. Die Sehnsucht sei da, die Leute wüssten nur oft gar nicht, dass ihnen Gott fehle, so Pankau. Freikirchliche Gemeinschaften würden mit ihrer ehrenamtlichen, inhaltlich klar auf Jesus Christus ausgerichteten Arbeit Akzente setzen, von denen man lernen könne. Eine Ost-Erfahrung, die Pater Wallner bestätigen konnte. Das neue Kloster der Zisterzienser in Neuzelle würde viele Menschen anziehen, die bisher mit dem Glauben noch keine Berührungspunkte gehabt hätten. Auch Bischof Algermissen sieht die östlichen Bundesländer als ein „Laboratorium“, weil es dort Menschen gebe, die noch nichts vom Glauben gehört hätten. Dort sei „kein aggressiver Atheismus“ zu finden; allerdings sei der Atheismus auch zunehmend ein Problem in den Herzen der Gläubigen im Westen.

Auf die Abschlussfrage von Oliver Maksan, was sich jeder Diskussionsteilnehmer angesichts der bevorstehenden Herbstversammlung der Deutschen Bischöfe in Fulda wünsche, zeigte sich erneut, dass eine visionäre, geistbewegte Mission, Transparenz und ein klares katholisches Profil Auswege aus der Krise sein könnten. Ganz ohne Spannungen wird es dabei aber wohl auch nicht gehen. So klar Pater Karl eine „Krise des Lehramtes“ konstatierte und von der „Stunde der Laien“ sprach – bei der Diskussion versuchte er eine diplomatische Brücke zu bauen zu dem zwischen Apparatskritik und Apparatsverteidigung oszillierenden Bischof Algermissen, der eine breite „Bewegung“ in der Kirche noch nicht erkennen kann, und den eifrigen, möglicherweise prophetischen Konvertitinnen. Ein schwieriges Bauprojekt. Sollte die Amtskirche tatsächlich noch einmal ein Praktikum machen bei den seit 900 Jahren in der Neuevangelisierung erprobten Zisterziensern? Für das Plenum, die Freunde der katholischen Publizistik, war die Diskussion mit Sicherheit sehr anregend und hilfreich.

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