Unermüdlich in der Berliner Seelsorge

Der selige Bernhard Lichtenberg, Priester und Märtyrer, verband bekenntnisfrohe Frömmigkeit, praktische Nächstenliebe und politisches Gespür. Von Gotthard Klein
Foto: KNA | Die Seligsprechung von Bernhard Lichtenberg durch Papst Johannes Paul II. erfolgte am 23. Juni 1996 im Berliner Olympiastadion.

Bernhard Lichtenberg (1875–1943), der aus der mittelschlesischen Kleinstadt Ohlau stammte, wurde 1899 in Breslau zum Priester geweiht. „[I]ch kann jetzt absolvieren und konsekrieren“, notierte er noch vierzig Jahre später voller Begeisterung im Rückblick auf sein Leben. An der Wende zum 20. Jahrhundert war er in die Peripherie der expandierenden Reichshauptstadt gekommen. Vier Jahrzehnte lang blieb Lichtenberg dort als leidenschaftlicher Seelsorger unermüdlich und unerschrocken tätig.

Nach pastoralen Lehrjahren als Kaplan in Charlottenburg und dann im Zentrum Berlins erhielt der noch nicht ganz dreißigjährige Geistliche seine erste selbstständige Seelsorgestelle. Von 1905 bis 1910 amtierte er als Kuratus für Friedrichsfelde und Karlshorst. In den beiden Ortschaften sorgte er jeweils für den Neubau einer Kirche. 1913 übernahm er auf oberhirtlichen Wunsch die Herz Jesu-Pfarrei in Charlottenburg. Unter den mehr als 300 000 Einwohnern lebten etwa 32 000 Katholiken. Die einzige Kirche des katholischen Seelsorgebezirks besaß 270 Sitzplätze. Allen Widerständen zum Trotz gelang es Lichtenberg, fünf neue Kuratien auf dem Territorium seiner Pfarrei zu etablieren. Zur Finanzierung der Kirchenbauten unternahm er zwölf mehrwöchige Bettelreisen im In- und Ausland. Dennoch lässt sich sein Wirken keineswegs auf die Aufgaben eines „kirchlichen Managers“ reduzieren. Auszeichnend für Lichtenbergs pastoralen Stil blieb auch weiterhin die Verbindung von bekenntnisfroher Frömmigkeit, praktischer Nächstenliebe und politischem Gespür.

Schon in seinen jungen Jahren zählte er zu den prominenten Kanzelrednern Berlins. Geprägt waren seine Predigten „von dem Ernst des Kreuzes und der Schwere der Verantwortung vor der Ewigkeit“, wie es sein Biograf Alfons Erb formulierte. Seelsorge hatte für Lichtenberg die Aufgabe, die Gläubigen zur militia Christi, zur persönlichen Entscheidung für Christus und zum Leben nach Gottes- und Kirchengeboten zu führen. Selbst bei der Ausübung der Nächstenliebe ging es ihm zuerst „um Fortschritt, Vertiefung und Bekenntnis des Glaubens“.

In seinem Wirken außerhalb der Kirchenmauern bekannte sich Lichtenberg in Auftreten und Erscheinung zu seinem priesterlichen Auftrag. Bei den wöchentlichen Versehgängen zu den Kranken trug er auch auf der Straße liturgische Kleidung. Bis an die Grenzen der physischen Leistungsfähigkeit stellte er sich den seelsorglichen Herausforderungen. Doch blieben bei allem Berufseifer Messopfer, Betrachtung, Brevier und öffentliches Abendgebet die Fixpunkte seines Tagesablaufs. Konsequent strebte er danach, dem hohen asketischen Anspruch des tridentinischen Priesterideals auch im großstädtischen Alltag zu genügen. Seine Lebensführung war extrem anspruchslos, sein Glaubensleben umso intensiver. Seit seiner Seminarzeit ging er wöchentlich zur Beichte. „Das Allerheiligste war für ihn die Mitte seiner Frömmigkeit“, schrieb ein Zeitzeuge. „Ich spürte bei ihm die Ehrfurcht vor der Gegenwart Gottes im Altarsakrament.“ Lichtenberg war ein großer Herz-Jesu-Verehrer und begeisterter Besucher der Internationalen Eucharistischen Kongresse in London, Köln, Wien und Chicago.

Im Zuge der Revolution von 1918/19 übernahm er auf Anregung eines Gemeindemitglieds ein Zentrumsmandat als Bezirksverordneter, um die libertas ecclesiae gegen die Angriffe der sozialistischen Regierung zu verteidigen. Sein politisches Wirken verstand Lichtenberg als eine besondere Form priesterlicher Weltverantwortung. Schwerpunktmäßig befasste er sich denn auch mit sozial- und schulpolitischen Fragen. „Sein Prinzip war: Wo auch nur ein einziges katholisches Kind – da auch katholischer Religionsunterricht.“ Ob nun als Redner auf den Märkischen Katholikentagen gefeiert oder als „Pfaffe“ und „Zentrumsbonze“ in der kommunalpolitischen Arena Charlottenburgs verhöhnt: Unbeirrt vertrat er selbst in tumultartig verlaufenden Veranstaltungen den kirchlichen Standpunkt in Fragen des Lebensschutzes, der Erziehung oder des Dogmas, auch wenn er dabei zur Zielscheibe derben Spotts oder gar Opfer körperlicher Übergriffe zu werden drohte. In allen Wechselfällen des Lebens gab ihm die Lehre der Kirche die entscheidende Orientierung und bot ihm schließlich mehr als hinreichende Wegweisung in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus.

Nach der Errichtung des Bistums Berlin wurde Lichtenberg 1931 Domkapitular. Er legte seine parlamentarischen Ämter nieder. Im Ordinariat war er nun verantwortlich für die Visitation der weiblichen Orden, für Alkoholkranke, Konvertiten, Siedler und vor allem für die vom nationalsozialistischen Regime als „Nichtarier“ verfolgten Katholiken, die seit 1938 in einem eigenen kirchenamtlichen Hilfswerk caritativ und pastoral betreut wurden. Als ihm ein Confrater anlässlich der Ernennung zum Domkapitular gratulierte, bat Lichtenberg „um ein Memento, dass ich in meinem neuen Amte auch noch Seelsorger bleiben kann“. Dieser Wunsch ging in Erfüllung, als er 1932 außerdem Dompfarrer an St. Hedwig wurde. Das Domkapitel wählte ihn 1937 zum Dompropst. Seelsorger blieb er aber weiterhin. Jahrelang zelebrierte er in der Kathedrale sonntags bereits vor 5 Uhr in der Frühe, um auch Gasthausangestellten die Teilnahme am Messopfer zu ermöglichen. Selbstverständlich hielt er jedes Mal eine Predigt, auch wenn nicht einmal eine Handvoll Zuhörer anwesend war. „Es geht um eine unsterbliche Seele“, dafür war ihm kein persönlicher Einsatz zu hoch. In allen Auseinandersetzungen, die ihn immer wieder zu Einsprüchen gegen die kirchenfeindlichen Maßnahmen des NS-Regimes und zu mancherlei Fürsprachen veranlassten, blieb das Priestertum die Mitte seiner Existenz.

Wegen öffentlichen Gebets für die verfolgten Juden und Kritik an den „Euthanasie“-Morden wurde er am 23. Oktober 1941 von der Geheimen Staatspolizei verhaftet. In aller Offenheit bekannte er im Verhör: Wenn sich die Maßnahmen der Regierung „gegen die geoffenbarte Lehre des Christentums und damit gegen mein priesterliches Gewissen richten, werde ich meinem Gewissen folgen und alle Konsequenzen mit in Kauf nehmen, die sich daraus für mich persönlich ergeben. Das ergibt sich auch daraus, dass ich die Evakuierung [der ,Nichtarier‘] mit all ihren Begleiterscheinungen innerlich ablehne, weil sie gegen das Hauptgebot des Christentums gerichtet sind, ,Du sollst Deinen Nächsten lieben wie dich selbst‘, und ich erkenne auch im Juden meinen Nächsten, der eine unsterbliche, nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffene Seele besitzt. Da ich aber diese Regierungsverfügung nicht hindern kann, war ich entschlossen, deportierte Juden und Judenchristen in die Verbannung zu begleiten, um ihnen dort als Seelsorger zu dienen.“ Nach zweijähriger Haft schwer krank, verstarb er auf dem Transport in das Konzentrationslager Dachau am 5. November 1943 in Hof. Seine Seligsprechung als Märtyrer erfolgte in Berlin durch den heiligen Johannes Paul II. am 23. Juni 1996, der ihn mit folgenden Worten würdigte: „Dass der neue Selige ein Heiliger des fürbittenden Gebetes war, zeigt sich nicht nur in diesem Gebet für die Juden und die Häftlinge in den Konzentrationslagern, es zeigt sich ebenso in seinem Gebet für die geistlichen Berufe. Er war ein unermüdlicher Förderer des Apostolats für Priesterberufe. Seine Seligsprechung soll deswegen ein Anruf sein, den Welttag und die monatlichen Gebetstage für geistliche Berufe mit neuer Hingabe und Zuversicht zu begehen.“

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