Forum

Türöffner für die Menschen

Franziskus und Franziskus: Eine Pilgerfahrt nach Assisi zehn Tage nach dem Konklave. Von Claudia Kock
Andachtsbildchen
Foto: KNA | Andachtsbildchen sind von Wallfahrtsorten nicht wegzudenken: In Assisi ist der Papst omnipräsent.

„Die Kirche muss das Evangelium verkündigen. Das ist ihre Aufgabe“, sagt Marc, ein junger Pallottiner aus Ruanda im Regionalzug von Rom nach Assisi. Er hat eben den Rosenkranz beendet. Der heilige Franziskus zieht viele Menschen an. Eine Pilgerfahrt nach Assisi ist kein katholisches Statement. Nach Assisi können auch jene fahren, die dem Glauben fernstehen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen – weder für das Ziel ihrer Reise noch für ihre Glaubensferne. Franz von Assisi ist ein Heiliger, der den Menschen nahe ist. Er öffnet die Tür ihres Herzens einen Spalt weit, damit Gottes Liebe in es eindringen kann. Auch Papst Franziskus will, so scheint es, für die Menschen ein solcher Türöffner sein.

Zehn Tage nach seiner Wahl ist eine gemischte Schar nach Assisi unterwegs: amerikanische Studenten mit einem Seminaristen des Nordamerikanischen Kollegs in Rom, der sich mit dem neuen Papst noch etwas schwertut – „Ich war ein großer Fan von Benedikt“ –, Touristen, Schülerinnen aus Deutschland. Auf halber Strecke weckt Narni die Neugier: das antike Narnia, das die Römer in den Samnitenkriegen eroberten und dessen Name C.S. Lewis zu den „Chroniken von Narnia“ inspirierte. Der kleine Bahnhof ist unspektakulär. Ein blonder Mann mit Rucksack schaut durch das Fenster eines verfallenen Schuppens, als würde er hoffen, dort eines der vielen Paralleluniversen aus Lewis' literarischer Welt zu entdecken.

In Assisi führt der erste Weg zur Portiunkula, der kleinen Kapelle, die Franziskus wieder aufbaute, nachdem er vor dem Kreuz in San Damiano die Stimme Jesu vernommen hatte: „Franziskus, gehe hin und stelle mein Haus wieder her“. Erst später verstand der Heilige, dass das „Haus“ die ganze Kirche war. An der Portiunkula hörte Franziskus das Evangelium der Aussendung und begann zu predigen, scharten sich die ersten Anhänger um ihn. Hier starb er im Jahr 1226.

Einst im Wald gelegen, wurde um die Portiunkula herum im 16. Jahrhundert die Basilika „Santa Maria degli Angeli“ errichtet. Sie strahlt beim Eintreten erhabene Kühle aus, in graues Licht getaucht. Die Portiunkula in der Mitte des Kirchenschiffs ist ihr schlagendes Herz: Der hellbraune Naturstein strahlt freundliche Wärme aus, im Innern knien zahlreiche Beter. Gleichsam ein Stück Farbfilm im Schwarz-Weiß der Basilika. Im Kirchenschiff hinter der Portiunkula wird eine Messe gefeiert: „Für deinen Diener, unseren Papst Franziskus...“ An diesem Ort klingen die Worte aus dem Hochgebet fast erschütternd. Was hier vor 800 Jahren geschah, gewinnt plötzlich eine greifbare Bedeutung für unsere Zeit.

Von „Santa Maria degli Angeli“ führt die drei Kilometer lange „Strada Mattonata“ bergan in den Ortskern von Assisi. Schon Franziskus ging diesen Weg, vermutlich eine alte Römerstraße, von der Portiunkula zum Haus seines Vaters. Nach seinem Tod wurde sie zum Pilgerweg mit wunderschönen Ausblicken auf Assisi und die umbrische Landschaft. 1990 wurden die rötlichen Backsteine der „Strada Mattonata“ erneuert; jeder neue Backstein trägt den Namen des Stifters: Der Weg der Kirche ist mit Menschen gepflastert.

„Was hier geschah,

gewinnt plötzlich greifbare Bedeutung für unsere Zeit“

Es gibt auch einen „Franziskusweg“ von Rom nach Assisi, mit wichtigen Etappen des Lebenswegs des Heiligen, wie die Kirche „San Francesco a Ripa“ in Rom, wo er übernachtete, als er 1209 bei Papst Honorius III. um die Anerkennung seiner Ordensgemeinschaft bat, das Rieti-Tal, Fontecolombo, wo die endgültige Ordensregel entstand, La Foresta, wo er den Sonnengesang schrieb. In La Verna empfing er die Stigmata. Auf dem Terminillo wurde ein Franziskus-Heiligtum errichtet, nachdem Papst Pius XII. Franziskus 1939 zum Schutzpatron von Italien erklärt hatte. Als Franziskus den Ort Poggio Bustone betrat, von dem aus er seine Friedensmission begann, begrüßte er die Einwohner nicht mit dem für ihn üblichen Gruß „Pax et bonum“, sondern mit den Worten „Buon giorno, buona gente“. Bis heute lebt hier die Tradition fort, dass am Festtag des heiligen Franziskus, dem 4. Oktober, ein Trommler von Tür zu Tür geht und ruft: „Buon giorno, buona gente“. Der Franziskus-Biograph Helmut Feld verweist in diesem Zusammenhang auf die Legenda Perusina, der zufolge viele Menschen gerade am Friedensgruß des Heiligen Anstoß nahmen. Als Papst Franziskus am 13. März zum ersten Mal dem Kirchenvolk auf dem Petersplatz gegenüberstand, begrüßte er die Menge mit „buona sera“ und hat diesen für einen Papst unüblichen Gruß beibehalten: Alle seine Ansprachen an das Volk beginnen mit „buon giorno“. Vielleicht sollte man darin keine „Verweltlichung“ sehen, sondern eine Anknüpfung an den heiligen Franziskus in Poggio Bustone, deren tieferer Sinn sich uns erst noch erschließen muss.

Assisi atmet in all seinen mittelalterlichen Gassen und Winkeln den Geist des heiligen Franziskus und der heiligen Klara, deren Ordensschwestern in ihrer Klosterkirche das Kreuz verwahren, das zu Franziskus gesprochen hat. Und an vielen Stellen in der Stadt begegnet man jetzt auch dem Bild von „Papa Francesco“, auf Plakaten und nicht zuletzt in den Souvenirläden.

Höhepunkt der Pilgerfahrt nach Assisi ist das stille Gebet am Grab des Heiligen in der Unterkirche der Basilika „San Francesco“ und ein Besuch in der Oberkirche mit den wunderbaren Fresken von Giotto, die Szenen aus seinem Leben darstellen, darunter das berühmte Fresko von Innozenz III., der im Traum sieht, wie Franziskus die Lateranbasilika – Sinnbild für die ganze Kirche – stützt und ihren Einsturz verhindert. Vor diesem Fresko wird bildhaft deutlich, welche Last der neugewählte Papst auf seine Schultern genommen hat, als der Kardinaldekan ihm am Abend des 13. März die Frage stellte: „Bei welchem Namen willst du genannt werden?“, und seine Antwort lautete: „Franziskus“.

Am Ausgang der Basilika segnet ein Franziskaner erstandene Andachtsgegenstände mit Weihwasser. Er hofft auf einen Besuch von Papa Francesco: „Er wird kommen. Hoffentlich schon bald!“ Der Erzbischof von Assisi-Nocera Umbra-Gualdo Tadini, Domenico Sorrentino, hat ihn gleich nach seiner Wahl eingeladen: „Komm bald in diese Stadt, wo Franziskus auch weiterhin der Kirche und der Welt das heilbringende Evangelium verkündigt.“

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Themen & Autoren
Erzbischöfe Franz von Assisi Innozenz III. Jesus Christus Ordensschwestern Papst Franziskus Papstwahlen Pilgerwege Pius XII.

Weitere Artikel

Kardinal Sarahs Meditationen über den Priester sind geistliche Arznei gegen die Kirchenkrise unserer Zeit.
28.11.2022, 05 Uhr
Guido Rodheudt
Auch 60 Jahre nach dem Beginn des Zweiten Vatikanums fällt es schwer zu unterscheiden, was der von vielen zitierte "Geist des Konzils" und was die wirkliche Absicht dieser größten ...
09.10.2022, 07 Uhr
Ralph Weimann
Der Erzbischof von Colombo wird am 15. November 75 Jahre alt. Eine Würdigung.
14.11.2022, 07 Uhr
Stephan Baier

Kirche

Der hohe Wert von Wahrheit und Freiheit – Nächste Folge der losen Serie über die „Köpfe des Konzils“: Bischof Karol Wojtylas Akzentsetzung beim Zweiten Vatikanum.
29.11.2022, 19 Uhr
Christoph Münch
Papst Franziskus erinnert die Bischöfe an ihre Pflicht, für die Lehre einzustehen. Das zeigt: Seine „Basta-Kommunikation“ wirkt.
29.11.2022, 11 Uhr
Regina Einig
Ein Fazit, das der Görlitzer Bischof Ipolt aus den Gesprächen in Rom zieht ist, dass man auf dem Synodalen Weg nicht weiter machen kann wie bisher.
28.11.2022, 18 Uhr
Dorothea Schmidt