Tönende Theologie

Passion und Auferstehung: Dirigent Enoch zu Guttenberg über Johann Sebastian Bach als großen Deuter und Vermittler des biblischen Wortes. Von Werner Häussner
Enoch zu Guttenberg, Dirigent
Foto: dpa | „Meine Jesus-Sänger müssen das ,Es Ist vollbracht‘ sieghaft, fast wie eine Fanfare singen“, betont Enoch zu Guttenberg.

Mit einem Bekenntnis zu Bachs Passionen als Verkündigung hat der Dirigent Enoch zu Guttenberg einen „Werkstattbericht“ zur Johannespassion in München beendet. Guttenberg sprach im Rahmen der „Biblischen Tage“ in der Katholischen Akademie in Bayern, die sich dem Johannesevangelium widmen. In seinem Vortrag betonte Guttenberg die theologische Qualität der Musik Bachs und hob ihren Verkündigungscharakter hervor. „Meine Erfahrung als Dirigent ist: Bach hat mit allen musikalischen Mitteln versucht, den Buchstaben der Heiligen Schrift so eindringlich wie möglich zu vermitteln und theologisch zu deuten.“ Die tiefsinnige theologische Arbeit werde Bach heute oft abgesprochen, „weil das nicht mehr in unsere Zeit passt“, kritisierte der 68-jährige Musiker, der sich seit mehr als einem halben Jahrhundert mit der Musik des Leipziger Thomaskantors beschäftigt. Musik sei bei Bach „tönende Theologie“. In München sprach „Die Tagespost“ mit dem Dirigenten über seine Auffassung von den großen Passionen Bachs.

Die Veranstaltung in der Katholischen Akademie heißt „Ein Werkstattbericht“. Wie lange arbeiten Sie schon in der „Werkstatt“ von Johann Sebastian Bachs Johannespassion?

Meine erste Johannespassion habe ich 1972 dirigiert und gleich die zweite oder dritte Aufführung in München. Der Kritiker Karl Schumann hat damals zu meiner großen Freude erkannt, um was es mir geht: Ich wollte das Stück theologisch aufrollen. Heute dirigiere ich Sinfonien, Opern und Oratorien, aber meine Wurzeln stecken nach wie vor beim alten Bach.

Was bedeutet für Sie, ein solches Stück theologisch aufzurollen?

Bach ist ein so großer Komponist, wie er ein großer Theologe ist. Er ist nicht bloß ein überlegen disponierender Musiker, sondern ein überlegter Dramatiker und ein genialer musikalischer Exeget. Er hat seine Texte nicht genutzt, um mit der Musik nur Schönes zu machen. Die Musik ist bei ihm Dienerin der Theologie. Das zeigt sich zum Beispiel in der Ambivalenz der Christusfigur in den beiden Passionen. In der Matthäuspassion ist Jesus als Mensch dem Grauen der Angst am Ölberg, der Folter und der Hinrichtung am Kreuz erlegen und am Schluss zweifelnd zerbrochen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“. Gleichzeitig aber ist er der von einer entrückten Streichergloriole umgebene „Menschensohn“ aus dem Buch Daniel: der Messias. Und dann kommt das Zeugnis derer, die ihn ans Kreuz genagelt haben: „Wahrlich, dieser war Gottes Sohn“.

In der Johannespassion hat Jesus ein sicheres Bewusstsein seiner königlichen Würde und Stärke. Er kommt als Gott-König, er stellt sich selbstbewusst allen menschlichen Abgründen, er macht geradezu Politik mit Pilatus. Sein „Es ist vollbracht“ kennzeichnet den Tod als Erlösungssieg. Solche Differenzierungen muss eine Aufführung herausarbeiten.

Geben Sie noch ein Beispiel für Bachs Gewicht als Theologe?

Ich gebe ein Beispiel, das mich persönlich betrifft. Mein Vater starb mit 51 Jahren in tiefer Glaubenszuversicht und Stärke. Da ist mir aufgegangen, was „Es ist vollbracht“ eigentlich heißt. In der Johannespassion hat mich immer gestört, wie die meisten Sänger Jesus in larmoyantem Tonfall mit „Es ist vollbracht“ sterben lassen. Das ist aber kein Schrei eines Sterbenden, sondern der Triumphruf des Helden von Juda, wie dies Bach in der nachfolgenden Arie noch einmal bestätigt. Meine Jesus-Sänger müssen daher das „Es ist vollbracht“ sieghaft, fast wie eine Fanfare singen.

Sie teilen also die Meinung nicht, dass Bachs theologische Grundeinstellungen nur die historische Bedingung seines Schaffens sind und ansonsten für uns keine Bedeutung mehr haben?

Wer das sagt, hat nicht begriffen, was ein Bach-Choral mit ihm macht. Bach verbindet nicht geniale Musik wahllos mit Texten der Bibel, sondern macht ganz große Kunst, die vor Innigkeit, Liebe und Wissen brennt. Theologen wollen heute erklären, Bach will erschüttern. Sein unbedingter Glaube bringt ihn dazu, sich dreinzugeben. Das ist intellektuell vielleicht nicht fassbar, aber menschlich zutiefst bewegend. Die Passionen aufzuführen ist eine ungeheure Herausforderung. Wer Bach für unsere Gegenwart ernst nimmt, muss ihn als großen Deuter eines universellen, uns tief betreffenden theologischen Kosmos wahrnehmen, Das sage ich, der nicht mehr wie Bach glauben kann. Ich bin zwar zutiefst katholisch aufgewachsen – bis heute jeden Sonntag in der Kirche –, aber ich bin so etwas wie ein romtreuer Agnostiker. Je mehr ich große Sakralmusik mache, desto mehr trauere ich über das, was ich verloren habe. Was man verloren hat, das sucht man.

Aber viele Interpreten Bachs haben heute vor allem seine geniale Komposition im Blick. Und viele Zuhörer interessieren sich mehr für die Musik und kaum mehr für die Botschaft der Texte.

Ich dirigiere seit 47 Jahren und kämpfe in dieser ganzen Zeit dagegen, dass Musik zum Konsumgut herabgewürdigt wird. Bach hat nicht für den Genuss seiner Hörer geschrieben. Als vage religiös-ästhetische Erbauungsfeier wäre besonders die Johannespassion nicht ernst genommen. Bach will, dass der Mensch die Botschaft vernimmt, will aufrütteln, will aufwecken. Und was die geniale Komposition betrifft: Bachs gestalterische Notwendigkeiten resultieren aus theologischen Implikationen. Ich schließe aus, dass man allein mit Technik eine solche Musik schreiben kann. Der Isenheimer Altar ist auch nicht dafür da, dass man Perspektive studiert. Matthias Grünewalds Rang ist nicht nur durch die Maltechnik definiert. Aber eine solche Haltung ist typisch für unsere Zeit. Dagegen kämpfe ich: Ich möchte den Auftrag des alten Bach erfüllen, Glauben, seinen Glauben weitergeben – den ich leider nicht mehr habe.

Wie hat sich in den Jahrzehnten der Beschäftigung Ihre Sicht auf die Passionen Bachs verändert?

Zuerst war ich wie eine Konrad-Lorenz-Gans geprägt auf die Sichtweise von Karl Richter, unter dem ich als Bub im Knabenchor die Matthäuspassion mitgesungen habe. Radikal hat sich meine Sicht dann verändert durch Nikolaus Harnoncourt und sein Konzept der „Klangrede“. Für mich ist er einer der wichtigsten Musiker des 20. und 21. Jahrhunderts. Er hat den ganzen Karajan-Glanz und den Kult um Personen zurückgeführt auf das, um was es geht: die Musik.

Harnoncourt hat damals uns jungen Musikern eine neue Palette in die Hand gegeben, auf der wir viele neue Farben gefunden haben. Er hat das Bach-Bild reformiert. Von Karl Richter, der ein Inhalts- und Bekenntnismusiker war, habe ich mir behalten: Er wollte das Bekenntnis Bachs weitergeben. Heute versuche ich, von Richter die Emotion und von Harnoncourt das Wissen zu verbinden. Das ist keine Beschäftigung mit der Musik als l'art pour l'art. Ich glaube, dass man mit Musik die Seele der Menschen erreichen muss.

Warum, denken Sie, gibt es keine den Passionen vergleichbare Auferstehungsmusik?

Ganz einfach: Es gibt keine der Leidensgeschichte vergleichbare dramatische Erzählung. Die Stellen in der Bibel, die über die Auferstehung sprechen, sind zu kurz. Um die Begegnung Jesu mit den Jüngern von Emmaus wiederzugeben, reicht eine Kantate. Ein oratorisches Werk gibt eine solche Stelle nicht her.

Immerhin hat Georg Friedrich Händel „La Resurrezione“ geschrieben, also ein Werk über die Auferstehung.

Stimmt, aber Bach war im Gegensatz zu ihm ausschließlich an der Bibel orientiert. Bach sieht das Geheimnis woanders: In der Matthäuspassion im Bekenntnis derer, die Jesus ans Kreuz genagelt haben. Dieser Satz „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen“ ist fein nach dem Notenbild wie ein Regenbogen geschrieben. Eine Allegorie zum Alten Bund mit Noah und zum Neuen Bund, dem Christentum. Und die Johannespassion vereint musikalisch in Christi Worten Tod und Triumph. Das Kreuz wird zum Siegeszeichen. In der Alt-Arie nach „Es ist vollbracht“ komponiert Bach den Umschlag der Stimmung: Zunächst ist sie ein tonlos gebrochenes Echo der Worte Jesu, um dann plötzlich in einen Triumphgesang auszubrechen. Hier wird die Identität des nicht zu Vereinbarenden hörbar: h-Moll gegen G-Dur, Tod gegen Sieg.

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